vergaß Heidi sogar die Geißen und auch den Peter . Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die Seite , denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Heidi auf alle Seiten . Und überall brach Heidi ganze Scharen von den Blumen und packte sie in sein Schürzchen ein , denn es wollte sie alle mit heimnehmen und ins Heu stecken in seiner Schlafkammer , daß es dort werde wie hier draußen . - So hatte der Peter heut ' nach allen Seiten zu gucken , und seine kugelrunden Augen , die nicht besonders schnell hin- und hergingen , hatten mehr Arbeit , als der Peter gut bewältigen konnte , denn die Geißen machten es wie das Heidi : sie liefen auch dahin und dorthin , und er mußte überallhin pfeifen und rufen und seine Rute schwingen , um wieder alle die verlaufenen zusammenzutreiben . » Wo bist du schon wieder , Heidi ? « rief er jetzt mit ziemlich grimmiger Stimme . » Da « , tönte es von irgendwoher zurück . Sehen konnte Peter niemand , denn Heidi saß am Boden hinter einem Hügelchen , das dicht mit duftenden Prünellen besät war ; da war die ganze Luft umher so mit Wohlgeruch erfüllt , daß Heidi noch nie so Liebliches eingeatmet hatte . Es setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in vollen Zügen ein . » Komm nach ! « rief der Peter wieder . » Du mußt nicht über die Felsen hinunterfallen , der Öhi hat ' s verboten . « » Wo sind die Felsen ? « fragte Heidi zurück , bewegte sich aber nicht von der Stelle , denn der süße Duft strömte mit jedem Windhauch dem Kinde lieblicher entgegen . » Dort oben , ganz oben , wir haben noch weit , drum komm jetzt ! Und oben am höchsten sitzt der alte Raubvogel und krächzt . « Das half . Augenblicklich sprang Heidi in die Höhe und rannte mit seiner Schürze voller Blumen dem Peter zu . » Jetzt hast genug « , sagte dieser , als sie wieder zusammen weiter kletterten ; » sonst bleibst du immer stecken , und wenn du alle nimmst , hat ' s morgen keine mehr . « Der letzte Grund leuchtete Heidi ein , und dann hatte es die Schürze schon so angefüllt , daß da wenig Platz mehr gewesen wäre , und morgen mußten auch noch da sein . So zog es nun mit dem Peter weiter , und die Geißen gingen nun auch geregelter , denn sie rochen die guten Kräuter von dem hohen Weideplatz schon von fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin . Der Weideplatz , wo Peter gewöhnlich Halt machte mit seinen Geißen und sein Quartier für den Tag aufschlug , lag am Fuße der hohen Felsen , die , erst noch von Gebüsch und Tannen bedeckt , zuletzt ganz kahl und schroff zum Himmel hinaufragen . An der einen Seite der Alp ziehen sich Felsenklüfte weit hinunter und der Großvater hatte recht , davor zu warnen . Als nun dieser Punkt der Höhe erreicht war , nahm Peter seinen Sack ab und legte ihn sorgfältig in eine kleine Vertiefung des Bodens hinein , denn der Wind kam manchmal in starken Stößen dahergefahren , und den kannte Peter und wollte seine kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen ; dann streckte er sich lang und breit auf den sonnigen Weideboden hin , denn er mußte sich nun von der Anstrengung des Steigens erholen . Heidi hatte unterdessen sein Schürzchen losgemacht und schön fest zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die Vertiefung hineingelegt , und nun setzte es sich neben den ausgestreckten Peter hin und schaute um sich . Das Tal lag weit unten im vollen Morgenglanz ; vor sich sah Heidi ein großes , weites Schneefeld sich erheben , hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf , und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse , und zu jeder Seite derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die Bläue hinauf und schaute von dort oben ganz ernsthaft auf das Heidi nieder . Das Kind saß mäuschenstill da und schaute ringsum , und weit umher war eine große , tiefe Stille ; nur ganz sanft und leise ging der Wind über die zarten , blauen Glockenblümchen und die goldnen strahlenden Cystusröschen , die überall herumstanden auf ihren dünnen Stengelchen und leise und fröhlich hin- und hernickten . Der Peter war entschlafen nach seiner Anstrengung , und die Geißen kletterten oben an den Büschen umher . Dem Heidi war es so schön zumute , wie in seinem Leben noch nie . Es trank das goldene Sonnenlicht , die frischen Lüfte , den zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar nichts mehr , als so da zu bleiben immerzu . So verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den hohen Bergstöcken drüben aufgeschaut , daß es nun war , als hätten sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihm hernieder , so wie gute Freunde . Jetzt hörte Heidi über sich ein lautes , scharfes Geschrei und Krächzen ertönen , und wie es aufschaute , kreiste über ihm ein so großer Vogel , wie es nie in seinem Leben gesehen hatte , mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft umher , und in großen Bogen kehrte er immer wieder zurück und krächzte laut und durchdringend über Heidis Kopf . » Peter ! Peter ! erwache ! « rief Heidi laut . » Sieh , der Raubvogel ist da , sieh ! sieh ! « Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach , der sich nun höher und höher hinaufschwang ins Himmelblau und endlich über grauen Felsen verschwand . » Wo ist er jetzt hin ? « fragte Heidi , das mit gespannter Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte . » Heim ins Nest « , war Peters Antwort . »