freudige Gefühl der Befreiung von der Angst , die mir noch eben die Kehle zugeschnürt hatte ; im nächsten freilich schon hatte diese natürliche Regung einer ganz anderen Platz gemacht und wir starrten uns an wie zwei Gegner , die plötzlich aufeinandertreffen , nachdem der Eine schon lange des Andern geharrt hat , und der Andere , so gut es gehen will , sich zu der Entscheidung aufrafft , von der er weiß , daß sie unvermeidlich ist . » Komm herein , « sagte mein Vater , indem er aus der Thür zurücktrat . Ich folgte seinem Ruf . Es sauste mir in den Ohren , aber mein Schritt war fest , und wenn mein Herz wild an die Rippen schlug , so war es nicht vor Angst . Als ich eingetreten war , erhob sich eine lange , schwarze Gestalt , die auf dem mit Haartuch überzogenen Arbeitsstuhl meines Vaters gesessen hatte - mein Vater duldete kein Sopha in seinem Hause - es war der Professor Lederer . Ich stand in der Nähe der Thür ; mein Vater weiter rechts am Ofen , der Professor vor dem Arbeitstisch und vor der Lampe , so daß sein Schatten dunkel über die geweißte Zimmerdecke und über mich fiel . Keiner regte sich und Keiner sprach : der Professor wollte dem Vater das erste Wort lassen , mein Vater war zu aufgeregt , um sprechen zu können ; so verging wohl eine halbe Minute , die mir eine Ewigkeit dünkte und während welcher ich jedenfalls Zeit hatte , mir den Gedanken zum klarsten Bewußtsein zu bringen , daß , wenn der Professor nicht sofort das Zimmer und das Haus verließ , jede Möglichkeit einer Verständigung zwischen meinem Vater und mir abgeschnitten war . » Verirrter junger Mann , « sagte der Professor . » Lassen Sie mich mit meinem Vater allein , Herr Professor , « sagte ich . Der Professor sah mich an , wie Jemand , der seinen Ohren nicht traut . - Ein Schuldiger , ein Verbrecher - das war ich in den Augen des Schulmannes - der dem Richter in die Rede zu fallen , in diesem Tone , mit einer solchen Zumuthung in die Rede zu fallen wagt , - es war unmöglich . » Junger Mann , « fing er noch einmal an , aber sein Ton war nicht mehr so sicher wie das erste Mal . » Ich sage Ihnen , lassen Sie uns allein , « rief ich mit starker Stimme , indem ich eine Bewegung nach dem Professor machte . » Er ist von Sinnen , « sagte der Professor , indem er , rückwärts schreitend , an den Tisch stieß . » Bursche , « rief mein Vater , der rasch vorgetreten war , als wollte er den Professor vor einem Angriff schützen . » Wenn ich von Sinnen bin , « sagte ich , meine glühenden Augen bald auf den Professor , bald auf meinen Vater richtend , » so thäten Sie doppelt wohl daran , uns allein zu lassen . « Der Professor sah sich nach seinem Hut um , der hinter ihm auf dem Tisch stand . » Nein , bleiben Sie , bleiben Sie ! « rief mein Vater mit vor Leidenschaft bebender Stimme . - » Soll dieser freche Bube wieder einmal seinen bösen Willen durchsetzen ? Ich habe nur zu lange eine strafbare Nachsicht geübt ; es ist Zeit , endlich andere Saiten aufzuziehen . « Mein Vater fing an , im Zimmer hin- und herzugehen , wie er immer that , wenn er sehr aufgeregt war . - » Ja , andere Saiten aufzuziehen , « fuhr er fort ; - » dies geht nicht länger ; ich habe gethan , was ich konnte ; ich brauche mir nichts vorzuwerfen ; aber ich will nicht eines ungerathenen Buben wegen zum Gespött der Leute werden . Wenn er nicht thun will , was seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist , so habe ich auch keine Pflicht und keine Schuldigkeit gegen ihn mehr zu erfüllen ; so mag er sehen , wie er ohne mich durch die Welt kommt . « Er hatte mich nicht ein einziges Mal angesehen , während er diese Worte , die der Zorn oft unterbrach , hervorstieß . Ich sah später einmal ein Gemälde , das jenen alten Römer darstellte , wie er sich die Hand auf den glühenden Kohlen abschwälen läßt und mit einem unendlich schmerzhaften Blick seitwärts auf die Erde starrt . Ich mußte dabei an meinen Vater in dieser verhängnißvollen Stunde denken . » Ihr Herr Vater hat recht , « hob hier zum dritten Male der Professor an , der es für seine Pflicht hielt , an dem Eisen , das auf dem Amboß lag , mit schmieden zu helfen ; - » wann hat es einen Vater gegeben , der mehr für seine Kinder gethan hätte , als dieser treffliche Mann , dessen Ehrenhaftigkeit , Fleiß und Biederkeit sprüchwörtlich sind , den jede Bürgertugend schmückt und der nun durch Ihre Schuld des schönsten , kostbarsten Schmuckes eines Bürgers entbehren soll , das ist : eines wohlgerathenen Sohnes , der ihm eine Stütze sei in seinem wankenden Alter . Ist es nicht genug , daß diesen trefflichen Mann das unabwendbare Schicksal so hart getroffen , daß er so früh die theure Gattin , einen Sohn in der Blüthe der Jahre verlieren mußte ? Soll ihm nun auch noch der letzte geraubt werden , der Benjamin seines Alters ? soll seine treue Sorge , sein Gebet bei Tag und Nacht - « Mein Vater war ein strenger Mann , aber nichts weniger als fromm im Sinn der Kirche ; die Unwahrheit war ihm ein Gräuel , und daß er Tag und Nacht gebetet haben solle , das war eine Unwahrheit ; überdies war er von tiefster , fast krankhafter Bescheidenheit und das Lob des Professors dünkte ihm überschwänglich und unpassend . » Lassen Sie es gut sein ,