erblaßte sie ... Der Stadtamtmann ließ das wankende Mädchen sich auf einen Stuhl setzen ; man konnte eine Ohnmacht befürchten ... Der Blick , den Lucinde bei dieser Nachricht auf die böse Frau warf , war furchtbar ... Ihre sonst so dunkeln Augen sahen in diesem Moment weiß aus , und die böse Zunge der stadtberüchtigten Frau , die der Verzweiflung nahe war , kein Mädchen bekommen zu können , und in diesem Fluche fast mit wirklichem Schmerz eine angezettelte Verschwörung sah , war gegen sie völlig verstummt . Als der Stadtamtmann Lucinden erstens einen Lohn und die Auszahlung ihrer Ersparnisse gesichert , dann die Frau Hauptmännin , die er indessen sonderbarerweise immer nur Fräulein von Gülpen nannte , aufs entschiedenste ermahnt hatte , die Langmuth der » überhaupt gegen sie so duldsamen « städtischen Behörden nicht zu erschöpfen , wurde Lucinde von ihm befragt , ob sie nicht zu ihrem Vater und zu ihren Geschwistern zurück wolle ? Sie saß starr und antwortete nicht . Dann erwähnte der Stadtamtmann unter den Unterlassungssünden , die sich » Fräulein von Gülpen « gegen sie hatte zu Schulden kommen lassen , auch die unterbliebene und doch von ihr versprochene anständige Confirmation . Gleichsam aber , als wenn sich Lucinde fürchtete , nun in Langen-Nauenheim noch erst confirmirt und dort unter die ihr wohlbekannten Buben und Mädchen gesetzt zu werden , antwortete sie auf die wiederholte Frage , ob sie mit der immerhin beträchtlichen Summe von nahezu funfzig Thalern , die ihr zuerkannt wurde , nach Langen-Nauenheim zu ihrem Vater und ihren auf drei zusammengeschmolzenen Geschwistern zurückkehren wolle , mit einem ernsten , bedachtsamen und fast kalten Kopfschütteln : Nein ! Das ist ' s ja ! brach die zitternde Tyrannin aus . Das Leben auf der Straße , die Promenaden , die Offiziere , das Schlendern , das Gaffen ... Ruhe , Fräulein ! unterbrach der Stadtamtmann . Frau von Buschbeck oder Fräulein von Gülpen mußte sich entfernen , nachdem sie mit zitternden Händen einen Revers zur Zahlung von funfzig Thalern und Auslieferung aller Sachen Lucindens unterschrieben hatte . Sie ging mit krampfhaftem Zusammenschlagen ihrer Ober- und Unterkiefern , doch nicht ohne eine Art von Würde und Vornehmheit . Man hatte ihr da , wo man ihre Lebensverhältnisse näher zu kennen schien , zwar den Titel einer Frau geraubt , den einer Adeligen aber lassen müssen . Draußen empfing sie das Hohngeschrei zusammengelaufener Menschen . Sie war die Bekannte , Stadtkundige , die Frau : bei der niemand dienen wollte ! Sie stürzte in ihren Fiaker , doppelt schwer aufseufzend ; denn ihr Geiz sagte ihr wieder : Himmel , du hast den Fiaker vorher zu bezahlen vergessen ! Nun rechnet dir der auch noch die halbe Stunde an , die er vor dem Stadthause hat warten müssen ! 4. Der Stadtamtmann war in der Lage , gerade ein Mädchen zu bedürfen . Er bot Lucinden an , zu seiner Frau zu ziehen . Für die Confirmation versprach er unverzüglich Sorge zu tragen . Sie nickte einfach : Ja ! saß bis auf weiteres im Nebenzimmer des Amtssaales eine halbe Stunde allein , setzte im Geiste einen Brief auf , den sie an ihren Vater schreiben wollte , und folgte dann dem Stadtamtmann , als er sein Vormittagsgeschäft hinter sich hatte , in einiger Entfernung in seine Wohnung . Die Polizeidiener ersparten ihr die Gefahr , noch einmal zur gnädigen Frau , wie sie lachend titulirt wurde , zurückzukehren , und versprachen ihr alles Ihrige abzuholen und nachzubringen . Lucinde schaute und hörte hinein wie in eine fremde Welt . Daß sie einer schrecklichen , abscheuerregenden , wie es hieß und auch später im Wochenblatt unter der Rubrik Polizeibericht zu lesen war , » zuchthauswürdigen « Behandlung entronnen war , ... das fühlte sie eigentlich selbst nicht so lebendig . Sie ließ sich ' s von den Leuten nur sagen und nahm ' s dann hin , wie die es wollten . Die Frau Stadtamtmann hatte nichts gegen die Anordnungen ihres Gatten einzuwenden . Nur schien ihr die Zumuthung , das neue Mädchen erst confirmiren lassen zu müssen , umständlich . Indessen sagte sie zu . » Henriettens « Anblick - dieser veränderte Name blieb auch hier - that ihr wohl . Die Frau Stadtamtmann war gerade in der Hoffnung und sorgte dafür schönen Formen zu begegnen . Der Anblick des anziehenden , schlanken und gesunden Mädchens that ihr wohl . Es kommt oft vor , junge Confirmandinnen zu sehen , die nur gleich am Altar stehen bleiben sollten , um sich den Ehesegen geben zu lassen . Auch Lucinde war auf besondere Bitte des Amtmanns schon nach vier Wochen ein solcher Spätling unter den lieblichen weißgekleideten Kindern mit ihren Rosaschärpen und Myrtensträußchen . Der Superintendent gestattete die schnelle Beförderung , da er von der Schulmeisterstochter religiöse Bildung voraussetzte . Er wußte wol nicht , daß man sich nirgends mit dem lieben Gott weniger Sorge macht als in Pfarr- und Schulhäusern . Da steht man mit dem Himmel auf dem Fuß des Empfangens im Négligé . Gebetet hatte Lucinde außer vor und nach der Schule nur beim Eierkochen . Pflaumenweich liebte der Vater die Eier und dafür genügten zwei Vaterunser . Der Wildling stand nach vier Wochen unter den Confirmandinnen . An Wuchs ragte sie hier nicht mehr vor allen hervor ; es gab ebenso aufgeschossene Blondinen und Brünetten wie sie , zu denen sich der Herr Superintendent nicht gar zu sehr zu bücken brauchte , wenn er ihnen Sonntags darauf den Kelch reichte ; aber Lucinde war schon voll , kräftig in den Schultern , stark in den Hüften , und wenn auch im allgemeinen ihr scharfgeformter Kopf selbst noch nichtssagend war , so reizte sie das kindliche Wesen ihrer Umgebungen doch zu einem Umblick in der Kirche , der ihr ganz vorwitzig und weltlich stand . Manchem mußte sie auffallen . Sie stand wie ein Heidenkind , zerstreut und ohne Andacht , obgleich ihre schwarzen Bänder auf Trauer deuteten .