eigentlich Verachtung , und edelgeborne Menschen werden durch Mitleid sich entwürdigt fühlen , sie wollen lieber die eignen Kräfte dran setzen , als vom Mitleid sich betauen lassen , und so kommt es oft , daß diese große Helden werden , die dem Mitleid ausweichen ; denn natürlich liegt der Keim des Helden in ihnen . Jene andern aber , die dem Mitleid erlauben , mit Schmarotzerliebe sich an ihnen zu mästen , die werden verkümmern und menschlicher Würde untauglich sein . Gewiß ist dies eine , daß Mitleid , welches aus Verachtung entspringt , auch wieder die Quelle der Verachtung wird . Der Mildtätige hält sich hoch über dem Bedürftigen . Der Habende dünkt sich in Bildung und Streben weit über dem Nehmenden , und doch sollte er vielmehr ihn über sich stellen . Wie die Indianer , die einen Menschen , der nichts Irdisches sein nennt , für göttlich halten , dem sie ihre Gaben als Opfer darbringen und ihn bitten , ihnen nicht zu zürnen , daß sie nicht so heilig sind wie er . Was machst Du mit Deinem Gelde ? - Die Geschwister sagen , Du habest nie welches , und doch wissen sie nicht , wohin es kommt . Sei fleißig und mache , daß Dir das bürgerliche Mechanische im Leben nicht verächtlich wird , es ist die Quelle von viel Geistigem , und bestrebe Dich einer schönen Sparsamkeit . Du glaubst nicht , wie glücklich es Dich machen wird , wenn Du fortfährst , den Luxus und die augenblickliche Mode zu verachten , und bloße Reinlichkeit und das Gefällige Dich reizt , Du kannst mit allem , was Du ersparst , einstens vieles Schöne und Vortreffliche erschaffen . So sollte Dir auch die Zeit sein , - geteilt in unschuldigem Genuß und in ernstem seelenvollen Geschäft ! Um was ich Dich aber noch bitte , so sehr ich Dich liebe , lerne schweigen , für Dich selbst bestehen , und sei in der Würdigung eines jeden gerecht . Nur , was ewig gefallen oder mißfallen kann , dem ergib Dich , von dem wende Dich . Sei fleißig in Deinen Gedanken , daß heißt , sei lebendig im Geist , sehne Dich nach keiner andern Welt als nach jener andern , die in dieser schon lebt für den , der sie findet , und Du wirst sie finden , denn allen Wesen , die mit einem edlen Durst nach dem Ewigen um sich blicken , denen gestaltet sich das Unsichtbare ; der Geist aller Dinge erblühet in schöner Form um sie , und das ist jene bessere Welt , nach der man sich sehnt , sie ist um uns . - Die Kunst und ihr stiller einziger Tempel : ein reines unschuldiges und stolzes Herz . Ich schicke Dir hier Moritzens Götterlehre und wünsche , daß Du sie mit Ruhe , ohne Mühe und mit Genuß durchlesest . Du mußt nicht drin herumhüpfen und ein Anekdotenbuch draus machen ; denn diese Götterlehre ist eine solche andre Welt , die sich das gebildetste Volk , die Griechen , erschaffen hatten , und kann Dir selbst und Deinem Geiste nur wohltätig werden , wenn sie in Dir , in ihrer großen edlen Folge gleichsam während dem Lesen entsteht . Du sollst besonders suchen den Gesichtspunkt für die mythologischen Dichtungen zu begreifen , das wird Dich aus Deinem Emigrantenverhängnis hoffentlich ein bißchen ablösen . Ich will Dich in Deinen Begeisterungen ja nicht tadeln für alles , was Dein Verstand zu fassen und in Dir selber zu verdauen versucht . Weltgeschicke liegen jedem gleich nah und wirken in ihm , sowie er dadurch auch berufen ist , in ihnen zu wirken . Also studiere in Gottesnamen mit der Großmama alle fliegenden Blätter und Reden der Nationalversammlung durch , wähle Dir Deinen Helden unter ihnen , bete zu ihm und für ihn und vergiß Deinen Clemens , er wird doch Dich nicht aus den Augen lassen . Aber bedenke , daß Reife , Sachkenntnis und Neuheit ein Berg sind , der oft nur eine Maus gebärt ; Du aber bist diese kleine Maus und wirst nicht ein Fädenchen an den Weltgeschicken zernagen , obschon es Dein Auge schärft zu überblicken , zu durchschauen und vielleicht auch manches zu durchdringen ; und vergiß die Muse nicht über der Tonleiter der Revolutionshelden . Schreibe mir öfter und schicke mir Deine Aufsätze dabei , auch die über die Revolution . Der letzte Sur la volonté de la France war schön , und ich finde mich hinein , weil er das Allgemeine in sich enthält . Lebe wohl , und nochmals herzlich bitte ich Deine besondre Aufmerksamkeit auf Schweigen - auf für Dich selbst bestehen und innere Kraft zu wenden und recht froh und gesund zu bleiben . Dein Clemens An Clemens Clemente ! Die Sonne hat Kräuter und Sträucher in sich verliebt gemacht , sie schwellen vor Verlangen und werden ehestens in Blüte ausbrechen , eine Knospe strebt der andern vor , doch sind sie nicht eifersüchtig , so viel ihrer sind . Clemens , wenn ' s die Blumen tun , so will ich auch meine Liebeserklärung machen , aber wem ? - Ich lege sie in Dein Herz nieder , bewahre mir sie , und wenn Du einmal auf einen hohen Berg kommst , wo man eine weite Aussicht hat , geliebter Clemens , so kannst Du sie als Denkmal unsrer Eintracht stiften , aber eine weite Aussicht muß meine Liebe haben , dann übersehen wir beide alles zugleich und fühlen Übereinstimmung in allem , wenn wir auch in manchem verschieden denken , und Deine griechischen Götter und meine französischen Helden bilden eine Welt . Du frägst mich so viel in Deinem Abschiedsschreiben , Du belehrst mich , Du zankst mich verborgen unter heimlicher Decke , und noch so viel Fragen weckst Du mir im Gewissen ; - und voll ist die Brust von der Fülle , die Du mir all in Deinem Brief spendest , daß ich auch