merkte . Er war leicht kindlich vertrauend : dann konnte er aber auch bis zur Ungerechtigkeit argwöhnend sein . Doch interessierte ihn Juliane sehr , die Tiefe ihres Gemüts war ihm nicht entgangen , trotz der Anlage zur Koketterie , und dem etwas künstlichen Wesen , welches ihre Erziehung und ihr Stand ihr gegeben hatte , und das ihn immer etwas entfernte , obgleich er es hier in so schöner Gestalt erblickte . Lange konnte er es doch nicht aushalten , sie unzufrieden zu sehen ; so oft er sie durch ein zu kühnes Wort , oder eine Anspielung , die ihre Eitelkeit strafte , erzürnt hatte , so wußte er sie gleich wieder durch irgendeine Überraschung oder eine kleine schmeichelhafte Aufmerksamkeit zu versöhnen . Er stimmte nie mit ein , wenn sie in Gesellschaft von den um sie her flatternden Herrn wegen ihres Gesangs oder Tanzes , oder ihrer Schönheit erhoben ward ; vielmehr suchte er sie dann durch einen kleinen Trotz , eine Art von Vernachlässigung zu demütigen . Wenn sie sich aber irgendeiner Regung ihres guten empfindlichen Herzens überließ , oder in ihrer natürlichen Anmut , kunstlos , ohne Anmaßung und ohne Absicht sich gar nicht bemerkt glaubte ; dann wußte er ihr etwas Angenehmes zu sagen , oder sie durch einen Blick seiner Teilnahme zu versichern . Dann ließ er sich auch gern ihre kleine Siegermiene gefallen , und ertrug gutmütig ihre mutwilligen Neckereien . Nach und nach war die Zufriedenheit ihres launenhaften Lehrers allein bedeutend für Julianen ; der laute Beifall der Menge ward ihr gleichgültiger , zuletzt beinah verhaßt . Eduard bemerkte mit Freude diese Veränderung . Er scherzte eines Tages darüber , daß Florentin mehr Einfluß auf ihre Bildung habe als er . - » Sie haben mir es niemals merken lassen « , sagte Juliane , » daß ich zu eitel sei . « - » Ich liebte Sie Juliane , so wie Sie sind . « - » Und jetzt merken Sie erst , daß ich besser sein könnte ! ich kann mich wenig auf Ihre Erziehungskunst verlassen . « - » Die Liebe weiß nur zu lieben ; wie sollte sie erziehen ? « - » Sie erzieht freilich « , sagte Florentin , » aber nicht den andern . « - » Machen Sie meiner Liebe einen Vorwurf , unartiger Florentin ? « erwiderte Juliane . » Nein , vielmehr spreche ich sie dadurch rein von einem Vorwurf , den man ihr allerdings machen könnte . « - » Nun ? « - » Nun , daß Sie Eduard nicht besser erzogen haben . Denn er wird es doch nicht leugnen , daß er die Huldigungen Ihrer Eitelkeit mit noch weit größerer und sträflicherer Eitelkeit sich hat gefallen lassen . Es ist in der Tat eine schwierige Untersuchung , wer von Ihnen beiden mehr Erziehung oder weniger Liebe hat . « - » Trauen Sie sich zu , uns in beiden zu übertreffen ? « - » Ich , ihr Guten , kann weder mein Leben , noch meine Liebe mit dem Kunstwerk der Erziehung vergleichen ! « - - » Man kann nicht anders als sich für ihn interessieren « , sagte Juliane , » aber er ist doch zu sehr verschlossen gegen seine Freunde , es ist ihm auf keine Weise beizukommen . « - » Doch hat vielleicht niemand mehr als er die Fähigkeit , Freund zu sein « , sagte Eduard . » Wissen wir doch nicht , wie oft er schon ist hintergangen worden ; reizbar wie er ist , muß jede üble Behandlung ihn wohl auf lange verstimmen . « Florentin vermied anfangs Eduards Annäherung mit eigensinnigem Stolz , ob er ihn gleich im Herzen wohl leiden mochte . Eduard ließ sich aber nicht dadurch abschrecken , er gewann immer mehr Anhänglichkeit für ihn , näherte sich ihm mit freundlicher , bescheidener Aufmerksamkeit , und suchte seinem etwas wilden , nach Freiheit strebenden Sinn mit dem feinen , gebildeten Geist , der ihm eigen war , zu begegnen ; es mußte ihm gelingen . Florentin fühlte endlich , daß er am unrechten Ort mißtrauend gewesen war . Mit der Überzeugung seines Unrechts erweichte sich auch sein absichtlich verhärtetes Gemüt gegen Eduard , er wurde bald offner und geselliger gegen ihn . Auf einem Morgenspaziergang öffneten sich ihre Seelen gegeneinander ; sie nannten sich seitdem Freunde . Florentin gewann Eduard so lieb , daß er ohne Wehmut bald nicht daran denken konnte ihn zu verlassen ; doch mußte und sollte es geschehen ! So waren Wochen verflossen ; mit einer jeden nahm er sich ' s fest vor , in der nächsten zu reisen ; immer hielt ihn aber das Bitten seiner neuen Freunde und seine eigne Neigung fest . Zum erstenmal empfand er die Bitterkeit der Trennung ; bis dahin hatte er alles , was er jemals verließ , gleichgültig verlassen . Fünftes Kapitel Gräfin Clementina hatte eine junge Anverwandte bei sich . Diese kam , und machte Julianen einen Besuch , indem sie zugleich einen mündlichen Auftrag der Gräfin Clementina an Julianens Eltern ausrichtete mit der Bitte , die Vermählung noch einige Wochen aufzuschieben , weil sie in diesen nächsten Tagen abgehalten würde , zugegen zu sein , wie sie es doch sehr wünschte . Sollte der Tag aber schon unwiderruflich festgesetzt sein , und es bei der ersten Verabredung bleiben müssen , so wäre sie genötigt diesen Wunsch aufzugeben . Doch ersuchte sie ihren Bruder und Eleonoren , wenigstens noch einen Brief von ihr abzuwarten ; sie hätte ihnen noch einiges zu sagen , wäre aber durchaus in diesem Augenblicke nicht imstande zu schreiben ; doch sollte es in den nächsten Tagen geschehen . Eduard war nicht leicht zum Aufschub zu bewegen , seine Ungeduld , die schöne Juliane ganz die Seinige zu nennen , wuchs mit jedem Tage , und seitdem er Florentin kannte , schien sie den höchsten Punkt erreicht zu haben . Doch mußte er es sich aus