... » Abschied , Abschied ! « hieß der Alarm . Als ich zum zehnten oder zwölften male so aus dem Schlummer auffuhr , war es Tag und die Kerze flackerte noch . Man klopfte an der Thür . » Sechs Uhr , Herr Oberlieutenant , « meldete die Ordonnanz , welche Befehl erhalten hatte , rechtzeitig zu wecken . Arno richtete sich auf ... Jetzt also war die Stunde gekommen - jetzt würde es gesprochen werden , dieses jammer-jammervolle Wort » Lebwohl « . Es war ausgemacht worden , daß ich ihn nicht zur Bahn begleiten würde . Die eine Viertelstunde mehr oder weniger des Beisammenseins - auf die kam es nicht mehr an . Und das Leid der letzten Losreißung , das wollte ich nicht vor fremden Leuten bloßlegen ; ich wollte allein in meinem Zimmer sein , wenn der Abschiedskuß getauscht worden , um mich auf den Boden werfen - um schreien , laut schreien zu können . Arno kleidete sich rasch an . Dabei sprach er allerlei Tröstliches auf mich ein : » Wacker , Martha ! In längstens zwei Monaten ist die Geschichte vorbei und ich bin wieder da .... Zum Kuckuck - von tausend Kugeln trifft nur eine und die muß nicht gerade mich treffen .... Es sind andere auch schon aus dem Krieg zurückgekommen : sieh ' Deinen Papa . Einmal mußte es doch sein . Du hast doch keinen Husarenoffizier in der Idee geheiratet , sein Handwerk sei die Hyazinthenzucht ? Ich werde Dir oft schreiben , so oft als möglich , und Dir berichten , wie frisch und fröhlich die ganze Campagne vor sich geht . Wenn mir was Schlimmes bestimmt wäre , so könnte ich mich nicht so wohlgemut fühlen ... einen Orden geh ' ich mir holen , weiter nichts .... Gib nur hier recht acht auf Dich selber und auf unsern Ruru - der , wenn ich avanciere , auch wieder um einen Grad vorrücken darf . Grüß ihn von mir ... ich will den Abschied von gestern Abend nicht noch wiederholen . ... Dem wird ' s einmal ein Vergnügen sein , wenn ihm sein Vater erzählt , daß er im Jahr 59 bei den großen italienischen Siegen dabei gewesen . « ... Ich hörte ihm gierig zu . Dieses zuversichtliche Geplauder that mir wohl . Er ging ja gern und lustig fort - mein Schmerz war also ein egoistischer , daher ein unberechtigter - dieser Gedanke würde mir die Kraft geben , ihn zu überwinden . Wieder klopfte es an der Thüre . » Es ist schon Zeit , Herr Oberlieutenant . « » Bin schon fertig - komme gleich . « Er breitete die Arme aus : » Also jetzt , Martha , mein Weib , mein Lieb - « Schon lag ich an seiner Brust . Reden konnte ich nicht . Das Wort Lebewohl wollte mir nicht über die Lippen - ich fühlte , daß ich bei Äußerung dieses Wortes zusammenbrechen mußte , und die Ruhe , den Frohmut seiner Abfahrt durfte ich ja nicht vergällen . Den Ausbruch meines Schmerzes sparte ich mir - wie eine Art Belohnung - auf das Alleinsein auf . Nunmehr aber sprach er es , das herzzerreißende Wort : » Leb ' wohl , mein alles , leb wohl ! « und drückte innig seinen Mund auf den meinen . Wir konnten uns aus dieser Umarmung garnicht losreißen - war es doch die letzte . Da plötzlich fühle ich , wie seine Lippen beben , seine Brust sich krampfhaft hebt ... und - mich freilassend , bedeckt er sein Gesicht mit beiden Händen und schluchzt laut auf . Das war zu viel für mich . Ich glaubte wahnsinnig zu werden . » Arno , Arno , « rief ich , ihn umklammernd : » Bleib , bleib ! « Ich wußte , daß ich unmögliches verlangte , doch rief ich hartnäckig : » Bleib , bleib ! « » Herr Oberlieutenant , « kam es von draußen , » schon höchste Zeit . Noch einen Kuß - den allerletzten - und er stürzte hinaus . Charpie zupfen , Zeitungsberichte lesen , auf einer Landkarte Stecknadelfähnchen aufstecken , um den Bewegungen der beiden Heere zu folgen und daraus Schachaufgaben , in der Fassung von » Österreich zieht an und setzt mit dem vierten Zuge matt « zu lösen trachten ; in der Kirche fleißig um Schutz für seine Lieben und um den Sieg der vaterländischen Waffen beten ; von nichts anderem reden als von den vom Kriegsschauplatz eingetroffenen Nachrichten : - das war es , was meine und die Existenz meiner Verwandten- und Bekanntenkreise nunmehr ausfüllte Das Leben mit allen seinen übrigen Interessen schien für die Dauer des Feldzuges sozusagen in der Schwebe ; alles bis auf die Frage » wie und wann wird der Krieg enden ? « war der Wichtigkeit , ja beinahe der Wirklichkeit beraubt . Man aß , man trank , man las , man besorgte seine Geschäfte , aber das alles » galt « eigentlich nicht - nur eins war von vollgewichtiger Gültigkeit : die Telegramme aus Italien . Meine größten Lichtblicke waren selbstverständlich die Nachrichten , welche ich von Arno selber erhielt . Diese waren sehr kurz gefaßt - das Briefschreiben ist niemals seine starke Seite gewesen - ; aber sie brachten mir doch das beglückendste Zeugnis ; noch am Leben - unverwundet . Sehr regelmäßig konnten diese Briefe und Depeschen freilich nicht eintreffen , denn oft waren die Verbindungen abgebrochen , oder - wenn es irgendwo zur Aktion kam - der Feldpostdienst aufgehoben . Wenn so einige Tage vergangen waren , ohne daß ich von Arno gehört , und es wurde eine Verlustliste veröffentlicht - mit welchem Bangen las ich da nicht die Namen durch ! ... Es ist so spannend , wie für den Losbesitzer das Durchsehen der Gewinnnummern einer Ziehungsliste , aber in umgekehrtem Sinne : was man da sucht , wohl wissend , daß man ( Gott sei Dank