! - und dies Wort bricht den Stab über ihm : Schwäche macht elend . Der Starke ist gut und glücklich , aber nur in einzelnen gnadenvollen Momenten ist der Mensch stark wenn das » Kind Gottes « in ihm die Oberhand gewinnt und der » vom Weibe Geborene « in ihm zurücktritt . So hat die ewige Allmacht es gewollt . So hat sie die Essenz seines Wesens gemischt . - - - - - - - Ja , bei der Liebe fing ich an und bei der Schwäche hör ' ich auf ! das ist ganz richtig . Als Miß Johnson nach einer Viertelstunde eintrat und Paul zu meiner Mutter beschied , waren wir schon ganz einig , gingen Hand in Hand zu ihr und baten um ihren Segen . Sie sprach sehr bewegt : » Ists möglich , Paul ! dies Kind willst Du heirathen ? « » Dies Kind ist ein holdes Mädchen , liebe Tante « - entgegnete Paul schmeichelnd . » Aber sieh sie genau an , Paul ! sieht denn so ein junges Mädchen aus ? « Ich trug allerdings einen etwas befremdlichen Anzug , der mir aber zu meiner Schlittschuhläuferei und überhaupt zu winterlichen Spaziergängen bequem und nothwendig war . Ich trug lange Pantalons und ein kurzes Kleid von weißem Merino , darüber einen Spenzer von dunkelblauem Sammet mit langen Schößen und mit Zobel besetzt , und auf dem Kopf ein kleines Sammetbaret ebenfalls mit einem Pelzstreif umgeben . Letzteres hatte ich nun zwar abgenommen , aber ich trug mein Haar noch immer nach Kinderart in dicken natürlichen Locken , und sie mogten mir wol ziemlich wild um Stirn und Nacken hängen . Die kindische Tracht abgerechnet hatte ich gewiß das Ansehen eines jungen Mädchens , denn meine Gestalt war ganz ausgebildet und war größer als manche Erwachsene . Das fand auch Paul , und meine Mutter willigte gern in unsre Verlobung . Er wünschte mich auf der Stelle zu heirathen ; doch das gab sie durchaus nicht zu ; ich sollte erst confirmirt und fünfzehn Jahr alt werden , woran mir noch sieben Monat fehlten . Paul war auf drei Tage nach Engelau gekommen . Seinen Urlaub auf sieben Monat zu verlängern , war unmöglich . Sein Vater wirkte ihm noch drei Wochen aus ; dann sollte er fort und im Spätherbst wiederkommen . So war ich denn fast noch Kind , kaum Jungfrau und schon Braut . Das Leben stürzte sich mir mit drängender stürmischer Hast entgegen als habe es Eil mir seine berauschenden Tränke darzubringen damit sie nicht unterwegs verschäumten . Natürlich fand mich Paul geistig ganz unreif , aber die Gefühlswelt war im Treibhaus der Phantasie gezeitigt , und die Lebendigkeit und Bereitwilligkeit meiner Auffassung verhieß große Bildungsfähigkeit . Ueberdas kam mir mein heißer Drang zu wissen , zu verstehen , zu erkennen , zu Hülfe . Ich war unermüdlich Fragen über Welt , Menschen , Bücher , Gesellschaft - über all diese Dinge welche ich nur dem Namen nach kannte , an ihn zu richten , und unersättlich seine Antworten , seine Beschreibungen und Erzählungen zu hören . » Erzähle mir vom Palais-royal ! « hatte ich vor Jahren gebeten , als Paul noch der Verlobte meiner Schwester war ; auch jezt war kein Ende mit ähnlichen Bitten und immer fanden sie Gehör . Paul liebte mich mit einem Gemisch von leidenschaftlicher Zärtlichkeit und von beschützender Ueberlegenheit das ihm sehr gut stand . Bald machte ihn der Liebesrausch zum Kinde , das auf mein Wesen und mein Treiben einging - bald war er ein ernster und belehrender Freund der mich im ruhigen Gespräch zu sich heraufzog - bald ging die Ruhe sowol als die Kinderei in dem Liebenden unter , der ein junges reizendes Geschöpf als das Eigenthum und die Freude seines Herzens und seiner Sinne betrachtete . Ich hing an ihm mit einer quälenden Anhänglichkeit . Ganz einsam war ich ohne Gefährten und Altersgenossen , ganz abgeschieden vom Umgang mit jungen Männern und Mädchen , sogar ohne eine Freundin , welche für ein fünfzehnjähriges Herzchen gleichsam der Blitzableiter dunkler Liebesgefühle ist . Auf einmal stand mir ein Mann liebend und liebeverlangend gegenüber , bereit mich in seinen Armen durch das Leben zu tragen , mich glücklich zu machen , sein Glück von mir zu fodern und in mir zu finden . Leben und Glück war für mich gleichbedeutend ; glücklichwerden und lieben ebenfalls ; so sank ich an sein Herz weil ich eben ein Herz zu lieben begehrte , wie die Knospe aufblüht wenn Frühlingssonne und Frühlingsregen über ihren noch verschlossenen Kelch geheimnißvoll lockend stralen und rieseln . Aber ich glaube daß ich mit derselben Wonne eine Freundin oder jeden andern liebenswürdigen Mann geliebt haben würde . Ich mögte sagen es sei der allgemeine aber nicht mein individueller Gefühlsdrang gewesen , der mich zu Paul und ausschließlich zu ihm geführt . Ich war zu sehr Kind , zu ungeübt , zu unerfahren um eine Wahl treffen zu können ; zu jung um das Süße , Ahnungsvolle einer stillkeimenden , verschwiegenen , wachsenden , jungfräulichen Neigung empfunden zu haben . Es waren keine Uebergänge in mir , kein Erwachen zum Bewußtsein , keine Schwankungen . Die leisen schüchternen Nüancen durch die man zur Vertraulichkeit mit einem Verlobten übergeht , der noch vor Kurzem als Fremder uns fern stand , konnten bei mir nicht statt finden , indem Paul mein Vetter war , indem ich ihn seit der Wiege kannte , indem ich mich von je her an ihn geschlossen hatte Aus der Dämmerung der Existenz , ohne Aurora , ohne Sonnenaufgang , ohne Morgensonne - trat ich plötzlich unter die Mittagsglut , und die Leidenschaftlichkeit erwachte bevor die Liebeskraft gereift war , so wie es Pflanzen giebt die Blüten tragen bevor sie Blätter haben . Aber in der vegetabilischen Natur compensiren bestimmte Zwecke und Eigenthümlichkeiten derartige Anomalien , während der Mensch eine so wunderzarte reizbare Pflanze ist , daß eine überreizte Entwickelung in späteren Momenten keine Compensation