freier Wille seyn . Das ist schön ! gnädigster Herr - antwortete ich - denn sonst wäre ich gewiß wieder sehr betrübt gewesen , und mein Kommen hätte Ihnen nichts geholfen . Nun will ich aber meiner Mutter schreiben , und wenn die nichts dawider hat , so komme ich gewiß . Er war sehr erfreut , und begleitete uns bis in das äusserste Zimmer . Schreibe sie mir bald , herzliebste Mutter . Stephani an seine Verwandten . Alles will mich trösten . So muß ich denn wohl des Trostes sehr bedürfen . Sie ist abermals krank , und ihr Zustand bedenklich . Einige wollen mich vorbereiten auf das , was vielleicht geschehen könnte , würde ; aber dann ist mein Schmerz ohne Gränzen . O wer von ihnen , die sich erfrechten , sie zu lästern , der lauten Stimme meines Herzens zu widersprechen , kannte sie wirklich ? Höret die Geschichte ihres Lebens ! Höret sie selbst . Rosamundens Geschichte . Ich war von eilf Kindern das jüngste . Alle wurden von meiner Mutter getränkt , ich allein mußte einer Fremden anvertraut werden , und blieb immerdar fremd unter meinen Geschwistern . Auch meine Eltern kannten mich nicht , und vereinigten sich bald in dem Urtheile : daß von meiner Fassungskraft nicht viel zu erwarten sey . Von dem Augenblicke , wo ich dieses entdeckte , war es mir unmöglich , ihnen anders , als sie mich dachten , zu erscheinen . Diese Eigenheit ist mir mein ganzes Leben hindurch geblieben und es braucht nur Jemand eine unvortheilhafte Meinung von mir zu äussern , um sie durch tausend kleinen Zufälligkeiten bestätigt zu sehen . Es wäre mir wohl möglich , sie alle zu meinem Vortheile zu benutzen , und die gegen mich eingenommenen Menschen vielleicht für immer zu gewinnen , aber eine unüberwindliche Scheu hält mich davon ab , auch ist mir eine überlegte Freundschaft und Anhänglichkeit unerträglich . So kam es denn , daß ich , mitten unter Eltern und Geschwistern in immer tiefere Einsamkeit gerieth , und zuletzt beinahe gänzlich verstummte . Dafür aber war ich allein immerdar begeistert . Unaufhörlich schwebten tragische Situationen vor meinem Sinne , denen ich durch Stimm ' und Geberde Leben zu geben bemüht war . Aber wie oft mußte ich vor meinen Geschwistern aus einem düstern Winkel in den andern fliehen und das , was ich mit Thränenströmen , mit Triumph und Klagegesang luftdurchtönend hätte verkünden mögen , in mein Inneres verschliessen . Ganz konnte ich es gleichwohl nicht ohne mein Leben durch die gewaltige Empfindung zerstört zu sehen . Was blieb mir übrig , als Tanz und Geberde ? Ich trauerte Anfangs darüber ; entdeckte aber bald , daß eben dieses gänzliche Verstummen mir eine eigene , heilige Welt bildete , wo ich das den übrigen Künsten , trotz allem Bemühen , dennoch Unaussprechliche seelenerhebend andeuten konnte . Aber wen erhob ich ? - Mich selbst und Tausende , die um mich versammelt waren . Wer waren diese Tausende ? Geister , die vor meinem inneren Sinne so lebendig schwebten , als hätten sie geathmet . Von Niemanden gekannt , erreichte ich so das fünfzehnte Jahr . Meine Schwester hatte das siebenzehnte zurückgelegt , und wurde allgemein für ein sehr reizendes und geistvolles Mädchen gehalten . Nur das erste war sie wirklich , doch schien sie mir damals , so wie Andern , das letzte in eben dem Grade , und ich war fest überzeugt , in ihrer Gegenwart nicht besser als durch Schweigen für mich sorgen zu können . Eben deswegen blieb ich aber auch ganz unbemerkt neben ihr , und von allen Männern , die sie umflatterten , war gewiß kein einziger , der mein Herz geahnet hätte . Ich fand dieses , durch meine Kindheit vorbereitet , sehr natürlich , und sogar dann , als meine ganze Lebenskraft für einen der eifrigsten Anbeter meiner Schwester erwachte , kam es mir nicht in den Sinn , von ihm geliebt werden zu können . Diese Ueberzeugung von Unliebenswürdigkeit äusserte sich immerdar minder oder mehr bei mir ; gleichwohl half ich meine Schwester , die sich gern putzte , verschönern , und wenn auch oft ein stechender Schmerz meine Brust durchfuhr , that ich doch , in stiller Trauer , Alles , was sie wollte . Dieses gefiel ihr , sie machte mich zu ihrer Vertrauten , und bereitete mir dadurch einen neuen schmerzlichen Genuß : sie sprach von dem Geliebten . Er war sehr schön , ein mir oft schreckliches Lächeln ausgenommen , was meine Liebe , wäre ich auch minder von der Unmöglichkeit , geliebt zu werden , überzeugt gewesen , immerdar in meine Brust zurückgeschreckt haben würde . Meine Schwester übersah dieses Lächeln , vertraute ihm ihr Herz und ihr Schicksal , wurde seine Gattin . Mit heimlichem Schaudern begleitete ich sie zum Altare , ergriff , als sie in die Kirche trat , plötzlich ihr Kleid und wollte sie nicht lassen . Aber er fühlte ihr Zögern und riß sie mit fort , so , daß ein Stück ihres Kleides in meinen Händen blieb . Tiefsinnig betrachtete ich das Stück , und folgte langsam zum Altare . In dem Augenblicke , wo sie das Ja sagen sollte , versagte ihr die Stimme . Sie sah mich an und erbleichte . Aber der Geistliche fragte sie zum zweitenmale , und sie sagte das schreckliche Ja . Die Hochzeit war lärmend , aber die Braut traurig , und der Bräutigam witzig . Es überfiel mich ein Grauen bei diesem Witze , und bei dem mir so furchtbaren Lächeln traten mir brennende Thränen in die Augen . Noch acht Tage sollte meine Schwester im väterlichen Hause verweilen , dann wollte er sie nach Italien auf seine Güter führen . Erst jetzt , da meiner Mutter die eine Tochter entrissen werden sollte , schien ihr die andere etwas werth , und sie widerstand fortwährend Charlottens Bitte um meine Begleitung . Der achte Trauertag brach an , Alles war