Damen nahmen die Plätze in der Kalesche , Alfred den Kutschersitz ein . Das Ungewohnte der Lage stimmte die drei Reisenden sehr heiter . Unter Scherzen mancher Art erreichte man die Station und ließ sich von Alfred überreden , in derselben Weise seine Begleitung nach Berlin anzunehmen , das nur noch ein paar Stationen entfernt war . Als die Damen einige Stunden mit Alfred zusammengewesen waren und abwechselnd mit ihm und untereinander geplaudert hatten , sagte Eva zu ihrer Freundin : Mir ist selten ein liebenswürdigerer Mann vorgekommen , als es Reichenbach zu sein scheint ; selbst Dein Bruder ist nicht so angenehm . Bist Du schon wieder wankelmüthig ? fragte Therese neckend . Gestern erklärtest du mir , Julian sei , obschon er nichts weniger als hübsch , ja eigentlich sogar häßlich sei , der liebenswürdigste Mann , den Du noch je gekannt hättest . Das ist auch wahr ! denn daß Dein Bruder häßlich ist , das schadet nichts , sagte Eva lebhaft , ich liebe ihn dennoch . Er ist so geistreich , so liebenswürdig , so herablassend - - Siehst Du , das ist es , das ist das Schlimme ! rief sie , sich plötzlich unterbrechend . Julian ist oft so gut , daß man sich ganz sorglos ihm gegenüber gehen läßt . Er gibt sich jedem Scherz , jeder Persönlichkeit freundlich hin , aber er thut es , wie Jemand , der sich aus Gnade dazu herabläßt . Während er ganz freundlich ist , zucken plötzlich seine Lippen , er kann den innern Spott nicht mehr verbergen , er lacht über die Andern und über seine Herablassung , und dann ist er mir unerträglich . Du solltest ihm das einmal sagen , liebe Eva ! Ich habe ihm das oft gesagt , als ich ihn kennen lernte und er sein Vetterrecht , ich weiß nicht im wievielten Grade , dazu benutzte , mich häufig zu besuchen . Ich mußte mir Muth gegen Euch schaffen , ich hatte kindische Furcht vor Julian ' s Spott und vor Deiner Ruhe . Ich konnte nicht begreifen , warum meine selige Mutter , als auch sie mir starb , durchaus verlangte , daß ich in Deiner Nähe leben und Julian der Verwalter meines Vermögens werden sollte . Jetzt freilich weiß ich , daß du mein guter Engel bist ! - schloß sie , der Freundin die Hand bietend , die sie herzlich drückte . In dem Augenblick wendete Alfred sich um und machte seine Schützlinge darauf aufmerksam , daß man die Stadt schon sehen könne . Therese , die wie ihr Reisegefährte ein sehr scharfes Auge hatte , entdeckte gleich ihm die Thürme am Horizonte . Die kurzsichtige Eva nahm ihr Glas zu Hilfe und klagte dann : Es ist ein Unglück , daß ich so klein bin , der große Kutschersitz raubt mir die Aussicht . Ich bin der ländlichen Freuden längst satt gewesen , ich denke mit Wonne an Berlin und nun kann ich es nicht einmal sehen . Alfred , um sie zufrieden zu stellen , bot ihr seine Hände , sich daran zu erheben und festzuhalten , falls sie aufstehen wollte . Das nahm sie an und wußte sich vor Freude nicht zu lassen , als auch sie die Stadt erblickte . Ach , rief sie der Freundin zu , mir ist unglaublich froh zu Sinne ! Als ob uns jetzt lauter Liebes und Gutes in Berlin begegnen müßte und ganz Unerhörtes obenein . Ich habe noch nie einen Winter in Berlin verlebt , ich denke mir diese Bälle , Feste und Concerte gar zu prächtig ! Ich wollte nur , die Bäume wären nicht mehr so sommerlich grün und der Winter wäre schon da ! Sie Glückliche ! sagte Alfred , und es war Eva , als ob er ihre Hände leise in den seinen drückte . Wer so wie Sie nur Freude erwartet und Feste träumt , dem muß das Leben seine rosigste Seite gezeigt haben . Möge es immer so bleiben ! Und Sie erwarten nichts ? fragte sie ihn . Ich erwarte das Leben zu finden , wie es ist . Ernst mit gebieterischen Anforderungen , mit viel Leid und Elend , viel Jammer und Schlechtheit , und doch voll Freude und voll Großem und Erhabenem . Eva sah ihn befremdet an . Dann setzte sie sich nieder und versank schweigend in Nachdenken , bis man die Stadtmauer erreichte . Alfred fuhr Therese erst nach ihrer Behausung in der Wilhelmsstraße , dann ging es nach Eva ' s Wohnung unter den Linden . Mit Freude hörte sie , daß ihr Begleiter ganz in ihrer Nähe wohnen werde . Er mußte versprechen , sie gleich am nächsten Morgen zu besuchen , und man trennte sich herzlich , wie alte Bekannte , weil die gemeinsame Reise die Fremden einander näher gebracht und über manche Förmlichkeiten fortgeholfen hatte . V Am nächsten Morgen ließ sich Alfred bei Frau von Barnfeld melden . Er fand sie in einem Zimmer , das nach den Forderungen der Mode auf das glänzendste eingerichtet , voll von gepolsterten Sopha ' s und Sesseln und so mit Bildern , Kleinigkeiten , Blumen und Epheuwänden überfüllt war , daß es dem Spielzeugschränkchen eines verwöhnten Kindes glich . Eva selbst lag in weißem , mit rosa Bändern geziertem Negligée auf einem dunkelgrünen Plüschsopha , das von einer Epheulaube beschattet war . Unwillkürlich mußte Alfred lächeln . Sie sah aus , wie jene Wachspüppchen , die man in Nuß- oder Eierschalen verbirgt , und die uns , wenn wir die Hülle öffnen , aus grünem Blätternetz rosig entgegenlächeln . Bei Alfred ' s Eintritt richtete sie sich ein wenig empor und sagte : Ich weiß wohl , Herr von Reichenbach , daß ich Sie , als einen neuen , werthen Gast , mit mehr Form empfangen müßte ; ich bin aber müde von der Reise und so froh , mich auf einem ordentlichen Sopha von den ländlichen Divans des Seebades zu erholen