, aber wenn ich später Seide knistern hörte , da tauchte es wie ein Schemen ohne eigentliche Umrisse vor mir empor , und ich hörte eine geärgerte Stimme sagen : » Kind , du machst mich nervös ! « Zürnen und nervös sein war dadurch für mich identisch geworden . Diese seidenrauschende Gestalt , die nur durch die Hinterstube huschte und höchstens einmal eine weiche , heiße Hand auf meinen Scheitel legte , nannte Fräulein Streit gnädige Frau , und ich mußte Mama sagen . Dann wachte ich einmal auf - nicht mehr in der dunklen Hinterstube . Ich saß auf dem Arme eines großen Mannes , dem gelbe Haare an den Schläfen standen und der mich mit einem » Hä , hä , hä - ausgeschlafen ? « anlachte . Neben ihm ging Fräulein Streit im schwarzen Hut und Schleier ; die dicken Thränen liefen ihr über das Gesicht , und ich sah , wie sie leise die Hände rang ... Ganz nahe vor uns lag das Haus mit dem Storchennest und den vier Eichen , und als ich in das erhitzte Gesicht des Mannes sah und mich erschrocken zurückbäumte , um aus voller Kehle zu schreien , da rief er : » Kommt , Puttchen ! « und aus dem Hausthor rannte eine Schar bunter Hühner auf ihn zu . Dort stand auch die Frau mit dem roten Gesicht ; sie streckte Fräulein Streit die Hand entgegen und küßte mich weinend , worüber ich heftig erschrak ; aber das war schnell wieder vergessen . Im Hofraum tollte ein Kalb herum , es sprang plump auf alle vier Füße und blieb lächerlich breitspurig und blökend vor dem Manne stehen . Droben auf dem Dache klapperte der Storch , und Ilse - die Ilse mit den scharfen Augen - hielt mir ein kleines Tier hin , auf dessen seidenweiches Fell ich zaghaft meine Hand legte - es war ein miauendes junges Kätzchen ... Und überall lag Sonne , goldener , glänzender Sonnenschein , und die Blätter an den Bäumen plapperten und rieselten ohne Ende im würzigen Heidewind . Ich jubelte und kreischte auf vor Lust , während Fräulein Streit unter herzbrechendem Schluchzen über die Schwelle des Hauses schwankte . So hielt ich auf Heinzens Arm meinen Einzug auf Dierkhof , und von diesem Augenblicke an begann erst mein Leben - ich war über Nacht ein glückliches Kind geworden , während die Menschen mich beweinten ... Hussa ! ging es auf Heinzens Rücken Tag für Tag im lustigen Trabe über die Heide hin ! Und da stand auf dem allereinsamsten Flecke eine kleine Lehmhütte mit einem niedrigen Strohdach ; der große Heinz mußte sich tief bücken , wenn er unter die Thür trat . Aber drinnen war es wohnlich . Tisch und Stuhl blinkten schneeweiß , und hinter den zwei großen Schrankthüren an der tiefen Wand lagen federnstrotzende Betten im sauberen buntgewürfelten Ueberzug . Heinz und Ilse waren Besenbinderkinder gewesen . Der alte Besenbinder hatte mit seinen beiden eigenen Händen die Hütte gebaut , die zwei Kinder waren darin geboren , und an einem anderen Orte wollte Heinz auch nicht sterben . Im Juli fuhr er das Bienenvolk der umliegenden Höfe in die Heide und behielt sie unter Aufsicht , sonst arbeitete er wöchentlich einige Tage als Knecht auf dem Dierkhofe . In der Lehmhütte war ich so schnell heimisch geworden , wie im Hause meiner Großmutter . Ich half Heinz seine Buchweizengrütze essen und war dabei , wenn er Streuheide für den Dierkhof hieb und einfuhr . Er hob mich hoch über den Kopf nach den alten pensionierten Bienenkörben , die an den Balken der Tenne hingen und von dem Hühnervolk als Nester benutzt wurden , und ich reichte unter Jubeln und Jauchzen die schönen glatten , weißen Eier der neben ihm stehenden Ilse herab . Fräulein Streit saß währenddem in der großen Wohnstube und stickte den ganzen Tag und weinte dazu . Damals mag wohl die alte traute Stube recht lächerlich ausgesehen haben ; denn ihre Wände waren nur weiß gestrichen , hinter dem Ofen lief die braune , abgenutzte Holzbank hin , und die Tische standen grob und ungeschlacht umher . Aber Fräulein Streit zu Ehren hatte die Großmutter ein gepolstertes Sofa aus der Stadt kommen lassen , und Ilse hatte blau und weiß gestreifte Vorhänge aufgesteckt . Fräulein Streit zog diese Vorhänge meist zu und klagte , sie fürchte sich vor der endlosen , totenstillen Heide , wenn die Sonne so darüber hinbrenne , und wenn der Mond schien , da fürchtete sie sich auch ... In meinem fünften Jahre begann sie , mich zu unterrichten ; da brachte Ilse ihre Arbeit herein und hörte auch zu . Sie war , fünfzehn Jahre alt , in die Stadt , in den Dienst meiner Großmutter gekommen , und die hatte sie ein wenig im Lesen und Schreiben unterrichten lassen - trotzdem fing die alte Ilse noch einmal mit mir an . Oft , wenn ich abends , müde getollt und gelaufen , mich auf ihrem Schoß zusammenschmiegte und meinen Kopf an ihre Brust lehnte , da kam auch Heinz heran , natürlich mit der kalten Pfeife , und Fräulein Streit wurde lebendig ; ihre schmalen Wangen röteten sich , und die blonden Löckchen flogen und flatterten alteriert um das Gesicht . Dann erzählte sie von dem Leben und Treiben in meinem elterlichen Hause , und dabei wurde es mir allmählich klar in meinem Kopfe . Ich erfuhr , daß mein Vater ein berühmter Mann sei , und meine verstorbene Mutter war eine Gelehrte und Dichterin gewesen . Viele berühmte und vornehme Leute waren in dem Hause aus und ein gegangen , und wenn Fräulein Streit seufzend erzählte : » Ich hatte ein weißes Kleid an und rosa Bänder in den Haaren , es war Leseabend bei der gnädigen Frau « , da dämmerten auch allerlei unliebsame Erinnerungen in meiner Kinderseele auf . Ich hörte wieder das aufregende Trippeln und Hin-und Hergehen vor der Thür meiner Hinterstube - meine