Manuskript in der Tasche . » Wenn das nicht zum Helfer in der Not wird , schieß ich mir eine Kugel vor den Kopf « sagte er finster auf das Papier deutend . Er ging aufgeregt die ganze Nacht hin und her . Am Morgen entfernte er sich . Das Papier enthielt eine mühsame Arbeit . Einige jüdische Familien , deren Häupter an der Spitze großer sozialer Unternehmungen standen , wurden darin verschiedener privater Ausschreitungen beschuldigt . Ihre Stellung in der Gesellschaft war gefährdet . Ein ungeheurer Prozeß mit vielen schmutzigen Enthüllungen drohte . Das bekannte Skelett , das ja in jedem Familienhause verborgen sein soll , war hier mit erbarmungslosem Griff ans Licht gezerrt . Es gehörte zähe Ausdauer , ungewöhnliche Orts- und Personalkenntnis dazu , dies Schriftstück zu verfassen . Es hieß : » Enthüllungen « und war nichts weiter , als die letzte verzweifelte Anstrengung eines zum Schurken gewordenen Menschen , sich Geld zu verschaffen . Nach einigen Tagen kam Schüler heiter und ruhig zurück . » Ich habe in der Theresienstraße eine Wohnung gemietet , bin Redakteur am Tagesbericht geworden , und bitte dich nun , dir anständige Kleider und anständige Mobilien für unsere Wohnung zu kaufen . Hier hast du Geld « . Er drückte ihr einen Tausendmarkschein in die Hand . Er hatte erreicht , was er wollte . Man hatte ihm eine feste Stellung zugesichert , wenn er - schweige . Er erhielt einen gut bezahlten Posten an einer nicht übel angeschriebenen Zeitung . Nun lebten sie sorgenlos nebeneinander . Er ging täglich nach seiner Redaktion , schrieb wütende Artikel gegen die Antisemiten und gab sich als braven Judenfreund . Er himmelte Baron Hirsch an , und verfaßte ein Adreßbuch der bekanntesten jüdischen Familien . In seinen müßigen Stunden dichtete er auch . Nachdem er zwei Jahre am Redaktionstisch gearbeitet hatte , erzwang er sich einen Urlaub mit guten Diäten . Unter dem Decknamen eines Berichterstatters reiste er ab . Zunächst nach Frankreich . Seine Freundin ließ er zu Hause . Er sandte etliche Reiseberichte an seine Zeitung . Mathilde Wachmann erhielt dann und wann eine Postkarte . Endlich verstummte er ganz . Es vergingen einige Wochen , es verging ein Monat . Eines Tages klingelt es . Frau Wachmann geht zu öffnen . Ernst Schüler , ein junges , schönes Mädchen an der Hand , tritt ein . » Hier ist Mathilde Wachmann , meine Wirtschafterin , die mir mehr als Wirtschafterin , die mir Freundin und Beraterin ist . Sei gut gegen sie . Hier meine kleine , süße Frau , die ich deinem Herzen empfehle « . Er warf einen Blick auf die beiden Frauen , die einander anstarrten , und ging hinein , sich seiner Reisekleider zu entledigen . Alice war klein , herzig , neunzehnjährig . Er hatte sie in einem lothringischen Städtchen kennen gelernt , wo er ihren Bruder , einen ziemlich bekannten Schriftsteller , besuchte . Sie besaß nichts als den Anzug , den sie eben trug , ein verschossenes grünes Röcklein mit gelben Seidenrosetten geziert . Er hatte sich rasend in sie verliebt und sie halb zur Kirche geschleppt . Der Bruder war nicht dagegen gewesen , denn die Sorge um den Unterhalt seiner Schwester hatte ihn immer viel beschäftigt . Seine schriftstellerischen Einkünfte waren gering , und außerdem hatte er noch für seine beiden Kinder zu sorgen . Die kleine Alice mit ihrem brauen Lockenköpfchen , ihren sonnigen , großen Augen und wunderbaren Pfirsischfarben lachte gerne , trank mit Vorliebe süße Weine , und brauchte täglich drei Stunden , um ihre Stirnlöckchen vor dem Spiegel zu ordnen . Von Wirtschaft verstand sie nichts . Aber sie kommandierte brav ihre Haushälterin . Das Weib mit den vor Kummer eingefallenen Wangen , den stumm anklagenden Augen , ging wie ein düsterer Schatten im Hause umher . Hätte sie fort sollen ? Wohin ? Jetzt , wo das Alter vor der Thüre stand , wo sie so viel um ihn gelitten , wo sie ihn liebte mit dem Wundgefühl des Weibes , das alles hingegeben hat . Sie blieb und lauschte vor der Schlafzimmerthür den Liebkosungen des jungen Paares . Alice glaubte anfänglich alles , was ihr Mann über Mathilde Wachmann gesagt hatte . Aber eines Tages warf sich die ältere Frau an die Brust der Jungen und schluchzte in herzzerreißendem Jammer : » Nimm ihn mir doch nicht ganz . Laß ihn mir doch auch ein bischen ! « . Da begriff das junge Weib . Von der Zeit an war sie zurückhaltender gegen Ernst . Manchmal , wenn er nach Hause kam , fand er die beiden Frauen Hand in Hand nebeneinander sitzen . Das war ihm nicht recht . Das wollte er nicht . Er verbot seiner Frau den gar zu vertraulichen Umgang mit der andern . » So jag sie fort « schrie sie in Thränen ausbrechend . Das konnte er nicht . Alice stieß ihn , wenn er sie liebkosen wollte , von sich . Es kam eine Zeit , wo er in die mütterlichen Arme Mathildens flüchtete , um das Leid , das ihm sein Weib bereitete , zu vergessen . Die junge Frau weinte sich die Augen rot . Da siegte wieder Mathildens Güte . » Geh zu ihr , versöhne sie ; sie stirbt , oder verläßt dich sonst « . Er warb wie ein Liebhaber um sie . Sie wurde wieder gefügig gegen ihn , aber traurig blieb sie , sehr traurig . Und ihre rosige Schönheit begann zu verbleichen . An einem der Tage in dieser Periode war es , als Schüler zu Wewerka kam . Die beiden hatten immer allerlei geheime Geschäfte miteinander , die meist nicht sehr lauterer Natur waren . Während Ernst mit dem Ehepaare plauderte , aber die warmen neugierigen Kinderblicke Johannens auf seinem Antlitz ruhen fühlte , stieg ein Gedanke in ihm auf . » Fräulein Grün « wandte er sich an sie , » wissen Sie , wem Sie ähnlich sehen