von außen grün umrankt ; die ersten Sonnenstrahlen blinkten morgens durch das zarte Laub , vom Garten herauf grüßten die Blumenkinder . Längs der weißgetünchten Wände liefen Repositorien von rohem Holz ; links auf ihnen mahnten die alten Heiden , rechts die alten Christen bis einschließlich Martin Luther an des geistlichen Herrn Schüler- und Lehrerzeit . Die jüngeren Christen waren verhältnismäßig schwach vertreten , da das Amt in der Gemeinde , der Familie und im Blumengarten weder Zeit noch Reiz zu neuen geistigen Bekanntschaften allzu häufig aufkommen ließ ; indessen deutete dieses und jenes Exemplar schon durch sein Äußeres auf einen häufigen Verkehr und hatten die beiden großen Landsleute Kant und Herder sogar auf dem Schreibtische dauernd Platz gefunden , zu ihnen auch , als dritter , der treue Menschenfreund Pestalozzi sich gesellt . Dieser Schreibtisch , nebst zwei Stühlen das einzige bewegliche Zimmergerät , füllte den Fensterbogen ; von schlichtem Tannenholz , mit Wachstuch bezogen , bildeten die alte silbergekrampte Familienbibel und ein aus Elfenbein geschnitztes Kruzifix seinen einzigen Schmuck . Über dem Kruzifix aber hing , in Glas und Rahmen gefaßt , des Königs Aufruf » An mein Volk « und inmitten desselben des friedlichen Pfarrherrn tapfer erworbenes Eisernes Kreuz . Und hier in seinem häuslichen Allerheiligsten , den beiden Kreuzen gegenüber , saß nun der friedliche Pfarrherr , und es wollte ihm lange nicht gelingen , die wechselnden Eindrücke der letzten Stunden in seinem Innern glatt und gleich zu legen . Wenn Konstantin Blümel erregt war , vollzog sich vor seinem geistigen Auge ein Prozeß des Wachsens und Wandelns , der sonst nur Kindern , Dichtern und schwärmerischen Liebhabern für eigentümlich gilt . Und doch ist mehr als ein Menschenalter verlaufen , seitdem Konstantin Blümel ein Kind geheißen hat , und insofern zu einem Dichter wesentlich gehört , daß er Gedichte macht , ist er nichts weniger als ein Dichter , denn er hat sich selbst in der sangquellenden Jünglingszeit zu keiner einzigen Liedesstrophe gedrungen gefühlt ; was aber den Liebhaber anbelangt , so hat er seine Hanna zwar geliebt und liebt sie heute noch als sein anderes Ich , just darum aber keineswegs als einen Engel . Sie , seine Hanna , nannte ihn einen Idealisten und war gütig genug , sich zu freuen , wenn seine optimistische Gabe ihm manche innerliche Trübung löste , und geschickt genug , ihm zu helfen , wenn sie ihn nach außen hin in mancherlei Wirrnis verstrickte . Hatte diesen Nachmittag nun sein dürftiges Töchterchen sich in eine blühende Rose umgewandelt , ein braves , beladenes Hirtenweib sich zu einem Dichtergebilde verklärt , des Weibes lästerlicher Gespons wohl gar sich ausgereckt zu einem revolutionären Advokatengenie , dem zu einem Danton oder Robespierre nichts als - Gott sei Dank ! - der Boden fehlte , auf dem es sich entwickeln durfte , so blieben nach alledem Herz und Hirn doch immer noch von unlösbaren Problemen geschwellt . Die ungeahnte Schlangenempfänglichkeit seiner Eva hatte er zwar vor der Hand auf dem blaugewürfelten Federkissen zur Ruhe gebracht , dafür aber plusterte sich in der behelligendsten Weise das dürre Dezemhuhn des Exhirten Klaus zu einem grausamen Raubvogel auf . Er vermochte sich von der Vorstellung dieser Ungebühr , zu deren Praxis er nicht nur berechtigt , sondern schlechthin verpflichtet war , nicht loszureißen , und die Blicke auf das Ehrenzeichen über dem Kruzifix gerichtet , verfiel er in schier rebellische Untersuchungen über die Vereinbarlichkeit derartiger » Gelübde und Opfer « mit einer Zeit , in welcher das Eiserne Kreuz gestiftet worden war , und über den Widerspruch der Pflichten , dem selbst im friedfertigsten bürgerlichen Berufe , dem des Priesters , das Gewissen des Christen und Menschen nicht zu entgehen vermag . Wie er es in beunruhigenden Stimmungen zu halten pflegte , schlug er endlich seine Erbbibel auf und las im dritten Buch Mose das siebenundzwanzigste Kapitel , auf welches das Zehentopfer sich gründet , von A bis Z ; las , obgleich er es von Jugend ab auswendig wußte , es zum zweiten Male , und als er endlich die Krampen wieder schloß , hatte er keine andere Lösung gefunden , als die ihm von jeher die natürliche gewesen war . » Du sollst deinen Weinberg nicht genau lesen und dem Armen und Fremdling etwas übriglassen , « sagte er vor sich hin , indem er sich erhob mit dem Vorsatze , zugunsten des Exhirten Frey auf die Spargelernte einiger Jahrgänge zu verzichten . Die Sonne hatte sich während seiner Betrachtung gesenkt , es dämmerte im geistlichen Gemach , die Stunde drängte zu dem gewohnten Vespergange durch das Dorf . Er griff nach Hut und Stock , er griff auch nach seiner Pfeife ; aber nein ; die Pfeife ließ er heute im Winkel stehen . Im Begriffe , nach der Tür zu gehen , hörte er vom Flur aus harte Tritte und einen ungewohnten Lärm in seine Stille dringen . Die nämlichen Tritte , den nämlichen Lärm hörte verwundert auch die Hausfrau , als sie die Treppe herabkam , das blaugewürfelte Bündel , blumengekrönt , Tochter Lorchen zur schleunigen Besorgung zu übergeben . Die Haustür war wuchtig aufgerissen worden , eine hünenhafte Gestalt stapfte den Flur entlang , um im Dämmerlicht des geistlichen Gemaches zu verschwinden ; eine zweite folgte ihr , schattenhaft schwankend , unter Ächzen und Stöhnen . » Was gibt es , Beyfuß ? « fragte die Pastorin . Keine Antwort . Mit weitgeöffnetem Munde , nach Atem ringend , die Hände zusammenschlagend über dem schweißtriefenden Haupt , stürmt der Kantor dem Hünen nach . Die Hausfrau hinterdrein bis unter den Rahmen der Tür . Hier steht sie starr . Sie sieht ihren Mann , der vor jachem Schreck auf seinen Stuhl zurückgetaumelt ist , mit beiden Armen ein Bündel umspannen , dem ähnlich , das sie selber in der Hand hält , - aber nicht blumengekrönt ! Es ist ihm von der Tür aus zugeschleudert worden , und noch steht der Hutmann Frey mit emporgehobener Faust auf ihrer