zusammengefegt hatte . Sie gingen ein paarmal auf und ab und sahen auf die Stadt , auf deren verschneite Dächer das Mondlicht fiel . Aus der Ferne her hörte man das Läuten einzelner Schlitten , aller eigentliche Lärm aber schien erstickt unter dem weißen Tuch . Und nun traten sie bis an die Brüstung , wo der zusammengewehte Schnee lag , und sahen in den Winterhimmel hinauf , der in wundervoller Pracht über ihnen glitzerte . » Sieh , das ist der Große Bär . Und da sind wir zu Haus , da liegt unsere Jugend , unsere Kindheit . Ach , Hannah , es war doch unsere schönste Zeit , als wir noch abends in den Turm gingen und die Betglocke läuteten und die Grabsteine der alten Pastoren anstarrten , die mit ihren Ringkragen an den Wänden umherstanden . Und wenn uns dann der Glockenstrick aus der Hand fuhr und mit einem Mal in die Höhe schnellte , sieh , da war mir ' s immer , als hätte sich der Gottseibeiuns über unser Läuten gebost und den Strick uns weggezogen . « » Ach , rede nicht so , Fränzl ; wenn du so sprichst , dann überdenkst du jedesmal etwas Tolles oder Törichtes . « » Aber diesmal nicht . Ich überdenke gar nichts . Ich habe nur mit einem Mal eine schmerzliche Sehnsucht nach dem Kirchenplatz hin , wo wir spielten und uns auf die Holzstämme setzten und Geschichten erzählten . Und von fernher hörten wir dann das Meer , das draußen rauschte . Mir ist ' s , als hört ich ' s noch . « » Willst du zurück ? « Franziska schüttelte den Kopf . » Nein , nicht zurück . Eine Sehnsucht ist etwas anderes als der Wunsch , es wiederhaben zu wollen . Was sollt ich auch da ? Mit einer Schauspielerin ist es ein eigen Ding . Im Petöfyschen Hause gilt sie viel oder vielleicht viel , aber im Hause von Bäckermeister Utpatel , auf dessen Bank wir immer saßen und Butterblumenstengel zusammensteckten , in dessen Hause gilt sie wenig oder nichts . Nein , Hannah , nicht zurück ! Aber zurück oder nicht , die Liebe bleibt , und einen Gruß wollen wir wenigstens in die Heimat hinüberschicken . « Und sie nahm eine Handvoll Schnee vom Boden und warf ihn nach Norden zu . Der Nachtwind aber , der ging , zerstäubte den Ball wieder und trug die Kristallchen blinkend durch die Luft . Fünftes Kapitel Einige Wochen lang setzte sich der Verkehr Franziskas mit dem Petöfyschen Hause fort , dann aber brach er etwas auffällig ab , und selbst die Besuche , die der Graf noch eine Zeitlang in dem Eckhause der Salesinergasse gemacht hatte , hörten auf . Es hieß , was auch zutraf , er sei verreist , und erst von Paris aus gab er wieder ein Lebenszeichen und entschuldigte sich in den verbindlichsten Worten seiner plötzlichen Abreise halber . Aber so verbindlich diese Worte waren , so waren sie doch kühler als gewöhnlich oder wenigstens befangener . Franziska fühlte das heraus , war indessen an derartig wechselnde Vorgänge zu sehr gewöhnt , um ein besonderes Gewicht darauf zu legen . Anders in dem engeren Zirkel , der sich nach wie vor an jedem dritten Abend im Salon der Gräfin versammelte . Hier wurde nicht bloß dem Ausbleiben des Fräuleins , sondern weit mehr noch der Abreise des Grafen eine gewisse Bedeutung beigelegt , bei welcher Gelegenheit man nicht unterließ , sich die seltsamsten Dinge zuzuflüstern . Der alte Graf sei regelrecht verliebt oder interessiere sich wenigstens bis zur Torheit für das junge Fräulein , und so sei denn die ganze Pariser Reise nichts weiter als eine Flucht . Die Gräfin habe mit Rücksicht auf den eigensinnigen Charakter des Grafen anfänglich seiner Reise widersprochen , natürlich nur in der Absicht , ihn durch solchen Widerspruch in seinem Plane desto fester zu machen . Andere dagegen wollten von dem allem nichts wissen und hoben ihrerseits hervor , daß die » jours de fête « für den alten Grafen vorüber seien ; sie begegneten aber nur dem Spott aller medisanten Klub- und Kasinohabitués , die nicht müde wurden , auf den siebenzigjährigen Goethe , ja zuletzt sogar auf König Sigurd Ring hinzuweisen , der noch mit neunzig Jahren in Leidenschaft verfallen und auf die Freite gezogen sei . Der Graf aber sei Vollblutungar und könne mehr . Ein Echo dieser Gespräche würde zweifellos auch bis zu Franziska hinauf gedrungen sein , wenn diese nicht durch ein nervöses Fieber , in das sie bald nach der Abreise des Grafen verfiel , vor allem derartigen Gerede bewahrt geblieben wäre . Sie lag wochenlang in jenem apathischen Dämmerzustande , der der Begleiter und fast auch der Freund dieser Krankheit ist , und als endlich dieser Zustand geschwunden und ihr ein wenigstens umschleiertes Interesse für die Dinge des Lebens zurückgekehrt war , da waren viele Wochen vergangen und beinahe heiße Sommertage da , trotzdem erst Frühling im Kalender stand . Am letzten Apriltage saß Franziska an ihrem Fenster und sah zum ersten Male wieder auf das bunte Treiben der Stadt unten , und siehe da , noch ehe die Mitte des Mai heran war , war sie schon in einem jener reizend gelegenen , in weitem Halbkreise die Hauptstadt nach Süden hin umziehenden Villendörfer einquartiert und genoß hier die Wonne der Rekonvaleszenz . Es hatte sich dabei so glücklich getroffen , daß eine befreundete Kollegin - und zwar um so befreundeter , als sie das Fach der hoben Tragödie kultivierte - mit ihr in die Sommerfrische gegangen war , einer Molkenkur halber , die sie sich unter Hinweis auf ihr » total erschöpftes Organ « vom Theaterarzt hatte verordnen lassen . Eine Verordnung , in die dieser lächelnd , aber doch zugleich auch mit der Bemerkung gewilligt hatte : » Wollte Gott , Fräulein Phemi , daß ich mich annähernd Ihres Organs erfreute . « Natürlich war auch Hannah mit draußen