, desto mehr war ich , der Warnung des Bruders Cyrillus gedenkend , bemüht , auf jede Art mir es zu erschweren . Als Cyrillus mich verlassen , übersah ich noch einmal die mir anvertrauten Heiligtümer , dann löste ich aber das Schlüsselchen , welches den gefährlichen Schrank schloß , vom Bunde ab und versteckte es tief unter meine Skripturen im Schreibpulte . - Unter den Professoren im Seminar gab es einen vortrefflichen Redner , jedesmal , wenn er predigte , war die Kirche überfüllt ; der Feuerstrom seiner Worte riß alles unwiderstehlich fort , die inbrünstigste Andacht im Innern entzündend . Auch mir drangen seine herrlichen begeisterten Reden ins Innerste , aber indem ich den Hochbegabten glücklich pries , war es mir , als rege sich eine innere Kraft , die mich mächtig antrieb , es ihm gleichzutun . Hatte ich ihn gehört , so predigte ich auf meiner einsamen Stube , mich ganz der Begeisterung des Moments überlassend , bis es mir gelang , meine Ideen , meine Worte festzuhalten und aufzuschreiben . - Der Bruder , welcher im Kloster zu predigen pflegte , wurde zusehends schwächer , seine Reden schlichen wie ein halbversiegter Bach mühsam und tonlos dahin , und die ungewöhnlich gedehnte Sprache , welche der Mangel an Ideen und Worten erzeugte , da er ohne Konzept sprach , machten seine Reden so unausstehlich lang , daß vor dem Amen schon der größte Teil der Gemeinde , wie bei dem bedeutungslosen eintönigen Geklapper einer Mühle , sanft eingeschlummert war und nur durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden konnte . Der Prior Leonardus war zwar ein ganz vorzüglicher Redner , indessen trug er Scheu zu predigen , weil es ihn bei den schon erreichten hohen Jahren zu stark angriff , und sonst gab es im Kloster keinen , der die Stelle jenes schwächlichen Bruders hätte ersetzen können . Leonardus sprach mit mir über diesen Übelstand , der der Kirche den Besuch mancher Frommen entzog ; ich faßte mir ein Herz und sagte ihm , wie ich schon im Seminar einen innern Beruf zum Predigen gespürt und manche geistliche Rede aufgeschrieben habe . Er verlangte sie zu sehen und war so höchlich damit zufrieden , daß er in mich drang , schon am nächsten heiligen Tage den Versuch mit einer Predigt zu machen , der um so weniger mißlingen werde , als mich die Natur mit allem ausgestattet habe , was zum guten Kanzelredner gehöre , nämlich mit einer einnehmenden Gestalt , einem ausdrucksvollen Gesicht und einer kräftigen tonreichen Stimme . Rücksichts des äußern Anstandes , der richtigen Gestikulation unternahm Leonardus selbst mich zu unterrichten . Der Heiligentag kam heran , die Kirche war besetzter als gewöhnlich , und ich bestieg nicht ohne inneres Erbeben die Kanzel . - Im Anfange blieb ich meiner Handschrift getreu , und Leonardus sagte mir nachher , daß ich mit zitternder Stimme gesprochen , welches aber gerade den andächtigen wehmutsvollen Betrachtungen , womit die Rede begann , zugesagt und bei den mehrsten für eine besondere wirkungsvolle Kunst des Redners gegolten habe . Bald aber war es , als strahle der glühende Funke himmlischer Begeisterung durch mein Inneres - ich dachte nicht mehr an die Handschrift , sondern überließ mich ganz den Eingebungen des Moments . Ich fühlte , wie das Blut in allen Pulsen glühte und sprühte - ich hörte meine Stimme durch das Gewölbe donnern - ich sah mein erhobenes Haupt , meine ausgebreiteten Arme , wie von Strahlenglanz der Begeisterung umflossen . - Mit einer Sentenz , in der ich alles Heilige und Herrliche , das ich verkündet , nochmals wie in einem flammenden Fokus zusammenfaßte , schloß ich meine Rede , deren Eindruck ganz ungewöhnlich , ganz unerhört war . Heftiges Weinen - unwillkürlich den Lippen entfliehende Ausrufe der andachtvollsten Wonne - lautes Gebet hallte meinen Worten nach . Die Brüder zollten mir ihre höchste Bewunderung , Leonardus umarmte mich , er nannte mich den Stolz des Klosters . Mein Ruf verbreitete sich schnell , und um den Bruder Medardus zu hören , drängte sich der vornehmste , der gebildetste Teil der Stadtbewohner schon eine Stunde vor dem Läuten in die nicht allzu große Klosterkirche . Mit der Bewunderung stieg mein Eifer und meine Sorge , den Reden im stärksten Feuer Ründe und Gewandtheit zu geben . Immer mehr gelang es mir , die Zuhörer zu fesseln , und , immer steigend und steigend , glich bald die Verehrung , die sich überall , wo ich ging und stand , in den stärksten Zügen an den Tag legte , beinahe der Vergötterung eines Heiligen . Ein religiöser Wahn hatte die Stadt ergriffen , alles strömte bei irgend einem Anlaß , auch an gewöhnlichen Wochentagen , nach dem Kloster , um den Bruder Medardus zu sehen , zu sprechen . - Da keimte in mir der Gedanke auf , ich sei ein besonders Erkorner des Himmels ; die geheimnisvollen Umstände bei meiner Geburt am heiligen Orte zur Entsündigung des verbrecherischen Vaters , die wunderbaren Begebenheiten in meinen ersten Kinderjahren , alles deutete dahin , daß mein Geist , in unmittelbarer Berührung mit dem Himmlischen , sich schon hienieden über das Irdische erhebe und ich nicht der Welt , den Menschen angehöre , denen Heil und Trost zu geben ich hier auf Erden wandle . Es war mir nun gewiß , daß der alte Pilgram in der heiligen Linde der heilige Joseph , der wunderbare Knabe aber das Jesuskind selbst gewesen , das in mir den Heiligen , der auf Erden zu wandeln bestimmt , begrüßt habe . Aber so wie dies alles immer lebendiger vor meiner Seele stand , wurde mir auch meine Umgebung immer lästiger und drückender . Jene Ruhe und Heiterkeit des Geistes , die mich sonst umfing , war aus meiner Seele entschwunden - ja alle gemütliche Äußerung der Brüder , die Freundlichkeit des Priors erweckten in mir einen feindseligen Zorn . Den Heiligen , den hoch über sie erhabenen , sollten sie in mir