ich gesehn habe , ist so gesund , wie sie nur sein kann , aber der Ehemann , mein Schatz , hat sich dir so eingelernt , daß du auch ohne Souffleur deine Rolle ohne Anstoß hersagst ; nur fehlt noch die richtige Mimik , um den Zuschauer zu überzeugen . So lebe denn wohl , mein Freund , da deine Frau ein so strenges Regiment führt ; ich muß also ohne dich reisen , ich muß einen andern gescheiten oder geschickten Mann aufsuchen , ich muß vielleicht die Bestellung , den Bau , die Torheit , die Lust aufgeben , und bloß den Bauern auf dem Gute guten Tag und Lebewohl sagen . « » Welche Freude können Sie nur in jener nördlichen traurigen Gegend finden « , sagte Leonhard , » daß Sie sie so oft besuchen ? Und welche Lust können Sie sich jetzt dort versprechen ? « » Narr « , sagte sein Freund , » dahin reise ich diesmal nicht , ich übernehme jenes andere Gut , auf welchem meine Mutter bis jetzt gelebt hat - das an der fränkischen Grenze . Nur freilich mag dies , ernsthaft gesprochen , dir zu weit entlegen sein . « » Dahin ? nach der fränkischen Grenze zu ? « fragte Leonhard lächelnd und überrascht . Dann ward er auf einmal nachdenkend und fuhr nach einer Pause fort : » Nun , so teilen Sie mir wenigstens mit , wozu Sie dort meinen Beistand hätten brauchen können . « » Tausenderlei hatt ich mir vorgenommen « , sagte der Freund verdrüßlich , » was nun alles zu Wasser wird : ich wollte dort von dir ein Theater in einem mächtig großen Rittersaale einrichten lassen ; du solltest mitspielen ; gute Freunde , herrliche und langweilige Menschen sind schon gebeten und kommen hin , Weiber und Mädchen , ich hatte Lust , mich einmal so recht zu verlieben , vielleicht gar zu heiraten ; meine ganze Jugend wollte ich mit dir wiederholen , und alles , was wir auf der Schule träumten und wünschten , einmal zu erleben suchen ; meine alte Lust wollte ich büßen und den Götz von Berlichingen , den ich schon bearbeitet habe , einmal wirklich darstellen helfen . « » Götz ! Berlichingen ! « rief Leonhard aus , indem er hastig seinen Freund umarmte ; » ja , ich reise mit , alles kann liegenbleiben , es geht recht gut ohne mich , und die Frau muß sich darin finden . « » Recht so ! « sagte Elsheim , » aber wie wird dir nun so plötzlich diese Einsicht ? « » Kommt nicht alles von Neigung und Erinnerung zusammen « , rief Leonhard aus , » um einen übrigens vernünftigen Entschluß umzustoßen ? Die Freundschaft zu dir , die Erinnerung unserer Jugend und ihrer mannigfaltigen Träume , die Nähe meines geliebten Frankenlandes und dann - der Zauber des Gelüstes , einmal ein Talent zu prüfen , dem ich einmal in einer törichten Periode mein Leben widmen wollte ; vorzüglich aber noch der Name jenes Lieblingswerkes meiner Kindheit und Jugend , alle die Lebensmelodien , die in diesem herrlich grünenden Baume wehen und singen ! « » Trink , mein Freund « , sagte der Baron ; » so gefällst du mir , und so solltest du immer sein ! Laß uns einmal wieder in unser sechszehntes Jahr zurückgehen und einige heitere Wochen ganz so genießen , wie wir damals in unserm Vermögen hatten , und wie man es leider mit jedem Jahre immer mehr verlernt . Nun erzähle einmal wieder , wie du sonst so oft tatest . « Leonhard , dem jetzt von neuem die frühesten Erinnerungen lebendig wurden , folgte dieser Aufforderung , und fuhr also fort : » Die Kunst lesen zu lernen , von der Begier , zu erfahren was in den Büchern stehe , unterstützt , ward mir so leicht , daß ich schon in der allerfrühesten Jugend ein fertiger Leser war . An Büchern fehlte es mir anfangs nicht , denn ich las alles , doch merkte ich halb den Unterschied zwischen denen , von welchen ich etwas verstand , und jenen , die mir durchaus fremde Wildnis blieben . Mein Vater hielt nur wenige Bücher , aber die er besaß , waren ihm desto lieber ; unter diesen befand sich auch der Nachdruck des damals kürzlich erschienenen Götz von Berlichingen . Ich las ihn , und noch nie hatte ich ein Buch so verstanden ; noch keines hatte mich mit solchem Zauber umsponnen , in keinem waren mir selbst die Stellen , die ich nicht begriff , und von denen ich mir oft die wunderlichsten Vorstellungen machte , so lieb und teuer und in ihrer Dunkelheit so magisch . Ich erwuchs mit dem Gedichte , ja meine Phantasie und mein Wesen wuchsen hinein . Jedes Wort wußte ich auswendig , in Gedanken ließ ich alle Figuren , in allen Verhältnissen , in allen Trachten , mit allen Mienen und Gefühlen , mir vorübergehn , auch die häßlichsten und grausendsten hatten meine Liebe ; mit Kartenblättern , mit unscheinbaren Stückchen Papier spielte ich das Stück , wer weiß wie oft , durch , und blieb immer gerührt und erbaut . Die Überschriften der Szenen , selbst die kleine Vignette vorn , gehörten mir zur Poesie , und erregten mir die lieblichsten Empfindungen . Welche Tränen vergoß ich um den biedern Götz , den edlen weichen Weislingen , vorzüglich über den herrlichen Georg . So waren Jahre vergangen , und dieses Werk war mir so notwendig , wie die Luft , die ich atmete , wie mein Leben selbst , es war mir daher nie eingefallen , nach dem Autor zu fragen , obgleich er auf dem vielgelesenen Titel genannt war ; ja mich dünkte , dieses Buch müsse so ewig sein , wie die Natur und Erde selbst ; und mein Erstaunen , meine Wehmut , mein unnennbares Gefühl läßt sich nicht beschreiben , als