Teufel denn dort ? Willibald begriff durchaus nicht , weshalb man sich gegen den alten Buschklepper durch einen Hauptposten schützen wollte , vor diesem alten Mann , der ganz gewiß nicht in der Nacht revidierte . Aber er ging , doch ein wenig stolz darauf , daß er den gefährlichsten Posten erhalten hatte , bis zum Direktorhause und dachte einstweilen nur an seine Pflicht . Als er aber den vorschriftsmäßigen Pfiff gethan hatte und ringsum nichts Verdächtiges zu bemerken war , da kam ihm plötzlich der Gedanke an Josephine . Wenn ich durch den Lehrergarten hinten herumginge , dachte er sich , so käme ich an die Hinterthüre von Buschkleppers Hause . Dort wird mich Fliczek nicht merken , der natürlich an der Vorderthüre aufpaßt . Vielleicht ist hinten noch Licht , und ich sehe sie . Kaum , daß er sich das gedacht hatte , war er auch schon auf dem Wege . Der war zwar unbequem , denn er mußte immer über die Zäune steigen , die zwischen den einzelnen Lehrergärtchen waren , auch stieß er sich bald an einen Baum , bald kam er in ein Gebüsch , bald sank er in ein Beet , aber er wäre ja durch Meere geschwommen , um in Josephinens Nähe zu kommen . Er zählte die Stackete ab . Fünf hatte er nun , nach dem sechsten war er in Buschkleppers Garten . Herrgott , wie ihm das Herz schlug ! Da , eben , als er übersteigen wollte , hörte er was flüstern . Himmel ! Wer ist das ! Er schlich sich nahe an das Stacket , um genau zu hören , wo das Geflüster herkam . Rechts hinten wars , drüben in der Laube . Er schlich das Stacket entlang nach rechts , der Laube zu . Das Geflüster wurde vernehmlicher . Plötzlich hörte er : - Pscht ! - Was denn ? - Da knackte was ! - Ä , nee ! Willibald wurde es siedendheiß . War das nicht ... ? Aber er ging näher . Und er hörte : - Bleib doch noch e bißl ! - Nein , nein , ich muß zu den andern , sonst merken sie ' s. - Ach , Du ! Da , an diesem Ach Du ! merkte Willibald , daß die eine Stimme Josephinens war , und mit einem Male wußte er , daß die andre die Fliczeks sein mußte . Eine jagende Wut überkam den kleinen Burschen . Mit einem Sprunge war er übers Stacket , mitten in die Finsternis hinein . Ein Aufschrei rechts vor ihm . Nur ein paar Schritte . Noch ehe Fliczek davon konnte , war Willibald dort und drasch auf den Fliehenden mit seinen kleinen Fäusten wie rasend los . Dann wandte er sich um und blieb vor Josephine stehen : - Du , Du , Du Luder , Du , Du Luder ! - Ja , Du , was willst denn Du hier ? - Ich , ich , ich ... Und nun heulte der arme Junge los , daß das Mädchen seinen Schreck und seinen Zorn vergaß und ihn tröstete . Er war ganz besinnungslos und legte seine Hände auf ihre Achseln und lehnte seinen Kopf darauf und schluchzte : Du ... mußt ... mir ... nicht böse sein , ich , ich ... ach ... Und er heulte wieder . - Nein , nein , ich bin Dir ja nicht böse , ich ... ich bin Dir wirklich nicht böse ... nein , aber nu geh doch , geh ! Da war der kleine Junge wieder ganz selig und fiel dem Mädel um den Hals und drückte sie , preßte sie , quetschte sie , daß sie ihre Not hatte , ihn von sich abzustreifen . Ihr Gesicht war ganz naß von seinen Thränen , und die offenen Haare hingen ihr über die Brust vor . Sie sahen einander nicht , aber ihre Blicken hingen ineinander . Schließlich versetzte ihr Willibald einen Kuß , so laut und schallend , daß sie nun , ob auch ungern , es für unumgänglich nötig hielt , ein Ende zu machen . - Nu geh , Du , mach , sonst kommt noch jemand . Aber so geh doch ! Willibald ließ sie nicht los . - Du , ich schreie nu aber ! Und wenn mei Vater kommt ! Der Gedanke an den alten Buschklepper brachte Willibald zur Besinnung . - Ja , ja , aber nicht mehr mit Fliczek ' n ! - Nee , nee , geh nur ! Willibald ließ sie los und lief davon . Er lief , als hätte er keinerlei Ursache , leise und vorsichtig aufzutreten , er sprang quer über den Hof , nach dem Classenzimmer zu . Plötzlich zwang ihn etwas , stehen zu bleiben . Herrgott , wenn jetzt die Andern geklappt sind ! Und ich bin schuld daran ! Ich ? Nee : Ficzek ! Und jetzt kam die Wut nochmals über ihn , und statt durch die Thüre zu gehn , sprang er durchs Fenster in den Corridor . Da roch es wundergut nach Äpfeln . Das besänftigte ihn . Leise schlich er sich hinauf in den Schlafsaal . Nr. 172 , auch ein Selektaner , lag noch wach und kaute an einem Apfel : - Was kommst Du denn so späte ? - Ich hab , ich hab gedacht , ich muß noch Posten stehn . - I , Unsinn . Wir sind schon lange oben . Deine Äppel und Fliczek ' n seine hat der lange Ayrich . Willst Du een ' ? Ich habs ganze Bette voll . - Gieb nur ! Und auch der Apfel schmeckte gut . Sechstes Kapitel Als Willibald am nächsten Morgen erwachte , war sein erster Gedanke Josephine , sein zweiter Fliczek . Bei dem ersten war ihm linde und gut zu Mute , bei dem zweiten ballte er die Fäuste . Er hatte die Empfindung , daß er sich heute