entdecken , da übersehen sie die fehlenden Ahnen , und ergehen sich noch in lächerlichen Phrasen , in denen die guten und bösen Geister eine Hauptrolle spielen , der gute Zeitgeist , der den bösen Kastengeist besiegt , und wie die schönen Redensarten alle heißen . Ich werde aber nie vergessen , was ich mir schuldig bin . Auf denn , meine Damen , wir wollen uns gegen diese Toleranz der Herren opponiren , und für den heutigen Abend auf die Freude des Tanzes verzichten , wenn wir sie mit Madame Oburn theilen sollen . Sie muß es fühlen , daß sie in diese Gesellschaft nicht gehört , und uns künftigen Skandal ersparen . « » Sehen Sie nur , sehen Sie nur , « zischelte es von vielen süßen Lippen , » wie unbeholfen und ängstlich sie scheint ; wie haltlos sie nach Rath und Hülfe sucht ! Und welche gewöhnliche Schönheit - ein frisches Landgesicht , wie man ' s bei der Heuernte dutzendweise sieht ; nichts weiter ! Und darüber machen die Kavaliere so viel Geschrei , daß man in allen Gesellschaften von dieser obskuren Person hören muß ! « Die junge Frau , welche den hochadligen Damen so großes Aergerniß verursachte , schien indeß nichts weniger als verlegen . Mit einer Sicherheit , als sei sie von Jugend auf an so prächtige Räume und an so geistlos vornehme , nichtssagende Physiognomien gewöhnt , schritt sie stolz durch das Vorzimmer in den Empfangssalon der Fürstinn Helene , sah die unglückliche Frau mit lieben , unschuldsvollen Augen so bittend , so verständnißinnig an , daß sie bei ihr augenblicklich das regste Mitgefühl erweckte . Die Fürstinn verließ ihren Platz , trat der Oburn einen Schritt entgegen , reichte ihr freundlich , wie zum Schutze die Hand , und zog sie neben sich auf ein leeres Tambourett nieder . Die Hofgesichter wußten nicht , wie sie bei diesem unerwarteten Anblick ihre Mienen zurecht legen sollten . Zum Glück für sie wurden jetzt die Thüren des Ballsaals geöffnet und ein rauschender Walzer des in jenem Sommer so beliebten Componisten Labitzki überhob sie aller Zweifel . Die beatlasten Füßchen der Damen trippelten vor Ungeduld , ob der Vornehmste der Gäste , Prinz C * * , nicht das Signal zum Tanze geben werde ! Alle hatten den großartigen Entschluß , mit einer ahnenlosen Frau nicht in die Reihen zu treten , über der verführerischen Melodie vergessen . Gräfinn Sidonie stand graziös in stummer Erwartung ; denn es handelte sich um die Frage , mit welcher Dame wohl der Prinz den Reigen eröffnen werde . Obgleich sie die erklärte Geliebte des Großfürsten war , hatte sie doch alle ihre Koketterieen angewandt , während der Saison die Aufmerksamkeit des Prinzen auf sich zu ziehen , dessen Empfänglichkeit für weibliche Schönheit keineswegs zu den Mysterien Carlsbads gehörte . Bis jetzt hatte er allen ihren Lockungen ein kalt höfliches Benehmen entgegengesetzt , und ihren Hochmuth dadurch bitter gekränkt . Gerade deßhalb war sie bereit , zu dieser Eroberung alle ihre Kräfte aufzubieten , und hoffte viel von dem heutigen Abend , weil sie die Königinn dieses Festes war , welcher der Prinz , nach allen Regeln der Etikette , sich nähern mußte . Schon eine geraume Zeit hindurch ertönte die Musik , und noch immer stand der Prinz , vornehm nachlässig , in der Salonthüre , den reich und bunt geschmückten Frauenkreis mit gleichgültigem Blick übersehend . Endlich ging er , dem Ceremoniell gemäß , langsam auf die Großfürstinn zu , um mit ihr , als der Dame vom Hause , die Polonaise aufzuführen . Als er ganz nahe vor ihr stand , blieb er plötzlich , wie verzaubert , stehen - ein unbeschreiblicher Ausdruck der Ueberraschung und des Entzückens überflog seine Züge . Starr blickte er einige Sekunden die Madame Oburn , die neben der Fürstin saß , an ; ging , wie bewußtlos , zu ihr , und bat sie fast schüchtern um das Glück mit ihr zu tanzen . Freundlich reichte sie ihm den Arm , und , von den Wellen der Musik getragen , schwebte das schöne Paar durch den Ballsaal . Das Geflüster der Medisance , aufgeregt durch so unerhörten Vorfall , zischelte rechts und links . Nur wenige Herren , namentlich der Großfürst , räumten ein , daß der Prinz ganz vernünftig handle , wenn er , unbekümmert um Rang und Etikette , mit der Dame tanze , die ihm am besten gefalle . Zu jener Zeit war der Prinz C * * ein verführerischer Mann , mit einem schönen Kopf , geistreichen Augen , einer edeln griechischen Nase , einem überaus feinen Mund , der bei dem eigenthümlich-angenehmen Lächeln zwei Reihen auffallend kleiner , weißer Zähne blicken ließ , mit einer eleganten , großen und schlanken Figur . Auch lag in seinem Wesen eine Ritterlichkeit , deren Zauber durch echt modernen esprit erhöht wurde und dem Prinzen da , wo es ihm darauf ankam , all ' die brillanten Pointen seiner Persönlichkeit zusammen zu fassen , unwiderstehlich machte . Zum ersten Male in seinem Leben war dieser feine Weltmann befangen , und um Worte verlegen . Dieser Frau gegenüber wollte ihm eine gewöhnliche Ball-Conversation nicht gelingen . Er fühlte wohl , daß er hier andere Saiten berühren müsse . Mit leidenschaftlichem Blicke versenkte er sich in das reizende Formenspiel dieser Frau , fester , als es die Sitte des Tanzes verlangt , umschlang er ihre zarte Taille ; für alles andere waren seine Sinne verschlossen . Er bemerkte weder die boshaften Blicke der Gräfinn Sidonie , noch die ängstlich-besorgten der Fürstinn Helene ; frei und ohne Zwang überließ er sich seinem Gefühl . Doch seine Tänzerinn verrieth deutlich die Angst , die sie über diese sichtbare Auszeichnung fühlte . Sie entzog sich ihm , wo es nur irgend möglich war , obgleich der Prinz sie fast keinen Augenblick verließ . In höchster Bedrängniß irrte ihr Auge umher , Schutz suchend bei irgend einem befreundeten Wesen . Doch alle