, die Straße führte durch reiche vaterländische Gaue , und das Ehrenkreuz , der pulvergeschwärzte , kugeldurchlöcherte Mantel , der verstümmelte Arm von Waterloo waren warme Fürsprecher des armen Invaliden und seines blassen Kindes . Es fand sich so mancher Fuhrmann oder Schiffer , der die beiden für einen Gotteslohn eine Strecke beförderte , mancher Wirt , der die Herberge nicht anrechnete , und manche Hand , die ungebeten einen Zehrpfennig oder Wanderbissen reichte . Mußte dann auch wohl einmal unter freiem Himmel genächtigt werden , so war das eine alte Gewohnheit für den Soldaten der Legion ; die Nacht war kurz und er erwachte kräftiger , als seit Jahren in der dumpfen Kammer nach einem wüsten Zechgelag . Alles in allem : die Zeit dieser Wanderung war nicht die böseste in August Müllers Leben . Er hätte länger , ja er hätte sein Lebtag wandern mögen , wenn nicht der Zug gegen die Türken ihn doch noch mächtiger gelockt . Für seine kleine Begleiterin aber , sooft sie in ihren Lumpen unter einem Regenguß zusammenschauerte oder mit wunden Füßchen , stumm , wie immer , am Wege niederhockte , für sie hatte er einen Zaubernamen gefunden , dessen Klang ihr immer wieder frische Kraft verlieh . » Fräulein Hardine ! « lautete der Name . » Vorwärts zu Fräulein Hardine ! « oder » Bald sind wir bei Fräulein Hardine ! « brauchte der Vater nur zu sagen , und die Kleine schleppte sich weiter , bis sich eine Herberge aufgetan . » Fräulein Hardine « war das einzige Wort , das sie während der langen Reise gemerkt oder leise nachgelallt hat . Vielleicht , daß in dem kleinen Herzen ein Echo mütterlicher Seufzer und Tröstungen lebendig geworden war . Man sagt : ein brechendes Auge sieht klar , und gewiß liegt etwas Ergreifendes in der Zuversicht , die , sei ' s für diesseits , sei ' s für jenseits , auf einem Sterbebett verkündet wird . Auch August Müller war einen Augenblick von dem Glauben geblendet worden , in den sich seine Frau jahrelang hineingegrübelt und dessen sie sich in ihrer letzten Sorgenstunde getröstet hatte . Im Grunde des Herzens aber hatte er , wie früherhin , so auch jetzt , Fräulein Hardines niemals als einer Blutsverwandten gedacht und den Weg zur Heimat keineswegs mit dem Anspruch von Sohnesrechten angetreten . Er hoffte für sein mutterloses Kind auf eine Versorgung durch die Frau , die aus irgendeinem Grunde seine eigene verwaiste Kindheit überwacht hatte . War sie im Laufe der Zeit zu Glanz und Fülle gelangt - eine Vorstellung , die sich seiner heiteren Gemütsart gar leicht einschmeichelte - , wollte sie ihn noch außerdem mit einem Pferde und einer blanken Uniform für seinen Türkenzug ausstatten , desto froher sein Habdank . So viel oder so wenig hatte er im Sinn , wenn er seinem ermatteten Kinde zurief : » Wir gehen zu Fräulein Hardine ! « Es war hoher Sommer geworden , als er eines Morgens in einem wohlangebauten Tale vor einem einsamen , alten Gebäude haltmachte und mit dem Freudenrufe : » Das Kloster ! « durch die geöffnete Pforte rannte . Er drang in den Hof , in den Kreuzgang , in den Garten , in das Schulhaus , in die Propstei ; er erkannte jeden Winkel : den Spielplatz , auf welchem die Knaben heute wie damals sich tummelten ; den Brunnen , in welchem sie heute wie damals ihre Becher füllten ; das Zinngeschirr , das heute wie damals die Tafeln des Zönakels bedeckte ; den Holzschuppen , in welchem heute wie damals Unruhstifter seiner Gattung ihre Strafe verbüßten . Nur von den Menschen , welche , alt und jung , den aufgeregten Fremdling neugierig umringten , von den Menschen kannte er keinen . Er fragte nach Ludwig Nordheim , dem Propst und Direktor ; er war tot und vergessen viele Jahre schon . Er fragte nach der alten Beckern . Niemand hatte je von einer alten Beckern gehört . Keiner erinnerte sich eines der ehemaligen Lehrer und Mitschüler , deren Namen er zu nennen wußte . Die preußische Herrschaft , die diesen Landesteil überkommen , hatte fremde , der Gegend unkundige Leute in die alten Räume geführt . Er hätte sich schämen müssen , Fräulein Hardines nur zu erwähnen . Enttäuscht wollte er seinen Stab weitersetzen , als ihm das Attest einfiel , dessen Beglaubigung nachzusuchen er seiner Lisette gelobt hatte . Kluge Lisette ! Namen , Datum , Wahlspruch und Handschrift stimmten mit denen des Schulregisters überein ; der neue Direktor konnte getrost sein Fiat daruntersetzen , und der ärmliche Landstreicher hatte in dem polizeistrengen Staate immerhin eine Legitimation gewonnen , die ihm die Wanderschaft erleichterte . Nun durfte es aber auch an einer gastlichen Bewirtung nicht fehlen , da ja Narben und Ehrenkreuz des vormaligen Zöglings einem Erziehungshause für Soldatenwaisen wohl zum Ruhme gereichten . Die grauen , stillen Klostermauern hallten wider von kühnen Streichen und lustigen Schwänken , von abenteuerlichen Zügen über Land und Meer , von dem schwarzen Herzog und der schwarzen Lisette . Die Frau Direktorin tischte auf , was Küche und Keller vermochten ; der Herr Direktor sammelte unter Beamten und Lehrern zum Besten des invaliden Helden . Erquickt , beschenkt , froh wie ein König schied August Müller aus den Mauern , zwischen denen er zwanzig Jahre früher so widerwillig stillgesessen hatte . Er schlug nun den Weg nach der Stadt ein , und die Sonne senkte sich , als er über den Häusern im Tal das Schloß im Abendgolde leuchten sah . Jetzt bog er aus der langen , schmalen Gasse auf den Markt und sein erster Blick fiel auf das Haus , das unverändert auf niederem Gestell eine turmhohe Dachhaube trägt . Der Mops mit der Zipfelmütze ! » Hier , hier , « schreit er seiner Kleinen zu , » hier wohnt Fräulein Hardine ! « Er stürmt in die Torfahrt und in die Tür zur Rechten . Das Zimmer ist