besaß . Diesen großen Reichtum zu ordnen , zu mehren , den größtmöglichsten Vorteil zu berechnen und zu benutzen , umsichtig wie ein Geschäftsmann und sorglich wie eine Haushälterin dabei zu Werke zu gehen , dies war Julianens liebste Unterhaltung und größte Freude . Sie war nicht geizig , sie hielt ihre Untergebenen gut , bezahlte Beamte und Dienerschaft hinreichend , hatte eine Liste von Almosenempfängern : sie war nur eben ein so trockenes und kaltes Gemüt , daß diejenigen Interessen , welche sich in Ziffern ausdrückten , ihr am meisten zusagten . Jeder idealen Richtung , die etwas anderes begehrt , als die Interessen des Lebens auf ein Rechenexempel zu beschränken , war sie abhold . Sinn für das Übernatürliche , Neigung zu himmlischen Dingen , höhere Auffassung der irdischen Verhältnisse nannte sie Schwärmerei , und sorgsam suchte sie ihre Söhne , die bei des Grafen Matthias Tod zwölf und dreizehn Jahre alt waren , in dieser frostigen Atmosphäre zu erhalten . Bei Damian wurde ihr das sehr leicht ; bei Gratian schwerer , denn des Vaters Güte und ursprüngliche Gemütlichkeit war auf ihn übergegangen . Levin war und blieb für Juliane ein harmloser Schwärmer , der aber doch so nahe an Narrheit streifte , daß sie ihre Söhne auf ' s Kräftigste gegen seinen Einfluß zu schützen suchte und zwar durch ein Mittel , welches bei Kindern und bei Alltagsmenschen selten die beabsichtigte Wirkung verfehlt : durch Geringschätzung Levin ' s. Es gehört Gemütstiefe , oder ein sehr gutes Herz , oder geistiger Scharfblick , oder eine sehr große Liebe dazu , um sich nicht der Geringschätzung anzuschließen , die eine Person , welche als Autorität gilt , oder die mehrere Personen , bei denen die Anzahl die Autorität ersetzt , anhaltend gegen jemand an den Tag legen . Es war eine ganz besondere Fügung , daß Levin wiederum in häuslichen Verkehr mit einer Frau kommen mußte , die Nichtachtung für ihn empfand . Bei seiner armen Mutter entsprang diese Nichtachtung aus einer Art von Rache , welche das befleckte Gewissen an der Tugend zu nehmen suchte ; bei seiner Schwägerin aus Stumpfsinn gegen das , was Tugend überhaupt ist : Selbstverleugnung aus Liebe zu Gott . Für Jene war Levin ein heimlicher Vorwurf ; für Diese - eine Null . Jene fühlte unwillkürlich , daß sein Leben ganz absichtslos ihr Leben verurteile ; Diese hielt sich für dermaßen vollkommen , daß eine Levinsseele neben solcher Vollkommenheit spurlos verschwand . Aber diese Seele ertrug mit derselben milden und gleichmäßigen Liebe jetzt die Schwägerin wie früher die Mutter . Seine ganze Sorgfalt richtete sich darauf , daß ihm die Kinder nicht entfremdet würden . Dabei leitete ihn keine egoistische Absicht , nur das Verlangen , dem letzten Wunsche seines Bruders nachzukommen und die jungen Seelen im Glauben zu schirmen . Juliane war ganz gleichgiltig gegen alle Konfessionen ; da die Windecker nun einmal katholisch waren , so mußten auch ihre Söhne katholisch sein . Lieber wäre es ihr gewesen , wenn sie protestantisch hätten sein können ; keineswegs aus einem religiösen Beweggrund , nur weil sie selbst protestantisch und unaussprechlich zufrieden mit ihrer eigenen Entwickelung und Richtung war . Sie überließ es Levin , für Hofmeister und Lehrer zu sorgen , denn sie erwartete von seiner Gewissenhaftigkeit zweckmäßige und gediegene Wahlen , und sie wünschte , daß ihre Söhne eine vortreffliche Erziehung bekämen . Nur verschmähte sie eine religiöse Grundlage derselben und alle Äußerungen und Einflüsse , die aus der Fülle des Glaubens in das Leben und in andere Gemüter übergehen . Eine Mutter wirkt erwärmender oder erkältender auf das Gemüt ihrer Kinder , als alle übrigen Menschen zusammen genommen . Juliane hielt ihre Söhne in dem Kreise der Selbstsucht und der Eigenliebe fest , worin sie sich selbst bewegte , und machte dann häufig bittere Vorwürfe an Levin , daß der Hofmeister sie zu nichts anderem , als zu kleinen Egoisten erziehe . » Ich mühe mich ab in Geschäften , Sorgen und Arbeiten ; ich gebe ihnen das Beispiel eines opferwilligen Lebens ; ich kenne kaum eine andere Freude , als die Erfüllung meiner Pflichten ; ich strebe dahin , meinen Söhnen die beste Erziehung , alle Bildungsmittel , jeden Unterricht zukommen zu lassen , und sehe doch gar wenig guten Erfolg , « klagte sie mißmutig ihren Freunden . Es war aber niemand unter ihnen , der ihr geantwortet hätte : Ja , das alles tust du ; aber hast du dabei die Ehre Gottes und das ewige Heil deiner Söhne vor Augen ? Erflehest du dir von Gott das Licht der Gnade , um deine Söhne zu tüchtigen Männern zu erziehen ? Schöpfest du deine Opferwilligkeit aus dem Quell jedes wahren Opfers : aus der Liebe zur göttlichen Liebe ? Entnimmst du das Beispiel , das du deinen Söhnen gibst , der Nachfolge deines Heilandes ? - Beantwortest du all ' diese Fragen , getreu der Wahrheit , mit Nein ! so höre auf , dich zu beklagen und zu staunen : du streuest irdische Saat aus und sie trägt die irdische Ernte ein . Wie oft hatte Levin versucht , ihr ganz leise solche Andeutungen zu machen ! wie oft ihr vorgestellt , daß ein warmes , aufrichtiges , religiöses Leben der Boden sei , auf welchem Früchte der Gnade gediehen ! Juliane faßte das mit der höchsten Oberflächlichkeit auf und pflegte zu antworten : » Ja , ich weiß schon , welch Gewicht Sie auf das Gebet legen , auf den Gottesdienst , auf die gemeinschaftliche Andacht ; ich sehe aber nicht , daß meine Söhne dadurch besser werden ! Ich meinesteils begnüge mich ganz einfach , Gott so zu verehren , wie er es haben will : nämlich im Geist und in der Wahrheit . « Die Ablösung vom kindlichen gläubigen Geist des Christentums , die Vereinzelung in nüchterner Verstandesöde nannte Juliane eine Anbetung im Geist und in der Wahrheit , ohne zu beachten , daß bei diesem gänzlichen Mangel an Geist