Ohren schalkhaft bewegend , als spotte er der sanften Gewalt , die Erna mädchenhaft über ihn übte . Alexander , aufmerksam auf die unziemlichen Freiheiten , die er sich nahm , dictirte der allzu nachsichtigen Reiterin eine Strafe für ihn , so wie eine strengere Beschränkung seiner Willkühr . Aber der Schlag , den sie auf sein Geheiß mit der Peitsche ihm gab , glich einer leisen , liebkosenden Berührung und schreckte den Muthigen nicht . Demungeachtet wurde sie nicht bange . Ihr war , als könne an des Freundes Seite kein Unglück sie erreichen , und lächlend blickte sie öfterer in sein schimmerndes Auge , als auf den Weg , der durch das von Moos halb versteckte Wurzelgeflecht der Bäume , und ein stets Berg auf , Berg ab eine verdoppelte Achtsamkeit gebot . Da erklang tief aus dem dunkelgrünen Hintergrund des Waldes die schwermuthsvolle Liebesklage einer Nachtigall , und eine zweite , ihnen näher , antwortete in süßen , lang gedehnten Accorden den verschwebenden Tönen aus der Ferne , und flöthete so lieblich , so herzergreifend , daß sie beide unwillkührlich die Rosse anhielten , ihr zuzuhören . Ungeduldig scharrte der Araber , der sich nach raschem Gallop sehnte , die Erde auf , und stampfte den Boden - Alexander und Erna , in die seelenvollen Melodieen Philomelens vertieft , bemerkten es nicht . Plötzlich fiel dicht neben ihnen ein Schuß , und ein Reh - nicht durch ihn getroffen , aber verscheucht , sprang aus dem Gebüsch , fast die Pferde berührend , seitwärts an ihnen vorüber und riß durch die jähe Gewalt des Schreckens den scheu gewordenen , schon vorher durch Ungeduld gereizten Araber vorwärts . Im vollen Lauf sprengte er , durch einen eng verwachsenen Nebenweg sich drängend , die waldige Anhöhe hinab , oft sich bäumend , oft hintenausschlagend , bis Erna , die sich vergebens im Sattel zu halten strebte , durch einen Schlag an den Kopf von einem tief herab gebeugten Ast mit der Besinnung das Gleichgewicht verlor , und im Bügel hängen bleibend , von dem rasenden Thier geschleift , wie eine Beute des Todes auf dem von ihrem Blut benetzten Pfade dem ihr athemlos nacheilenden Alexander aus den Augen schwand . XV Denn er hatte mit der Gegenwart des Geistes , die ihm eigen war , überdacht , daß er ihr zu Fuße weit leichter folgen , und weit hülfreicher seyn könne , als zu Pferde , allenthalben durch das Dickicht ängstlich und gefahrvoll aufgehalten . Schnell war er daher abgesprungen , und flüchtig wie das Reh , das die erste Veranlassung dieses Schreckens gab , eilte er ihr nach , nicht ohne aufs tiefste von seiner Verantwortlichkeit bewegt zu seyn , und voll quälender Besorgnis : wie er sie finden werde . Die einzelnen Blutstropfen auf dem grünen Moose waren ihm ein purpurner Leitfaden , ihre Spur zu verfolgen , und endlich , - welch ein Schauder rieselte durch alle seine Nerven - endlich sah er sie in weiter Entfernung leblos auf der Erde liegen , und den Araber unaufhaltsam , und wie vom bösen Gewissen gejagt , von dannen sprengen . Er flog zu ihr hin , und warf sich vor ihr nieder . Todtenblässe bedeckte ihre Wangen und Lippen . Der Ast , der ihre Stirn verletzte , hatte ihr das Barret abgestreift , und die festgeflochtenen Haare gelößt , die lang und dunkel an ihr niederhingen . Gleichwohl war trotz der Willkühr des Falles ihre Stellung so edel , der Ausdruck ihrer in den Fesseln der Ohnmacht erstarrten Züge so rührend , daß Alexander tief erschüttert mit gefaltenen Händen vor ihr lag , und mehrere Momente in ihrem Anschauen verlor , ehe er so viel Fassung gewann , um irgend etwas zu ihrer Hülfsleistung zu thun . Das Flüstern einer nahen Quelle weckte ihn zuerst aus der dumpfen Betäubung , in der er zu ihren Füßen kniete . Er raffte sich auf , und tauchte sein Tuch in ihre crystallene Kühlung , es dann sanft und leise um Erna ' s verwundeten Kopf zu schlagen . Noch perlte ihr reines Blut in hellen Tropfen gleich Rubinen auf der Lilienweißen Stirn und zwischen den braunen Locken hervor , aber er hatte doch den Trost zu bemerken , daß ihre Wunden nicht tief waren . Sorgsam ihr auf den rauhen Boden hingesunknes Haupt an seine klopfende Brust lehnend , ihre kalten Hände zwischen den seinigen wärmend , hatte er endlich die unaussprechliche Freude , ihr Bewußtseyn leise wieder aufdämmern zu sehn . Welch ein Erwachen ! Sie glaubte , sie habe geträumt . Von seinen Armen umschlossen , an seinem Busen sich wieder findend , verlöschte die Erinnerung des gehabten Schreckens und der erlittenen Schmerzen in ihrer Seele , die keinen Raum neben den Gefühlen hatte , welche seine vertrauliche Nähe ihr gab . Sie zog ihre Hand nicht aus der seinen . Mit der ganzen Kraft des neu erwachten Lebens , mit der vollen Gluth still entflammter Liebe , und mit der innigsten Dankbarkeit für das Entzücken , mit welchem er sie dem gefahrvollen Scheintod entrissen sah , blickte sie ihm ins Auge , und lächelte ihm zu , wie nur Seelige lächeln . Doch es war nicht Erwiederung ihrer liebenden Empfindung , die aus seinen Blicken strahlte - es war nur die aus ganz gewöhnlicher Gutmüthigkeit entspringende Freude , sie gerettet zu sehn , sie nicht als Leiche ihrer Mutter wiederbringen , und den herzzerschneidenden Vorwurf erwarten zu müssen , daß sein Verschulden ihr die Tochter raubte . Anders glaubte aber Erna sein Innerstes bewegt , weil das ihrige ihr der Maasstab war , nach dem sie es beurtheilte . Ihr schien es aufs tiefste ergriffen - ein süßer Wahn überredete sie , daß sie seine Gesinnung eben so durchschauete , wie die ihrige rein und offen vor ihm lag , und in ihrer kindlichen Unerfahrenheit ahnete sie nicht , daß selbst ihre forschendsten Blicke wie von einem ehernen Schilde von der undurchdringlichen Rinde abprallten ,