Still stand der Sonne , wenn ich mich zu verspäten drohte , oder auch um Erlangung eines fremden leckeren Backwerkes . Als die Jungfrau , welche ich die weiße Wolke nannte , einst für lange Zeit verreiste und eines Abends bei uns Abschied nahm , während ich schon in meinem Bettchen lag , jedoch alles hörte , bat ich meinen himmlischen Vater in sehnlichen Ausdrücken , er möchte bewirken , daß sie mich hinter meinen Vorhängen nicht vergesse und noch einmal tüchtig küsse . Ich schlief über der steten Wiederholung des gleichen kurzen Satzes endlich ein und weiß zur Stunde noch nicht , ob meine Bitte in Erfüllung gegangen ist . Eines Tages wurde ich zur Strafe über die Mittagszeit in der Schule zurückbehalten und eingeschlossen , so daß ich erst auf den Abend zu essen bekam . Das war das erste Mal , wo ich den Hunger kennen und zugleich die Ermahnungen meiner Mutter verstehen lernte , welche mir Gott vorzüglich als den Erhalter und Ernährer jeglicher Kreatur anpries und als den Schöpfer unsres schmackhaften Hausbrotes darstellte , der Bitte gemäß Gib uns heut unser tägliches Brot ! Überhaupt gewann ich für die Nahrungsdinge Interesse und manche Einsicht in die Beschaffenheit derselben , indem ich fast ausschließlich den Verkehr von Frauen mit ansah , dessen Hauptinhalt der Erwerb und die Besprechung von Lebensmitteln war . Auf meinen Wanderungen durch das Haus drang ich allmählich tiefer in den Haushalt der Mitbewohner ein und ließ mich oft aus ihren Schüsseln bewirten , und undankbarerweise schmeckten mir die Speisen überall besser als bei meiner Mutter . Jede Hausfrau verleiht , auch wenn die Rezepte ganz die gleichen sind , doch ihren Speisen durch die Zubereitung einen besondern Geschmack , welcher ihrem Charakter entspricht . Durch eine kleine Bevorzugung eines Gewürzes oder eines Krautes , durch größere Fettigkeit oder Trockenheit , Weichheit oder Härte bekommen alle ihre Speisen einen bestimmten Charakter , welcher das genäschige oder nüchterne , weichliche oder spröde , hitzige oder kalte , das verschwenderische oder geizige Wesen der Köchin ausspricht , und man erkennt sicher die Hausfrau aus den wenigen Hauptspeisen des Bürgerstandes ; ich meinerseits , als ein frühzeitiger Kenner , habe aus einer bloßen Fleischbrühe den Instinkt geschöpft , wie ich mich zu der Meisterin derselben zu verhalten habe . Die Speisen meiner Mutter hingegen ermangelten sozusagen aller und jeder Besonderheit . Ihre Suppe war nicht fett und nicht mager , der Kaffee nicht stark und nicht schwach , sie verwendete kein Salzkorn zuviel , und keines hat je gefehlt ; sie kochte schlecht und recht , ohne Manieriertheit , wie die Künstler sagen , in den reinsten Verhältnissen ; man konnte von ihren Speisen eine große Menge genießen , ohne sich den Magen zu verderben . Sie schien mit ihrer weisen und maßvollen Hand , am Herde stehend , täglich das Sprichwort zu verkörpern Der Mensch ißt , um zu leben , und lebt nicht , um zu essen ! Nie und in keiner Weise war ein Überfluß zu bemerken und ebensowenig ein Mangel . Diese nüchterne Mittelstraße langweilte mich , der ich meinen Gaumen dann und wann anderswo bedeutend reizte , und ich begann über ihre Mahlzeiten eine scharfe Kritik zu üben , sobald ich satt und die letzte Gabel voll vertilgt war . Da ich mit meiner Mutter immer allein bei Tische saß und sie lieber auf Gespräch und Unterhaltung dachte als auf ein genaues Erziehungssystem , so wies sie mich nicht kurz und strafend zur Ruhe , sondern widerlegte mich mit Beredsamkeit und stellte mir hauptsächlich vor , auf Menschenschicksale und Lebensläufe übergehend , wie ich vielleicht eines Tages froh sein würde , an ihrem Tische zu sitzen und zu essen ; dann werde sie aber nicht mehr dasein . Obgleich ich dazumal nicht recht einsah , wie das zugehen sollte , so wurde ich doch jedesmal gerührt und von einem geheimen Grauen ergriffen und so für einmal geschlagen . Machte sie alsdann auch noch auf die Undankbarkeit aufmerksam , welche ich gegen Gott beging , indem ich seine guten Gaben tadelte , so hütete ich mich mit einer heiligen Scheu , den allmächtigen Geber ferner zu beleidigen , und versank in Nachdenken über seine trefflichen und wunderbaren Eigenschaften . Nun geschah es aber , daß in dem Maße , als ich ihn deutlicher erfaßte und sein Wesen mir unentbehrlicher und ersprießlicher wurde , mein Umgang mit Gott sich verschämt zu verschleiern begann und , als meine Gebete einen gewissen Sinn erhielten , mich eine wachsende Scheu beschlich , sie laut herzusagen . Meine Mutter war eines einfallen und nüchternen Gemütes und nichts weniger als das , was man eine warm andächtige Frau nennt , sondern schlechthin gottesfürchtig . Ihr Gott war nicht der Befriediger und Erfüller einer Menge dunkler und drangvoller Herzensbedürfnisse , sondern klar und einfach der vorsorgende und erhaltende Vater , die Vorsehung . Ihr gewöhnliches Wort war Wer Gott vergißt , den vergißt er auch ; von der inbrünstigen Gottesliebe dagegen hörte ich sie nie reden . Desto eifriger aber hielt sie darauf ; es wurde ihr in unserer Verlassenheit für die lange und dunkle Zukunft eine Hauptsache , daß Gott , der Ernährer und Beschützer , mir immer vor Augen sei , und sie legte mit andauernder Sorge den Grund zu einem lebendigen Gottvertrauen in mich . Infolge dieses rührenden Bestrebens und auf das Zureden einer nichtsnutzigen Heuchlerin wollte sie eines Sonntags , als wir uns eben zu Tische gesetzt hatten , das Tischgebet einführen , welches bis dahin nicht üblich gewesen in unserm Hause , und sagte mir zu diesem Zwecke ein kleines altes Volksgebet vor , mit der Aufforderung , es jetzt und in Zukunft nachzubeten . Aber wie erstaunte sie , als ich nur die ersten Worte trocken hervorbrachte und dann plötzlich verstummte und nicht weiterkonnte ! Das Essen dampfte auf dem Tische , es war ganz still in der Stube , die Mutter wartete , aber ich brachte keinen Laut hervor . Sie wiederholte