küssen : » Nein das ist hübsch und liebenswürdig von Ihnen , uns doch noch zu überraschen ! « - » Es wäre ein halber verlorener Abend gewesen ohne die Frau Geheimräthin , « sagte der Wirth . Ein Dritter : » Je später der Abend , so schöner die Gäste . « Es war eine ansehnliche , aber etwas bunte Gesellschaft , vielleicht eine , wo die Wirthe auch solche Verwandte und Bekannte gebeten haben , welche sonst sagen konnten : » Zu so etwas werden wir nicht eingeladen ! « Die Geheimräthin war von der zuvorkommendsten Freundlichkeit . Man konnte auf den ersten Blick annehmen , daß sie , wenn nicht an Stand und Vermögen , doch von Natur und Bildung von feinerer Art , ein Wesen war , was man so gewöhnlich ein höheres nennt , wenn es in Kreise tritt , die sich ihrer Gewöhnlichkeit bewusst sind . Der Neid , den es hervorruft , zeigt sich in der Regel erst dann , wenn dies vornehme Wesen seine Eigenschaften geltend machen will . Dies war bei der Geheimräthin nicht der Fall . Sie konnte nicht liebenswürdiger , bescheidener , gewissermaßen harmonischer zur Gesellschaft auftreten ; sie bedauerte so sehr den Aufstand , den sie erregt . » Aber warum ist Ihr lieber Mann nicht mitgekommen ? Wir sind ihm zwar unendlich verbunden , daß er sich entschlossen , unsere Frau Geheimräthin uns zu gönnen , aber es wäre doch hübsch gewesen , wenn er sich selbst entschlossen . Das hätte erst unsere Freude vollkommen gemacht . « » Sie thun meinem Manne Unrecht , « entgegnete die Angekommene . » Wenn es nach ihm gegangen , wäre ich längst hier . Er kann es nicht sehen , wenn ich ein Vergnügen seinetwegen entbehre . Aber liebe Frau Geheimräthin , « - die Wirthin nämlich war auch eine Geheimräthin - » Sie glauben nicht , wie er jetzt mit Arbeiten überhäuft ist , und ich sehe mit wahrer Angst , wie er sich dabei anstrengt , daß sein Kopfleiden wieder heraustritt . So machte ich mir ein Gewissen daraus , ihn heut zu verlassen . Aber er hatte keine Ruhe . Wir wollten Piquet spielen ; da legte er mit dem freundlichen Blicke , dem man nicht widerstehen kann , die Karten weg , streichelte mir über die Backe und sagte : Liebe Ulrike , ich werde viel mehr Ruhe haben , wenn ich Dich in heiterer , lieber Gesellschaft weiß . Du musst Dich aufheitern nur um meinetwillen . Da kann man denn nicht widerstehen . « » Man muß gestehen , unsere Frau Geheimräthin Lupinus ist das Muster einer Hausfrau , « sagte der Wirth , » und diese Ehe eine exemplarische . Man wird nicht viele in Berlin so finden . « » Mit Ausnahme jedoch ! « sagte die Geheimräthin Wirthin , und die Geheimräthin Gast schlang sanft den Arm um ihre Schulter : » Ich kenne eine Ausnahme . Was unsere Ehe betrifft , so möchte ich ihr nur darin einen kleinen Vorzug beimessen , daß wir uns so innig verstehen , ohne es auszusprechen . Wir gehen eigentlich Jeder seinen eigenen Weg , was gewiß zu Mißdeutungen Anlaß giebt , aber Jeder fühlt für den Andern mit , er verfolgt ihn still in den Gedanken , Jeder ist unsichtbar beim Andern . Wir wissen oft nicht , woher diese Sympathie kommt , doch sie ist da . So in diesem Augenblick . Das Vergnügen , in dieser liebenswürdigen Gesellschaft zu sein , ist mir gestört , weil ich weiß , mein Mann hat nicht die Augen geschlossen und ruht nicht , wie er mir versprach , im Lehnstuhl aus , sondern er hat wieder seine Folianten vorgenommen , er vergleicht zwei alte Handschriften , er bückt sich über , er drückt die Feder , während der Angstschweiß ihm von der Stirne träuft , weil er sich die Abweichung einer Lesart nicht erklären kann . Ich sehe das Alles so deutlich vor mir , wie den Pique-As in Ihrer Hand - « Sie fuhr sich leicht über die Stirn und erschrak über den Eindruck , den ihre Rede gemacht . Dabei kam ihr zu Sinn , daß die Gesellschaft ja durch sie vom Spieltisch zurückgehalten werde . Sie bat um Entschuldigung wegen ihrer unzeitigen Herzenseröffnung . » Was kann eine schöne Seele Schöneres thun , als Andere ihre Empfindungen mitempfinden lassen , « lispelte eine Seele , die sich wohl selbst für schön hielt . » Nennen Sie es lieber eine Schwäche , « schüttelte die Geheimräthin den Kopf . » Die Welt will nicht , daß wir uns geben , wie wir sind , und die Welt hat im Grunde Recht . « Nun aber hatte sie auch keine Ruhe , als bis die Herrschaften sich niedergesetzt . Ein heiteres Vergnügen zu stören , erschien ihr immer wie eine Todsünde . Sie hatte Recht . Wer die Karte zur Whistpartie in der Hand hält , lässt sich ungern stören , am wenigsten durch Hergensergüsse einer schönen Seele . Einige hatten die Geheimräthin schon immer für eine Clairvoyante gehalten ; die Clairvoyance war in der Mode . Andere meinten , sie sei nur von einer außerordentlich reizbaren nervösen Complexion . Man bedauerte sie , es gab wohl auch Andere , die sie darum beneideten . Hier lobte man sie , wie schonend sie das Verhältniß zu ihrem Ehemann darzustellen wisse , da Jedermann bekannt sei , ein wie eigensinniger Stubengelehrter der Geheimrath wäre . Sie sei gewissermaßen eine Märtyrerin ihres feinen Sentiments . Er bereite und gönne ihr kein Vergnügen , was sie sich nicht abstehle . Eine Andere rief : » Und wie unrecht von ihm , denn von ihr kommt doch das Geld ! « Es war eine glänzende Gesellschaft aus den höheren Kreisen des mittleren Lebens . Aber man muß an eine Gesellschaft aus dem Anfang dieses Jahrhunderts ebensowenig den Maßstab des Glanzes von heut legen , als an