nichts gemein thun . Mag das Ideal nun die Gestalt irgend eines berühmten Mannes , eines großen Helden , wie Miltiades dem Themistokles1 war , oder eines holden Weibes tragen ; das ist in Rücksicht der Wirkung einerlei . Du siehst , Liebe , wie gelassen , wie wahrhaft philosophisch ich die Sache betrachte . Hörst du wohl ? Philosophisch ! Du mußt mir das Wort gelten lassen . Es bezeichnet ganz eigentlich das , was ich andeuten will . Philosophie ist Liebe zur Weisheit . Und ist der nicht weise zu nennen , der sich bemüht , mit klarer ruhiger Ueberlegung alle Dinge auf der Welt in den gehörigen Beziehungen und Abständen von sich zu stellen - und zu erhalten ? Das allein führt zur Gemuthsruhe , und nur bei Gemüthsruhe kann Weisheit wohnen . Nach dieser Definition , die mir ziemlich richtig scheint , käme es nun darauf an , zu bestimmen , wer eher Anspruch auf den Titel eines Philosophen machen kann - Ihr leidenschaftlichen Seelen , die ihr Alles mit düsterem Ernst betrachtet , die Welt als einen ewigen Kampfplatz der Tugend mit dem Unglück oder Laster anseht , und Alles schwer ertraget , weil ihr eben Alles recht schwer nehmt - oder wir andern frohmüthigen Geschöpfe , die wir uns von keiner Sache tiefer bewegen lassen , als sie es verdient , vor allen Dingen den Erscheinungen in dieser Welt die trügerische Maske abziehn , die ihnen Vorurtheil , Leidenschaft , Phantasie anlegen , und dann , wenn wir den schrecklichen Riesen auf seine wahre Zwerggestalt herabgebracht haben , zusehen , wie wir mit ihm fertig werden wollen . Jetzt will ich dir auch eine Stelle aus deinem ersten Briefe , die mich damals fast ein wenig verdroß , parodirend zurückgeben . » Laß uns den eiteln Stolz auf Systeme aufgeben , « schreibst du . » Wir sind nicht , was wir wollen , sondern was wir können . « Laß uns , sage ich dir , nicht hinter Entschuldigungen des Unvermögens flüchten , wo wir thätig seyn , und handeln sollen ! Wie oft - ich gebrauche mich der Waffen deines großen stoischen Lehrers - wie oft ist Nichtwollen die Ursache , Nichtkönnen der Vorwand ! 2 Sieh , Sulpicia , ich fühle , daß Agathokles mehr Bedeutung für mich bekommen könnte , als nach der Kenntniß , die ich von seinem Herzen und unsern gegenseitigen Verhältnissen habe , mit meiner Ruhe bestehen kann . Ich sage es aufrichtig ; denn warum sollte ich mich der Neigung zu einem der edelsten Sterblichen schämen ? Aber eben darum werde ich mich und ihn strenge bewachen - und nie soll Leidenschaft und ausschließende Liebe die schöne Stille stören , in der allein mir so wohl ist . Freundschaft , Achtung , zwangloser gebildeter Umgang , das ist Alles , wessen ich bedarf , um glücklich zu . bleiben . Das wollte ich suchen , das habe ich gefunden , und will es mir erhalten . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Themistokles hat bei der Statue des Miltiades , der die Perser überwand , als Jüngling Thränen des Ehrgeizes geweint , und dann später die Perser , wie jener , geschlagen . 2 Seneca in seinen Episteln : Nolle in causa est , non posse praetenditur . 7. Sulpicia an Calpurnien . Bajä , im Februar 301 . Was soll ich sagen , Calpurnia ? Soll ich mehr das Glück deines frohen Sinnes bewundern , oder deine ungeheure Anmaßung bedauernd anstaunen ? Du fängst an zu lieben , ja du liebst bereits , du bleibst in der Gegenwart des geliebten Gegenstandes , und darfst es wagen , deinen Gefühlen so nahe , oder überhaupt nur einige Grenzen setzen wollen ? Entweder du irrest schrecklich , und wirst nur zu früh aus deinem sorglosen Schlummer erwachen , oder - du bist die glücklichste Sterbliche , die jemals gelebt hat , und leben wird . Aber du , die du unsre Tragiker auswendig weißt , kennst du die Stelle nicht : Ich fürchte die Götter , wenn sie allzugünstig sind ? 1 Daß du und Agathokles einander näher kommen , daß ihr euch , trotz des Contrastes , oder eben um des Contrastes eurer Gemüther wegen , wechselseitig anziehen würdet , das habe ich vorgesehen , als Tiridates mir nebst der Schilderung seines Freundes , die Nachricht brachte , daß er als Gastfreund in eurem Hause lebe . Daß du aber auch mit dieser Empfindung , mit der Neigung zu einem Agathokles , wie bisher mit allen übrigen , nach Gefallen zu spielen , sie zu ' lenken und zu drehen hoffen kannst - das hatte ich nicht erwartet . Was denkst du denn von der Liebe ? Welche Begriffe machst du dir von ihr ? O daß die Stimme einer unglücklichen Freundin die Kraft hätte , dich zu warnen , da es noch Zeit ist ! Ja , die Liebe ist die schönste , die seligste Empfindung , deren das menschliche Herz fähig ist ; sie ist es , die den armen Sterblichen auf Augenblicke seiner dürftigen Existenz vergessen läßt , und ihn in den Aufenthalt der seligen Götter zu ihren Freuden entzückt . Aber - diese Freuden sind nicht für den Sohn der harten Erde , für das zu Mühe und Sorgen bestimmte Geschlecht des Deucalion2 gemacht ! Die Götter strafen den Eingriff in ihre Rechte , und stoßen den Frevler , der in dieser sterblichen Hülle sich an ihren Tisch drängen wollte , in den Tartarus hinab . Sieh hier den wahren Sinn der Fabel des Tantalus , oder Prometheus , der den himmlischen Funken stahl , um die Gebilde seiner Hand damit zu beleben ! Nicht das stolze , kalte Vorrecht der Vernunft , die Seligkeit der Liebe , die ganz eigentlich das Glück des denkenden Wesens ausmacht , war es , womit er seine Geschöpfe weit glücklicher zu machen dachte ; aber die Himmlischen straften den Raub , und Prometheus büßte durch