er seine unwiderstehlichen Reize mit in Anschlag brachte , schien ihm Widerstand selbst bei einer Henriette unmöglich . Leider hatte er nur zu richtig geschlossen ! Henriette gestand nach einigem jungfräulichen Weigern , daß sie ihn allen Männern vorziehe , und verhieß , was auch sein oder ihr Loos seyn möge , die Seinige zu werden . Als nach ihrer Eltern Tode sie , so zu sagen , sich selbst überlassen war , würde sie gern den feierlichen Bund geschlossen haben ; denn obschon Karl nur vom Abschreiben lebte , wandte sie doch jetzt ihr Talent , die Malerei , zum Broderwerb an ; und da sie durch den Meister , dem sie seine Kunst ablernte , viel Bestellungen nach Rußland und Polen hatte und in der Landschafts- und Blumen Malerei immer bedeutendere Fortschritte machte , so glaubte sie einen genügsamen Haushalt versorgen zu können . So rechnete die 18jährige Henriette . Der 22jährige Karl hingegen so : » Henriette ist die Gutmüthigkeit selbst ; sie wird sich nicht weigern , das , was sie zu einer Haushaltung zureichend hält , zu anderm Endzwecke herzugeben . Ich will , ehe ich eine so ernsthafte Verbindung eingehe , meiner Jugend genießen . « Und so genoß der unwürdige Jüngling , und verschwendete auf eine Weise , worüber sein guter Engel weinte , das mühsam erworbene Geld der Geliebten , die es als nöthigen Aufwand bei Bewerbung um irgend eine Stelle angewendet , glaubte , indeß er sie unter dem Vorwande hinhielt , keine Stelle sei ihrer werth . Es verging ein Jahr nach dem andern unter diesen schwankenden Aussichten auf künftige Versorgung für Henrietten ; und immer noch verlor sie den Glauben an Karln nicht so bedeutende Winke sie von vielen Seiten her erhielt . Daß er , ihrer Hand auszuweichen , nicht versorgt seyn wollte , fiel der treusten Seele auf Gottes Erde nicht ein . Und hatte sie irgend eine bekümmernde Nachricht über sein geheimes Verhalten gehört , so glaubte ihr zartes Gemüth ihm für den momentanen Eindruck , den es auf sie gemacht hatte , Ersatz schuldig zu seyn ; sie entzog sich irgend ein nothwendiges Bedürfraß ( denn andere befriedigte sie nicht ) , ihm eine Freude durch irgend ein kleines Geschenk zu machen , welches er gewöhnlich kalt annahm und oft noch an demselben Abend , irgend einer Unwürdigen einen freundlichen Blick abzugewinnen , zum Opfer darbrachte . Karl hatte von Henriettens Fleiß so geschwelgt und seiner Jugend so reichlich genossen , daß er endlich auf die Hefen gekommen war . Er erkrankte und fühlte jetzt mit Schrecken , daß er einer treuen Pflege bedürfe , die er nicht verdiente . Henriette weigerte sich keinen Augenblick ihm zu gewähren , was sie für ihre heiligste Pflicht hielt . Sie betrat die Schwelle des Krankenzimmers mit dem Geistlichen zugleich , der ihre Hand in die brennende Hand des Schwindsüchtig-Kranken legte , und sie für die wenigen Tage seines Lebens mit ihm verband . Wenige Tage vor seinem Hinscheiden beging er die , wie er es dafür hielt , pflichtmäßige Grausamkeit an der Armen , ihr ein vollständiges Bekenntniß aller seiner Treulosigkeiten gegen sie abzulegen . Sie gab die Zusage ihrer herzlichen Verzeihung unter Strömen von Thränen . Nach einigen Tagen starb er , und ihr Gram war gemäßigter , als er vielleicht ohne dies unglückliche Bekenntniß gewesen seyn würde . Aber jetzt erst wurde die unerträglichste Bürde des Kummers über ihr Herz hingewälzt . Zu ehrlich , um irgend Einem Unrecht zu thun , übernahm sie das Schuldenregister des Verstorbenen mit Aufopferung ihrer ganzen Haabe zu tilgen . Bei diesem Anlasse sahe sie Briefschaften und Rechnungen durch , die ihr ein schreckliches Licht über die Verirrungen des Verstorbenen gaben . Sie war das Spiel des Mannes gewesen , dem sie so viel hingegeben hatte , und nie hatte er es erfahren , daß sie zwei sehr annehmliche Parthien , nach ihrer Eltern Tode , seinetwegen ausgeschlagen hatte . Aber ihr wahrhaft religiöser Sinn entbrannte nicht über die Vergehen des Einzelnen ; doch härmte sie sich über die allgemeine Gebrechlichkeit , der sogar eine Natur , wie die ihres Karls , unterliegen mußte . Allem zu genügen und allen Recht widerfahren zu lassen , arbeitete sie jetzt strenger , als je . Ihre Arbeiten erhielten durch ihre individuelle Lage einen sehr anziehenden Karakter , der die zarteren Saiten menschlichen Gefühls höchst lieblich berührte . Um diese Zeit wurde Albertine ihre Schülerin und ihre Freundin . Der Unterschied der Jahre hinderte nicht den Einklang dieser gleichartigen Naturen . Die ältere Freundin bewunderte neidlos die sich schön entfaltenden Geistesblüthen der jüngern : und die jüngere erndtete freudig die reiferen Geistesfrüchte der ältern ein . Dies war das Herz , zu dem Albertine sich flüchtete , wenn das Mißfallen an ihrer Umgebung ihrem Frohsinn gefährlich zu werden drohete . » Ach , Henriette ! « seufzte dann Albertine . » Diese Menschen sind erbärmlich verschroben ! « fiel ihr Madame Euler in ' s Wort ; » und halten sich obenein für eminente Naturen , die uns armen Menschen Pöbel unbegreiflich sind . - Aber - wir wollen sie schon begreifen , und dann sollen sie uns eine lustige Stunde machen ! « Sechstes Kapitel Die schönen Sommertage waren dahin , und schon erinnerte die frühere Dämmerung und der nebelartige Thau , der sich Abends auf die Fluren senkte , daß der Herbst nahe sei , und die Familie zur Stadt zurück kehren werde . Albert war indessen um kein Haar breit weiter mit Albertinen gekommen . Sie war sich immer gleich : offen , ehrlich , ohne Kunst ; und eben dies war die Ursache , daß es ihm schien , als sei ihr mit Liebe , die gern kleine Schleifwege einschlägt , und in mysteriösen Lauben weilt , gar nicht beizukommen . Ihr Thun und Treiben war so kindlich offen , und doch so klug , daß Albert sich in ihrer Nähe wie durch tiefe Ehrfurcht gebunden fühlte ;