wechselten mit wehmüthigen Erinnerungen an eine längst entschwundene Zeit . Sie dachte der Zuversicht , mit welcher sie vor zwei Jahren in dies Haus getreten war , und wie wenig sie das Glück gefunden , das sie gehofft ; freilich war es nur ihre Schuld , denn ihr Mann war sich gleich geblieben , immer gut und freundlich gegen sie . Es sei eine Schwärmerei , sagte sie sich , daß sie nicht glücklich zu sein vermochte mit einem Loose , das hundert Frauen ihr beneidet hätten . Wie durfte sie auch von dem bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern , die sie selbst nicht für ihn fühlte ? Ihre auf Achtung gegründete Neigung erwiderte er herzlich , aber Liebe , wie sie derselben bedurfte , konnte er nicht mehr empfinden , seine Frau konnte nicht sein ausschließlicher Gedanke sein , da er durch seinen Ruf und seine Berühmtheit der Welt gehörte . Er hatte eine Frau genommen , um an ihrer Seite Ruhe zu finden nach der Arbeit des Tages . Dafür hatte sie Theil an seiner Ehre , trug seinen berühmten Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges Glück erwarten können , als sie die Seine geworden war . Wie durfte sie mehr verlangen ? Wie sich zurücksehnen nach den lebhaften , stürmischen Eindrücken ihrer Jugend ? Sie klagte sich an , ungerecht gegen Meining zu sein ; sie war unzufrieden mit sich selbst und versank zuletzt in ein dumpfes Hinbrüten , aus dem ihres Gatten Tritte , die sie auf der Treppe hörte , sie aufschreckten . In der besten Laune trat er in das Zimmer . Er hielt einen großen Brief in seiner Hand . Rathe , liebe Frau ! sagte er , was ich Dir hier bringe ? Aber rathe etwas Großes , Gutes , denn es übertrifft meine Erwartungen und wird auch Dich sicher sehr erfreuen ! Clementine rieth mehrmals vergebens , bis der Geheimrath ihr den Brief zu lesen gab , der die Anfrage des preußischen Ministeriums enthielt , ob er sich entschließen könne , seine Heidelberger Verhältnisse mit einer Anstellung in Berlin zu vertauschen , die ihm unter den glänzendsten Bedingungen angetragen wurde . Diesen Brief habe ich vor vierzehn Tagen erhalten , fügte er hinzu , habe mir nun Alles reiflich überlegt und denke , heute an die preußischen Behörden zu schreiben , daß ich ihre Bedingungen annehme . Ich werde dort eine freiere und bedeutendere Stellung haben als hier , und Du wirst in Deiner Vaterstadt Dich gewiß viel behaglicher fühlen , als in dem kleinen Heidelberg . Und das bescheerst Du , Lieber , mir heute zu unserm Hochzeitstage ? fragte Clementine , sehr erfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes und durch die Hoffnung einer Veränderung , die ihr augenblicklich erwünscht schien , weil es eben eine Veränderung war . Unser Hochzeitstag ist heute ? Sieh , Clementine ! das hatte ich bis in den Tod vergessen . Deshalb kamst Du wol auch heute so früh in mein Arbeitszimmer ? Aber ich konnte Dich nicht sprechen , weil ich einen Kranken bei mir hatte . Nachher kamen gleich meine Studenten ; dann wartete schon mein Wagen , ich mußte zu einem Consilium und konnte nicht mehr zu Dir kommen . Ach , armes Kind ! und ich glaube gar , heute Morgen bin ich heftig gegen Dich gewesen ! Sage mir selbst , war es nicht so ? Clementine hatte es allerdings wehe gethan , daß ihr Mann sie mit einem recht unfreundlichen : » störe mich nicht , ich habe keine Zeit ! « fortgeschickt hatte , als sie zu ihm ging , um ihn einen Augenblick zu sprechen , daß er auch den ganzen Vormittag nicht zu ihr gekommen war , was freilich öfter geschah ; aber sie dachte , am Hochzeitstage hätte er kommen müssen , den hätte er nicht vergessen dürfen . Immer geneigt , die Schuld sich beizumessen und das Beste zu glauben , hatte sie Meining , als er ihr den Brief brachte , beschämt bekennen wollen , wie sie geglaubt , er hätte ihres Hochzeitstages nicht gedacht , ein Unrecht , das keine Frau so leicht vergiebt ; aber nun hörte sie es , es war ihm wirklich ganz und gar entfallen , und nur zufällig hatte er ihr heute den Brief gegeben . Seine Freundlichkeit vertrieb indeß sofort den innern Verdruß , und sie setzten sich Beide so fröhlich an die kleine Tafel , wie Clementine es lange nicht gewesen war . Meining war lebhaft wie in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft ; er machte die prächtigsten Plane für die Zukunft ; er klagte sich an , daß er seine arme Clementine über die Gebühr vernachlässigt , daß er und sie ihr Leben gar nicht recht genossen hätten . Nun soll es anders werden , sagte er ; mein Werk liegt gedruckt vor uns , und hat schon seine erste Frucht , meine Berufung nach Berlin , getragen ; aber nicht mir allein , der leidenden Menschheit muß und wird es nützen . Ich darf mir nun schon etwas mehr Ruhe gönnen . Die Praxis gebe ich auf und beschäftige mich in Berlin nur mit theoretischen Arbeiten und mit der Klinik . Mögen meine Schüler den Weg verfolgen , den ich ihnen gebahnt ; ich will anfangen auszuruhen . Nur eine praktische Erfahrung will ich machen , daß Du , meine Beste ! eben so vortrefflich die Honneurs eines großen Hauses , als das Glück der engsten Häuslichkeit zu machen verstehst , daß Du überall gleich liebenswürdig , überall dieselbe bist . Bist Du der Einsamkeit denn müde , lieber Meining ? Und wird Dir in Berlin das Leben in der Gesellschaft behagen , da es Dir hier kein Vergnügen machte ? fragte sie . Ganz gewiß ! Denn ich bedarf von Zeit zu Zeit gänzlicher Veränderung der Lebensweise ; und wie ich vor zwei Jahren mich nach vollkommener Zurückgezogenheit sehnte und großes Glück darin fand , so freue ich mich