Weihnachtsmonat besser mit den Bestellungen . Mit diesen Gedanken ging sie die Treppe hinunter , auf der eine einzige kaum zur Hälfte aufgedrehte Gasflamme brannte . Bis zu der kleinen Leihbibliothek waren es nur ein paar Schritte , als Lotte aber fühlte , dass die rauhe , frische Luft ihr gut that , legte sie ihre Scheu vor dem Alleingehen ab und schritt eiligst die Strasse ein paarmal auf und nieder . Plötzlich sah sie wieder alles mit heitereren , lebensfroheren Augen an . Lena hatte recht , sie durfte sich wirklich nicht einsperren wie eine Gefangene . Ein einziger Blick in die Aussenwelt liess gleich alles anders erscheinen . Ordentlich fröhlich schritt sie so einher und blieb sogar ganz wider ihre sonstige Gewohnheit zuweilen stehen , um einen Blick auf die hellerleuchteten Schaufensterauslagen zu werfen . So manches Geschäft hatte schon für Weihnachten gerüstet . Lotte überlegte , ohne diesmal an das leidige Geld zu denken , was sie Lena und dem Vater würde geben können . Aus dem grossen Bierrestaurant an der nächsten Ecke , das sie sonst in weitem Bogen ängstlich zu umkreisen pflegte , seitdem sie einmal gegen Abend an der Ausgangsthür von zwei jungen Leuten angesprochen worden war , trat eine heitere Menschengruppe . Junge Männer und ein paar Damen . Sie trugen Schlittschuhe in der Hand oder über den Arm gehängt , und sprachen lachend davon , wie gut der heisse Grog nach der rauhen Luft auf der Eisbahn ihnen gethan . Ein frischer , natürlicher Hauch ging von ihnen aus , etwas ursprüngliches , das Lottes krankem Gemüt wohlthat . Wer weiss , ob diese Menschen nicht auch ihre Sorgen hatten und konnten doch auf Stunden vergnügt sein . Warum sollte sie allein ihr Leben vertrauern , weil nicht gleich alles so ging , wie es hätte gehen sollen ? Konnte sich denn nicht alles mit einem Schlage ändern ? Konnte das , was sie vor zwei Monaten erträumt , als sie nach Berlin gekommen war , nicht dennoch Wahrheit werden ? Wo so viele , viele tausende einen sicheren Hafen fanden , weshalb sollte sie gerade scheitern ? Lotte richtete sich ein wenig straffer in den Schultern auf und ging mit festen Schritten vorwärts . Vor ihr trippelten drei kleine acht- bis zehnjährige Mädchen . Sie waren sehr ärmlich gekleidet und gegen die rauhe Luft nur mit verschlissenen Sommerjäckchen oder einem kreuzweis über die Brust geschlungenen Tuch geschützt . Arm in Arm spazierten sie fröhlich vor Lotte her und sangen dazu in einem schrillen Discant einen Gassenhauer , von dem Lotte nur den Refrain verstand : » Ich kenn ' die Welt genau , Ich lass mich nicht verführen , Dazu bin ich zu schlau . « Lotte wurde rot bis unter das goldbraune Stirnhaar . Mein Gott , was diese Berliner Kinder alles daherredeten , es war schrecklich ! Ganz dunkel gings ihr dabei durch den Sinn , dass die Armut am Ende einer so düsteren Vorschule bedürfe , die schon in der Kindheit vor nichts zurückschrecken macht , um sich mit Erfolg durchs Leben zu schlagen . Die unklaren Vorstellungen , die sich an das hässliche Lied knüpften , hatten Lotte wieder traurig gemacht , und mit dem melancholisch resignierten Lächeln , das jetzt schon in ihrem lieblichen Gesichtchen förmlich festgewachsen zu sein schien , trat sie endlich in den kleinen Buchladen ein . Der enge Raum war nur notdürftig erhellt , so dass Lotte anfangs nichts unterscheiden konnte , als ein paar hohe Bücherregale und die Platte des Ladentisches . Die schmale Glasthür zu einem Nebenzimmer in gleicher Flucht mit dem Laden stand offen . Auf einem breiten , altmodischen schwarzen Rosshaarsofa sass da ein junger Mann , eifrig über eine Papierlage gebückt und schrieb . Er schien das leise Anschlagen der Ladenthürklingel völlig überhört zu haben . Erst ein kleines Geräusch , das Lotte absichtlich machte , um seine Aufmerksamkeit zu erregen , liess ihn nervös von seiner Arbeit auffahren . Unwillig sprang er auf und trat durch die Glasthür hinter den Ladentisch . Zunächst mochten seine Gedanken noch bei der Arbeit sein , die er dort drinnen verlassen hatte , denn er gab auf Lottes bescheidene Fragen sehr konfuse Antworten . Dann plötzlich erhellte sich sein anfangs unmutig verzogenes Gesicht . Er drehte die Gasflamme über dem Ladentisch heller und beugte sich etwas zu Lotte hinüber , um seine Zerstreutheit zu entschuldigen . Während er ihr einige Bücher zur Auswahl vorlegte , bemerkte sie , dass er ein sehr brünetter , schlank aufgeschossener , ungewöhnlich hübscher junger Mensch war . Lotte blätterte , jetzt selber etwas zerstreut , in den ihr vorgelegten Romanbänden . Dann plötzlich sah sie zu dem jungen Mann auf und gerade in seine graublauen Augen , die er , wie sie jetzt fühlte , unentwegt auf sie gerichtet gehalten hatte . In tötlicher Verlegenheit stotterte sie etwas von Preisen , die sie erst kennen müsse , bevor sie eine Wahl träfe . Er nahm ein kleines vergilbtes Oktavblatt von einem erhöhten Pult hinter dem Ladentisch und händigte es ihr ein . Zerstreut überblickte sie die Abonnements-Bedingungen und sagte dann zögernd : » Also für ein Buch sind zehn Pfennige zu entrichten ? « » Für einen bis drei Tage , ja . Aber ich würde Ihnen vorschlagen , Fräulein , ein Abonnement zu nehmen . « Als sie einen Einwand erheben wollte , dessen Grund er ahnte , fiel er ihr rasch in die kaum begonnene Rede . » Eine Mark monatlich für ein Buch , Fräulein , und wenn Sie die Güte haben wollten , mir Namen und Adresse aufzuschreiben , würde das Pfand ganz fortfallen . « Nach einem , von Seiten des jungen Mannes dringenden , von Lottes Seite zögernd verlegenen Hin und Her wurde der Handel abgeschlossen . Trotz der Gegenwehr des jungen Mannes legte Lotte eine Mark auf den Ladentisch . Sie wusste von zu Haus , wo sie die armselige Leihbibliothek viel benutzt hatte , dass Leihgebühren