vor vielen Jahren diese Schwellen , und nun mir die Thore geöffnet sind , was bietet mir die Welt anders , als die bejammernswürdige Freiheit , meinen Wanderstab über die Gränzen meines Vaterlandes hinaussetzen zu dürfen , ohne irgendwo eine Heimath , ohne ein Herz zu finden , das zu mir gehört ! Auch Du , rief sie , Marien heftig an sich ziehend , wirst die stillen Tage hier zu beweinen haben ! Was kann das Leben anders mit Dir thun , als Dich verlocken und hintergehn ? Die Kleine sah betrübt mit fragendem Blick auf Vater und Schwester , und als diese , überrascht von der losbrechenden Heftigkeit der sonst so gehaltenen Frau , schwiegen , und , gleich ihr , vor dem Augenblick zurückbebten , der sie plötzlich , in der breiten Schrankenlosigkeit aufgelöster Verhältnisse , zu Schöpfern ihrer Zukunft machte , so stürtzten dem armen Kinde ihre bunten Bilder alle zusammen , und sie betete still um einen frühen Tod , der sie der düstern Lebensnacht überheben möge . In dieser wachsenden Verfinsterung der Gemüther brach der Abend allmählich herein . Die Aebtissin legte mit zitternden Händen bäurische Kleider über die ihrigen , umwickelte sich Stirn und Kinn mit dicken Tüchern , und erwartete sehr unruhig ein verabredetes Zeichen , welches ihr die Anwesenheit ihres Führers und Beschützers ankündigen sollte ; sie entdeckte dem Marquis , ihre große Familienähnlichkeit mit den Bourbons , von welchen sie , in geringer Abstufung , stamme , gäbe ihr die entsetzlichsten Besorgnisse , sie verliere fast den Muth , aus diesen Mauern hervorzutreten , sie scheue jedes Menschenauge , ja die Luft , das Licht , das ihr Gesicht berühren werde ; sie wolle deshalb so geheim als möglich nach den Küsten eilen , und nach Toulon auf ein englisches Schiff zu gelangen suchen , wohin sie Adressen habe . Die Stille von Außen hatte ihnen Muth genug gegeben , nach den obern Gemächern heraufzusteigen . Antonie blieb mehreremale auf den Treppen und in den Gängen stehn , sie schien sich die Gestalten zu dem zu schaffen , was sie im Taumel ihrer Sinne gehört hatte . Antonie , sagte die Aebtissin , rufe Dir nicht Dinge in das Gemüth zurück , die uns noch blutig genug auf unserm Wege begegnen können ! Auch dem Marquis waren jene Erinnerungen widrig , da es ihm unschicklich , ja entehrend , erschien , daß er sich wie ein Gelähmter oder Feigling vor der wilden Rotte verborgen halten , und jeden Gedanken an tapfern Widerstand unterdrücken mußte . Er zog daher Antonien schnell mit sich fort , und wünschte in allem sehnlich , das Gebäude je eher je lieber verlaßen zu können . Es ward auch nach grade so dunkel , daß jeder unerkannt seines Weges zu ziehn hoffen durfte . Alle saßen nun unruhig neben , nicht mehr bei einander , denn eines jeden Gedanke war über die Gegenwart hinausgerückt . Man erwartete nur den Aufbruch der Aebtissin , welche der Marquis niemals allein zurückgelaßen haben würde . Endlich klang es von außen , als wenn zwei Eisen zusammenfielen . Das ist der Herzog ! rief die Aebtissin ganz außer sich . Der Herzog ! wiederholten Alle , aber die erschütterte Frau , welche die endliche Befreiung in ein ganz fremdartiges Element des Lebens warf , vor welchem sie innerlich zurückbebte , hatte nur noch Kraft , sich den alten und neuen Freunden sprachlos in die Arme zu werfen . Antonie ward leichenblaß , als sie auf diese zutrat , sie faßte ihre beiden Hände und riß sie in wilder Heftigkeit an ihre Brust . Dann wankten alle zur großen Pforte , durch welche nun auch ein jeder einem ganz unbekannten Leben entgegentreten sollte . Draußen stand ein langer , dicht vermummter Mann , neben einem einspännigen , Karrenartigen Fuhrwerk . Er hielt mit einer Hand eine kleine Blendlaterne , doch so , daß der Schein nicht auf sein Gesicht fiel , die andere bot er der Aebtissin , welche unter dumpfem Wimmern auf dem dürftigen Brettchen Platz nahm . Der Mann schwang sich dann auf das Pferd , und führte das kleine Fuhrwerk kaum hörbar von dannen , als die Aebtissin sich noch einmal in die Höhe richtete , die Freunde zu grüßen , Antonie schrie laut auf , und verhüllte , als sehe sie etwas Unheimliches , das Gesicht . Jetzt trieb auch der Köhler Pferde und Wagen des Marquis aus den untern Speichern herauf . Er hatte zuvor ein Bündel Kiehn in den Klosterhof angezündet . Die Thiere stiegen wild und scheu aus dem dunkeln Schlupfwinkel hervor und schüttelten sich und stampften den Boden , den das grelle Licht blendend überflog , die beiden Mädchen sahen scheu auf ihre Führer , welche sie indeß schnell in den Wagen hoben , und ohne weiteres mit ihnen in die dunkle Nacht hineinfuhren . Sechstes Kapitel Schärfere Luftzüge und ein dämmernder Himmel verkündeten den Anbruch des Tages , als die Reisenden , im unbehaglichen Gefühl des Ueberwachens und dem krankhaften Frösteln abgespannter Kräfte , vor einem ehemaligen Zoll- und Gasthause an der Landstraße hielten , um die Pferde etwas verschnaufen zu lassen und selbst einige Stunden dort zu ruhen . Der Köhler klopfte an der Thür , vor welcher er , erwartend daß sie sich öffne , stehn blieb ; es regte sich auch drinnen , ward aber bald wieder still , er klopfte deshalb noch einmal und stärker , und voll Ungeduld , den erschöpften Frauen einige Erholung zu verschaffen , stieß er ein drittesmal heftig mit dem Fuße dagegen . Endlich ward das Seitenfenster aufgeschoben , ein bärtiges Gesicht sah heraus , ein paar derbe Flüche durch die Luft schmetternd . Der Köhler verlangte mit einigem Ungestüm Obdach für sich und seine Begleiter . Zum Teufel rief jener , hier ist kein Wirthshaus ! packt Euch weiter ! und schlug das Fenster zu . Die Pferde waren indeß unruhig geworden , traten bald vor , bald zurück , wodurch der