hier nicht ein Leseinstitut , in dem man für nicht zu hohen Entgelt Eintritt hätte ? « Die Angeredete lächelte verbindlich . » Ich bin unverheiratet , Frau Walker - « Hildegard verbesserte sie - » meine Name ist Kampfmann , Lehrerin an der Elisabethenschule . Ja , was Sie sagten wegen des Lesekabinets - gewiß giebts das . In der Kronenstraße 60 , famos eingerichtet . Man läßt sich vorher in die Schriftstellergenossenschaft aufnehmen - « » Aber ich bin ja keine Schriftstellerin . « - » Das thut nicht das geringste , - und genießt da allerlei Vorteile . Zum Beispiel steht Ihnen ein Rechtsanwalt unentgeltlich zur Verfügung , Sie dürfen täglich nach Herzenslust hundert Zeitungen durchstöbern und last not least , man macht eine Menge netter Bekanntschaften . Wir alle gehen da aus und ein . « » Es ist sehr verlockend , was Sie mir da erzählen , aber - wie teuer kommt - « » Ah bah , ein für alle mal fünfzig Mark und jährlich zwölf Lesegebühr ; doch wahrhaftig nicht zu viel für das Gebotene . « » Das nicht , aber - « Die Lehrerin mit den etwas männlichen Zügen und den starken , kohlschwarzen Augenbrauen sah sie verständnisvoll an . » Mein Gott , ja , das kenne ich . Man ist manchmal ausgebeutelt . Jeder Pfennig ist da zu viel . Connu , connu . Aber sagen Sie , besitzen Sie denn niemand , der für Sie etwas thut , der für Sie sorgt ? « Gott sei dank , dachte Hildegard , endlich ein menschliches Wesen , mit dem man reden konnte . Die ehrlichen dunklen Augen Fräulein Kampfmanns veranlaßten Hildegard , offenherzig zu sein . Bald befanden sich die beiden in tiefem Gespräch miteinander . Vertrauen fordert Vertrauen . Auf den Wangen des Fräuleins glühten zwei rote Flecke auf . » Ich habe mich Ihnen als Lehrerin vorgestellt , aber ich bin nur äußerlich Lehrerin . Mein Beruf ist die Kunst ; das Zeichnen , das ich den Kindern beibringe , ist mir nur Mittel zum Gelderwerb . Sehen Sie , ich bin mit großen malerischen Anlagen zur Welt gekommen . Aus mir hätte ein Genie werden können . Schon mit acht Jahren porträtierte ich meine Eltern . Aber was glauben Sie ? Meinen Sie , ich hätte Aufnahme auf einer Akademie gefunden ? Mit nichten . Abgewiesen hat man mich . In München , in Dresden , in Berlin . Die Akademien wären nur für Männer da , wurde mir geantwortet . Ich arbeitete hierauf in verschiedenen Ateliers , aber selbstverständlich ohne es zu etwas rechtem zu bringen . Ich möchte Lenbach oder Grützner ohne ihre Akademie-Lehrjahre sehen . Aber die Frau natürlich , für die ist die Fortbildungsanstalt der männlichen Geniusse zu gut . Die kann ja auch hinterm Ofen vermittels Inspirationen etwas lernen . « » Glauben Sie nicht , « wandte Hildegard ein , » daß ein wirklich starkes , großes Talent sich doch Bahn bricht , wenn es auch nur einer Frau angehört ? « » Niemals , meine Liebe ; wie sollte es auch , wenn ihm ununterbrochen Hindernisse in den Weg gelegt werden . Beständige Entmutigung lähmt auch die robusteste Kraft . Und sehen Sie , diese Unterdrückung , diese himmelschreiende Ungerechtigkeit hat mich der Frauenbewegung zugeführt . Gebt Raum den Frauen , öffnet ihnen die öffentlichen Bildungsanstalten ! Zu Hauf werden sie kommen und euch beweisen , daß das Weib gleich befähigt mit dem Manne ist . « » Fräulein Kampfmann macht wieder ihrem Namen Ehre . « Eine große schlanke Dame neigte sich zu der erregten Sprecherin und legte ihr die Hand auf die Schulter . » Machen Sie unsere neue Genossin nur nicht gar zu kühn , sonst verknallt sie ihr Pulver an unrechter Stelle . « Hildegard lachte . » Denken Sie denn anders als das Fräulein ? « » In manchem ja , in manchem nein . Ich finde vor allem Fräulein Kampfmann zu heftig . Durch Leidenschaft erreichen wir nichts . Unsere wirksamste Waffe ist die Ironie . Die Männer von heute bieten ein so klägliches Bild , daß nichts besser zu ihrer Änderung beitragen kann , als ihnen dies Bild vor Augen zu halten . « Hildegard betrachtete interessiert die hübsche noch junge Frau , der das schwarzseidene , mit Perlen besetzte Kleid vortrefflich stand . » Sie haben leicht reden « sagte Fräulein Kampfmann über die Schulter . Die schöne Frau machte eine abwehrende Handbewegung und trat zu einer Gruppe plaudernder Damen . » Wer ist sie ? « fragte Hildegard . » Melanie Langenwang ? Vor allem eine schlaue Dame , mit viel Verstand - das glaubte sie nämlich - und wenig Herz . Aber ihr großartiger Verstand hat sie doch sitzen lassen . Sie hat sich nämlich mit einem halb blödsinnigen Mann verheiratet , in der Hoffnung , daß er nach der Hochzeit noch etwas blödsinniger würde , und sie dann die Verwaltung seines beträchtlichen Vermögens in die Hände bekäme . Aber sie hat sich schmählig getäuscht . Der Staat hat ihrem Mann einen Vormund gegeben , und sie hat nur einen Teil ihrer Zinsen zur Disposition bekommen . Seither ist sie Anhängerin der Frauenemancipation geworden . Sie möchte den Paragraphen im bürgerlichen Gesetzbuch , der von der Verwaltung des Vermögens der Frau handelt , umgeändert wissen . « In diesem Augenblick entstand einiges Gedränge an der Thür . Mehrere Frauen brachen auf und verabschiedeten sich in stürmischer Weise von Frau von Werdern . Hildegard erhob sich . » Mein Gott , es ist spät geworden . Ihre interessante Gesellschaft hat mich die Zeit vergessen lassen . « Auch Fräulein Kampfmann stand auf . » Ich habe noch fünfzig Hefte zu korrigieren , kann auch mir nicht schaden , wenn ich gehe . Haben Sie denselben Weg wie ich ? Ich wohne Schiffbauerdamm . « » Ich unter den Linden . « » Also ein Stück gehen wir jedenfalls miteinander «