zuviel . Warum bin ich nur darauf eingegangen ? Ach du grauer Nebel , der du hinter mir liegst - kommst du mir gleich wieder nachgekrochen , legst dich trüb und drohend um meinen Horizont ? Ich wußt ' es ja ! ich wußt ' es ja gut , daß es schwer gehn würde . Im besten Fall , also wenn Mama regelmäßig schickt , und - darf ich das hoffen ? Und ich hoffe doch ! Nein , morgen muß ich das rückgängig machen mit der Wirtin ; neunzig Franken sind viel zu viel . 20. Oktober . Die Wirtin will nicht zurück . Sie besteht darauf , daß ich wenigstens einen Monat bleibe unter den abgemachten Bedingungen . Ich bin also gleich wieder kopflos in eine Klemme gerannt . Ich hätte vorher überlegen sollen , aber das ist so schwer zu lernen ! Hast du es gekonnt , Mutter ? Ach , warum dann hast du mir nichts vererbt von deiner Einsicht , deiner Vernunft ? Siehst du denn nicht , daß ich unverbesserlich bin ? Lieber Gott ! ich sollte jetzt reuig über meinen Leichtsinn nachgrübeln , und statt dessen fühl ' ich mich wie auf Flügeln , denn - ! » Ich bin ja heut beim Rektor gewesen ! « Mutter , hast du es gehört ? Hast du es gehört ? Ach , was frag ' ich viel , ich sah dich ja bei mir stehn , als ich bei ihm im Zimmer war . Und er so gütig ! So einzig freundlich und ermunternd . Er nimmt mich unbesehn ! Er nimmt mich unbesehn ! Das heißt vorläufig , auf mein Examenzeugnis als Lehrerin . Im Laufe der ersten Semester muß ich dann die Matura machen . Und wie gern ! Als er hörte , daß ich Jus studieren wolle , ward er ein wenig ernsthaft . » So , so ! ja , das ist ja vortrefflich ! Aber wie steht es denn mit Ihrem Latein ? « Als ich » nicht ganz schlecht « sagte , atmete er auf und wiederholte dasselbe wohlwollende : » Das ist ja vortrefflich . « In zwei Tagen ist die Immatrikulation . Mir ist so feierlich zu Mute , wie einer armen Seele , die in den Kreis der Unsterblichen geführt werden soll . Der Rektor hat mir solch einen kleinen Vorschmack von allem gegeben ; Tag und Nacht denke ich nichts andres . Sogar im Spiegel hab ' ich mich schon drauf angesehen : » Du , eine Studentin ! eine wirkliche Studentin ! « Ich trete gar nicht mehr auf den Boden , ich bin eigentlich immer da oben , wo es blau ist , zwischen den weißen Wolken ! Da treib ' ich mich herum und bin ein kleiner , kleiner Vogel mit weitausgespannten Flügeln und schwimme , schwimme , stumm vor Freude ! 21. Oktober . Ein Traum . Zu mir in die Stube kommt ein kleines grau und unscheinbar gekleidetes Mädchen und bittet mich , ob es sich nicht ein bißchen bei mir ausruhen dürfe . Darauf kauert es am Feuer . » Wer bist du eigentlich ? « frag ich sie , denn sie kommt mir so bekannt vor . Da sagt sie : » Ich bin eine Lerche . « » Eine Lerche ? da kannst du wohl schön singen ? « Da wurde sie traurig und sagte : » Ach nein , das ist es ja gerade ! « Und dann flüsterte sie : » Ich bin gefangen gewesen , hab ' lange Jahre im Käfig gesessen . Die Leute hatten mich gekauft , als sie von der Hochzeitsreise kamen , und ich habe viel Geld gekostet , aber nachher konnt ' ich doch nicht singen . « Dabei liefen ihr immer die Thränen herunter . » Und zuletzt ? « fragte ich . Da sagte sie noch leiser : » Zuletzt haben sie mich absichtlich fliegen lassen , damit ich umkommen soll . « Und ich fühlte , wie sie sich schämte , daß sie so nichtsnutzig war , und in diesem Augenblicke erkannte ich mich selbst , mein Gesicht und meine eignen Thränen , - ich wachte auf , und mein Kissen war naßgeweint . - Ich mußte mich erst lange besinnen , eh ' ich wußte , daß ich in Zürich bin . 23. Oktober . Die Immatrikulation ist vorüber , ich bin also jetzt akademische Bürgerin ! Sehr feierlich und schön war des Rektors kurze Rede bei der Aufnahme . Wir mußten versprechen , unsern Studien fleißig obzuliegen , die Satzungen zu halten , nichts zum Schaden oder zur Unehre der Universität zu unternehmen . Ich habe mit Begeisterung mein Handgelübde abgelegt . Der Rektor sah mich lächelnd an , ich glaube , ich habe ihm zu fest die Hand gedrückt . Solche Ungeschicklichkeiten mach ' ich immer . Ich müßte viel , viel ruhiger werden ! Die andern waren es freilich auch nicht : die Studentinnen , die mit mir aufgenommen wurden , sieben Mädchen , schienen alle aufgeregt . Die Männer sahen ganz unbefangen und vergnügt aus , - für sie ist es aber auch nicht die große Sache , wie für uns ! Oh , ich will eine treue Jüngerin der Wissenschaft , eine unerschrockene Kämpferin für das Recht werden ! Ich habe ja dich , meinen unsichtbaren Schutzgeist , neben mir , dich mit den weißen Rosen im blonden Haar . Immer seh ' ich dich so , nickend , lächelnd , ermutigend , tröstend ! Oh , meine geliebte Mutter , du wirst meine Mitstreiterin sein ! 24. Oktober . Heut bin ich in aller Frühe auf den Zürichberg hinauf . Wie wonnig es dort war ! Ein voller Sommertag . Der Himmel lacht durch die zitternden Zweige der Birken und in tieferem Blau durch die Lücken der schwärzlichen Fichten . Der frische Morgenwind schnellt den Thau von den bebenden Halmen , im Grase leuchten noch Blumen , blaßlila