kann hier eine Gränzlinie zwischen Traum und Wahrheit ziehen ! Nun , nun , sagte Stephano lächelnd , kommen Sie nur , ein Sonnenblick , denk ich , soll die freudige Wirklichkeit aufdecken , und die matten Sinne aufs neue erfrischen . Junger Freund , fuhr er ernsthaft fort , als Rodrich noch immer im stummen Nachdenken verharrte , hüten Sie sich vor jener schlaffen Beweglichkeit , die dem Manne alle Kraft zu ernstern Kämpfen raubt . Es giebt weiche , kindliche Gemüther , die in Freud und Schmerz gleich hingebend sich selbst verlieren . Die Natur formt nicht Alle auf gleiche Weise . Aber der Mensch kann viel gegen die Schwäche eigener Natur ; und wer sich nach der ersten Erschütterung nicht wiederzufinden , nicht in der eigenen Freiheit wieder herzustellen vermag , für den werde ich nie sonderliche Achtung hegen . Er reichte ihm hierbei die Hand , um die Strenge seiner Worte zu mildern , Rodrich ging beschämt neben ihm her , bis sie ins Freie kamen , und die Schönheit und Regelmäßigkeit der Gebäude , die am vorigen Abend in dem gemeinsamen Eindruck des Ganzen für ihn verloren ging , jetzt seine Aufmerksamkeit erregte . Sie sprachen viel über alte Architektur . Rodrich stimmte für die Klarheit und in sich bedingte Größe griechischer Formen . Hier ist überall Harmonie , fuhr er fort , weil der Zweck nicht außerhalb zu suchen ist . Dem Griechen erschließt sich der Himmel unmittelbar in der Anschauung , für ihn ist alles an sich ganz und ungetheilt da . Bei den Römern war das schon anders . Die Kunst ward ihm Mittel , er wollte das Ungeheure und stellte sich selbst auf die Spitze . - Wie gut Sie die Römernaturen verstehen ! sagte Stephano lächelnd , fast glaube ich , Sie haben ihr eignes Bild in dem Römischen Künstler aufgestellt . Gewiß ist es , daß Corinthus Blüthen sehr bald in den Riesenmassen versteinten , doch auch so sind sie schön in ihrer Eigenthümlichkeit . - Nur daß sie sich in dieser Hinsicht mehr der Gothischen als der Griechischen Kunst nähern , erwiederte Rodrich . Legen Sie doch nicht den Maaßstab des Einen an , um das Andere zu würdigen , entgegnete jener . Durch solche Vergleiche verrückt man nur zu oft den Standpunkt , von dem jedes Einzelne betrachtet seyn will . In ihrer Erscheinung sind alle drei höchst ehrenwerth , weil sie einen bestimmten Charakter aussprechen , wodurch sie sich allein schon von den heutigen Kunstwerken unterscheiden , die uns nicht selten zeigen , wie man drei in einem vereinigt . Glücklich genug , wenn wir ein gothisches Häuschen neben einem griechischen Tempel eng und zierlich nach dem Gesichtskreis des Beschauers zugeschnitten erblicken , oft ist es noch schlimmer , modische Pracht und antike Verzierung schmücken eine neu erbaute Rinne , und so umgekehrt . Doch auch dies ist nicht charakterlos , es spricht die allgemeine Verwirrung des Zeitmoments aus , und wer will behaupten , daß nicht das Herrlichste daraus hervorgehen könne . Sie standen bei diesen Worten vor demselben Gitter , das Rodrich gestern offen fand . Er fragte begierig nach dem Besitzer des Gartens , und erfuhr , daß er zu dem Schlosse der Prinzessin Therese , Schwester des Herzogs gehöre , die seit dem Tode ihres Gemahls den kalten Norden verlassend , mit ihren beiden Töchtern zu dem kinderlosen Bruder zurückgekehret sey , und neues Leben über das verwaisete Land verbreite . Stephano sprach noch viel von der hohen Natur dieser Frau , die aus einem freudeleeren Bund eine seltene Heiterkeit gerettet habe , und sie auch den verschlossensten Gemüthern mittheile . Rodrich fühlte bald den Einfluß jenes stillen Geistes , der überall in den freudigen Umgebungen athmete . Die beruhigten Sinne verweilten gern auf den hellen Wasserspiegeln , dem frischen Rasen , der reichen Fülle der schattigen Bäume . Alles stand so anspruchslos da , daß der dumpfe Mensch leicht daran vorübergehen konnte , ohne die ordnende Hand zu ahnden , die so unscheinbar alle einzelne Blüthen zu einem vollen Kranze sammelte . Nirgend war etwas Hervorstechendes , allein nirgend sah man auch der widerstrebenden Natur fremde Stoffe aufgedrungen . Umgebungen - Erde und Himmel , alles berührte sich in ungestörtem Einklang . Was ihm gestern im nächtlichen Schein so feierlich begegnete , trat jetzt leicht und erfreulich hervor . Den Laokoon sah er nicht , wohl aber den Pavillon mit seinen hohen Fenstern , deren lichtblaue Vorhänge glauben ließen , der Himmel spiegle sich in dem chrystallenen Pallast der Nereiden . Hier , sagte Stephano , verlebt Prinzessin Miranda die schönsten Stunden in der Erinnerung früherer Kindheit , die ihr die Lage des Platzes , das ferne Gebirge , die Beugung des Stromes , alles wie sie sagt , auf eine eigene Weise zurückruft . Miranda ? wiederholte Rodrich - der Name dringt seltsam aus der Ferne herauf , mir ist , als habe ich ihn einst wo gehört . Wie sollten Sie nicht , fiel Stephano schnell ein . Seit dieser Himmel unsre Erde erleuchtet , ist jedes Herz davon erfüllt . Schon als Künstler , setzte er hinzu , kann Ihnen der Name nicht fremd seyn . Die herrliche Gestalt ist von tausend alten Mahlern und Bildhauern vergebens nach geformt ; indeß Niemand das eigentliche Wesen , das , was ihrem Gesicht den unwiderstehlichen Zauber giebt , darzustellen weiß . Die Heftigkeit , mit welcher Stephano dies alles sagte , war Rodrich nicht entgangen . Er gedachte seiner gestrigen Erscheinung , des Liedes , das ihn so unwillkührlich fortriß , und beide gingen eine Zeitlang schweigend neben einander hin , als der Ritter schnell auf sie zukam und Rodrich bat , ihn sogleich zu seinem Oheim zu begleiten , der von allem unterrichtet , ihn ungeduldig erwarte . Er selbst , fuhr er fort , war früher durch Familienverhältnisse gezwungen , fast auf ähnliche Weise in fremde Dienste zu gehen . Alle Widerwärtigkeiten seines reichen Lebens haben die jugendliche