was jeder dafür kann , der einen freien Willen hat . » Ach Gott ! Kannst Du einem Wahnsinnigen freien Willen zuschreiben ? « Wie ? Du hältst sie für wahnsinnig ? » Nicht in dem gewöhnlichen Sinne . Aber glaube mir , jeder lasterhafte Mensch ist es minder oder mehr . Nanntest Du nicht selbst einmal Oliviers Denkungsart lasterhaften Wahnsinn ? « Ja , wenn ich ihn nicht sehe , wenn ich nicht unmittelbar unter seiner Bosheit leide . Aber in dem Augenblicke , wo ich beleidigt werde , muß ich die Beleidigung instinktartig zurückwerfen , muß voraussetzen , der Beleidiger sey ein freier Mensch , fähig , sich nach vernünftigen Gründen zu bestimmen . Hat er es bis dahin nicht gekonnt ; so verhelfen ihm sehr oft meine Vorwürfe dazu . Er begreift , daß er anders handeln muß , um mir nicht hassenswürdig zu werden . » Liebste Wilhelmine ! dies glauben viele Menschen , und doch - was bringt dieser Glaube hervor ? Nach meiner kleinen Erfahrung gerade das Gegentheil von dem , was man hoft : daß ich in dem Beleidiger - schuldiger oder unschuldiger Weise - eine unangenehme Empfindung erregt habe , ist ja schon durch die Beleidigung erwiesen . Sie selbst , obgleich sie ihm eine täuschende Erleichterung verschaft , bringt wieder eine unangenehme Empfindung hervor . Nun füge ich - um das Unglück vollkommen zu machen - eine drey doppelt so unangenehme hinzu . Wie natürlich , daß er durch eine gerechte oder ungerechte Kraftäußerung diese Menge unangenehmer Empfindungen auf mich , den widrigen Gegenstand zurückwirft . Und so ist denn der Anfang zu einer , wer weiß wie viele Jahre dauernden Feindschaft gemacht . « Also muß man alles dulden , alles über sich ergehen lassen ? » Was die Männer sollen , das weiß ich ich nicht . Sie haben ihren Degen und mit dem läßt sich vielerley ausmachen . Aber Güte und Sanftmuth sind ja unsere einzigen Waffen ? Mir wenigstens , kommt eine Frau die sich auf irgend eine Weise zu rächen sucht , wie eine ekelhafte Mißgeburt vor . « Aber Madame R .... ist nicht ekelhaft - - » Liebste ! viele Kranke sind ekelhaft ; muß man sie darum verlassen ? « Wenigstens folgt Jedermann , der Madame R .... kennt , dieser sehr natürlichen Empfindung . » Gerade dadurch wird sie noch mehr erbittert . « So ? mich dünkt sie könnte sich aber auch dadurch bewogen fühlen etwas weniger giftig zu werden . Denn , sage was Du willst , man muß sich doch , wegen ihrer Bosheit , an sie selbst halten . » O ja ! wenn man abgerechnet hat , was Erziehung , Umstände und Temperament dazu beigetragen haben . Wenn man versucht hat , was die äußerste Liebe über sie vermag . « Und dazu bist nun gerade Du berufen ? Mußt Dich um dieses Weibes willen von einer Freundin trennen ? Ich will es noch erleben ! in das Polterkämmerchen wird man mich stecken . » Meine Wilhelmine ! « - rief sie - schloß mich in ihre Arme , und erstickte alle übrige Vorwürfe mit ihren Küssen . Da kommt sie ! Ich muß schließen und habe Ihnen noch gar nicht geschrieben , was ich eigentlich schreiben wollte . Nun , das nächste mal . Viele Grüße an meinen lieben Vater und an Reinhold . Drey und dreißigster Brief Olivier an Reinhold Noch habe ich keine Zeile von Dir gesehen . Freilich ! wohin kannst Du mir schreiben ! - Ich irre herum wie ein Verbannter , suche Ruhe und finde sie nicht . Reinhold ! sey menschlich ! entdecke mir ihren Aufenthalt . Sieh ! ich gebe Dir mein Ehrenwort : ich will sie nicht zwingen . Nein ! sie soll frey bleiben . Mag sie dann auch ihre Freiheit zu meinem Nachtheil gebrauchen . Wenn ich sie nur sehe , wenn ich nur in ihrer Nähe wieder athme . O Reinhold ! gieb mir sie wieder ! damit ich diesen entsetzlichen Schmerz in meiner Brust nicht mehr fühle . Ach wie ist alles so wüste seitdem ich sie nicht mehr habe ! - Nur die Hofnung sie zu finden , konnte mir das Leben erhalten . In G .... haben sie das Äußerste versucht mich zu erheitern . Vergebens ! Weiber , Wein , Vergnügungen , alles ist mir zum Ekel . Sprechen sie nun gar von meinen stachlichten Lorbeeren ; so möchte ich davon laufen . Ach was sind meine Metzeleyen gegen ihre stille , himmlische Größe ? - Was sind die gepriesensten Weiber gegen diese Unvergleichliche ! - Wahre Zieraffen ! die nicht einmal die Hälfte von dem , was sie ist , scheinen können . Sieh ! ich bin unglücklich ! auf mein ganzes Leben bin ich unglücklich , wenn ich sie nicht finde . Ich ließ mir aus Verzweiflung den Zügel wieder schießen , wollte mich betäuben . - Aber es geht nicht ! es geht nicht ! - Ach ich fühle mich dann noch trostloser , noch weiter von ihr entfernt . Aber kann ich ihr nicht schreiben ? Reinhold ! ich will ihr schreiben . Dir selbst schicke ich den Brief . Du mußt , ja Du wirst ihn besorgen ! - Nein , das kannst Du nicht ! nein , Du behältst ihn nicht zurück . - Du liebst mich noch , Du willst nicht , daß ich verzweifle . O Reinhold ! Du schickst ihr den Brief . - Ich schreibe ! ich schreibe . Vier und dreißigster Brief Olivier an Julie Julie ! haben Sie mich vergessen ? O Julie ! hassen Sie mich ? - Ich bin unglücklich , unbeschreiblich unglücklich . Ich sehe , ich höre Sie nicht mehr . - Nein , aus Sich selbst haben Sie das nicht gethan . Man hat Sie gezwungen , Sie gewaltsam mir entrissen . Aber dieser Brief wird in Ihre Hände kommen . Sie werden ihn