Kopf gestellt ... Wenn mir früher gesagt wurde , das ist ein Frommer , da hatte ich Respekt und nahm meine Kappe ab ; jetzt mache ich eine Faust und möchte am liebsten die Kappe über Augen und Ohren ziehen , denn die Welt hat sich verkehrt ... Die Baronin Lessen gehört auch zu den Frommen , die vor lauter gottseligem Wandeln hart , grausam und engherzig werden , die denjenigen , der nicht immer die Augen heuchlerisch am Boden hat , sondern sie aufschlägt nach oben , wo er seinen Gott sucht , hartnäckiger verfolgen , als meine Meute das Wild ... In dies Gehege ist denn nun meine vortreffliche Nichte auch geraten ; ein besseres Feld für all das Unkraut in ihrem Kopfe konnte es nicht geben , und da haben wir denn nun auch die allerliebste Bescherung . Sie hatte mit einer Kammerjungfer da drüben Bekanntschaft gemacht und brachte ihre ganze freie Zeit dort zu . Anfangs hatte ich kein Arges , bis sie auf einmal mit Bekehrungsversuchen anfing ... Da sollte die Sabine nicht fromm sein , weil sie nicht des Tages wenigstens zehnmal die dringende Arbeit stehen ließ , um zu beten ... die arme Alte , die durch Wind und Wetter , oft schwer von Rheumatismus geplagt , jeden Sonntag nach Lindhof in die Kirche geht und ein arbeitsvolles , pflichtgetreues Leben hinter sich hat , ein Pfund , das eine lebenslängliche Knierutscherei bei Nichtsthun jedenfalls zehnmal aufwiegt ... Auch an mich wagte sich die Moralpredigerin ; aber da kam sie an den Rechten - sie hat es bei einem Versuche bewenden lassen . Ich verbot ihr nun den Umgang mit den Leuten auf Lindhof . Das hat mir freilich wenig geholfen ; denn jeden unbewachten Moment hat sie benützt , um heimlicherweise hinüber zu schlüpfen ... Von einer Dankbarkeit gegen mich , der ich für sie sorge , ist nicht die Rede ; es fehlt jedes innere Band zwischen ihr und mir , und da ist es für mich doppelt schwer , sie zu hüten . Gott mag nun wissen , welche fixe Idee sie in ihrem Kopfe ausgebrütet hat , genug , seit ungefähr zwei Monaten ist sie vollständig stumm , aber nicht allein hier im Hause , sondern gegen alle Menschen . Seit der Zeit ist auch nicht ein Laut über ihre Lippen gekommen . Weder Strenge noch ruhiges Zureden richten etwas aus . Sie verrichtet ihre Geschäfte nach wie vor , ißt und trinkt wie jeder andere gesunde Mensch , und ist nicht um ein Jota weniger eitel als sonst . Weil sie aber ihre roten Backen verlor und blaß aussah , so befragte ich einen Arzt , der sie schon früher behandelt hatte . Der sagte mir , sie sei körperlich ganz gesund , scheine ihm aber eine höchst exaltierte Person zu sein , und da schon in ihrer Familie Fälle von Geistesstörungen vorgekommen seien , so möchten wir sie ruhig gewähren lassen . Sie würde mit der Zeit des Schweigens selbst überdrüssig werden und eines schönen Tages sprechen wie eine Elster ... Nun meinetwegen , ich will ' s drauf ankommen lassen ; daß ich aber damit ein schweres Opfer bringe , das ist gewiß . Ich habe mein Lebtag keine sauertöpfische Miene um mich leiden mögen und will lieber Salz und Brot essen inmitten fröhlicher Gesichter , als die köstlichsten Leckerbissen bei Duckmäusern ... Na , kleines Goldköpfchen , « wandte er sich an Elisabeth , indem er mit der Hand über die Stirn strich , als wolle er alle ärgerlichen Gedanken wegwischen , » schiebe dein Mütterlein fein säuberlich im Lehnstuhle hierher an den Tisch , binde dem kleinen Kerl da , der sich blind guckt an meinem Gewehrschranke , eine Serviette um den Hals , und nun wollen wir zusammen frühstücken . Dann mögt ihr Rast halten und die Glieder ein wenig ruhen lassen von der langen Reise . Nach Tische aber geht ' s hinauf nach Schloß Gnadeck . Es wird gut thun , wenn ihr die Augen durch etwas Schlaf vorher stärkt , denn sie möchten Schaden leiden unter all dem Glanze , den wir da droben vorfinden werden . « Nach dem Frühstücke , während Vater und Mutter schliefen , und der kleine Ernst in einem großen Bette von den Wunderdingen in der Forsthausstube träumte , packte Elisabeth das Nötigste in der Oberstube aus . Sie hätte um alles in der Welt nicht schlafen können . Immer wieder trat sie an das Fenster und blickte hinüber nach dem waldigen Berge , der hinter dem Forsthause emporstieg . Dort oben aus den Baumwipfeln erhob sich ein feiner schwarzer Strich und zeichnete sich scharf von dem tiefblauen Himmel ab . Das war , wie ihr die alte Sabine gesagt hatte , eine uralte Eisenstange auf dem Dache des Schlosses Gnadeck , von welcher in längst versunkenen Zeiten das stolze Banner der Gnadewitze geflattert hatte ... Fand sich wohl hinter jenen Bäumen das seit Jahren heißersehnte Asyl , wo die Eltern ihre müden Füße ausruhen konnten vom mühsamen Wandern auf nicht heimischer Erde ? Auch in den Hof fielen ihre suchenden Blicke ; aber das stumme Mädchen ließ sich nicht mehr sehen . Sie war auch nicht beim Frühstück erschienen und schien sich vorgenommen zu haben , jede Berührung mit den Gästen zu vermeiden . Das that Elisabeth leid . Die Schilderung des Onkels hatte zwar einen sehr unerquicklichen Eindruck auf sie gemacht , allein ein junges Gemüt gibt seine Illusionen nicht so leicht auf und läßt sich lieber durch das Zerspringen seiner bunten Seifenblasen enttäuschen , als durch die weisen Erfahrungen des Alters ... Das schöne Mädchen , das sein Geheimnis so beharrlich hinter den Lippen verschloß , wurde ihr nun doppelt interessant , und sie erschöpfte sich in Vermutungen über den Grund dieses Schweigens . 4 Nach dem Essen , das in heiterster Weise verflossen war , holte Sabine eine gestopfte Pfeife vom Eckbrette und brachte sie nebst einem brennenden Fidibus dem Oberförster