Reinhold lächelte . „ An Ihnen ist die Zeit spurlos vorübergegangen , Herr Doctor . Sie bewahren noch immer Ihren alten Ruf . Das dritte Wort , das Sie sprechen , ist eine Malice . “ „ Je nachdem , “ meinte Welding achselzuckend und wandte sich an Ella , die dem alten Freunde des Hauses herzlich die Hand entgegenstreckte . „ Nun , wie finden Sie unsere Eleonore ? “ rief der Consul triumphirend . „ Blüht sie nicht wie eine Rose ? Und der ‚ Kleine ‘ ist so groß geworden , daß wir bald eine andere Bezeichnung für ihn werden suchen müssen . “ Doctor Welding lächelte und diesmal ausnahmsweise ohne jede Malice , als er erwiderte : „ Frau Eleonore ist sich gleich geblieben . Das ist das beste Compliment , das man ihr sagen kann . Gewiß , gnädige Frau , ich bin nicht der Letzte , der sich über dieses Wiedersehen freut und nebenbei auch darüber , daß die Erlau ’ schen Salons , für die nächsten Wochen wenigstens , wieder unter Ihrem Scepter stehen . Unter uns gesagt – “ er senkte die Stimme – „ es sieht bisweilen etwas bedenklich darin aus , wenn die Frau Tante bei den Kunstgesprächen den Vorsitz führt . “ – Die Aufregung und die Freude des Wiedersehens hatte die Ankömmlinge erst spät zur Ruhe gelangen lassen . Die Morgensonne schien schon klar und hell in die Fenster , als Ella in das Gemach trat , das während ihres Aufenthaltes in dem Erlau ’ schen Hause ihr Wohn- und Arbeitszimmer gewesen war . Es zeigte noch ganz die frühere kostbare Einrichtung , mit welcher der Consul seinen Liebling umgeben hatte . Auch Reinhold war bereits dort ; er stand am Fenster und blickte auf die Straßen seiner Vaterstadt herab , die er nach mehr als zehnjähriger Abwesenheit zum ersten Male wieder betrat . Es war nicht der junge Künstler mehr , der im trotzigen Kampfe mit seiner Umgebung und seiner Familie die Fesseln wie die Pflichten zerriß , um sich in eine Laufbahn zu werfen , die ihm Ruhm und Liebe verhieß , und der beides im Sturme errang , aber auch der Rinaldo war es nicht mehr , dessen wild geniales Leben in Italien so oft das Urtheil der Welt herausgefordert hatte , der keinen anderen Zügel und kein anderes Gesetz zu kennen schien als seinen eigenen Willen , und dem die Vergötterung von Seiten des Publicums und seiner Umgebung so verderblich zu werden drohte . In seinem Wesen lag nichts mehr von hochmüthiger Ueberhebung oder verletzender Schroffheit ; es zeigte jetzt einzig das ruhige feste Selbstbewußtsein , das dem Manne wie dem Künstler nur zum Vortheile gereichte . In seinem Auge blitzte noch immer etwas von der alten Leidenschaftlichkeit , die im Leben wie in seinen Werken doch nun einmal Rinaldo ’ s eigentliches Element bildete , aber die wilde unstäte Flamme , die einst in diesem Blicke loderte , war erloschen , und was jetzt dort leuchtete , paßte besser zu dem ruhigen , etwas düsteren Ausdrucke seiner Züge . Was auch ein wildes , überschäumendes Leben in dieses Antlitz gegraben haben mochte , es redete jetzt nur noch von Ueberwundenem , und der träumerisch nachdenkliche Blick , der in diesem Augenblicke den Giebel des alten Hauses in der Canalstraße suchte , der deutlich aus dem Häusergewirr emportauchte – es war ganz der Blick des ehemaligen Reinhold , jenes Reinhold , der in dem engen kleinen Gartenhause vor seinem Flügel so oft gesessen und jene Töne wachgerufen , die damals nur in der Nacht laut werden durften , wollte er nicht wegen der „ unnützen Phantasterei “ gescholten werden , welche die Welt jetzt die Offenbarung seines Genius nannte . Ella näherte sich ihrem Manne . Ihr Aussehen rechtfertigte in der That den Ausspruch des Consuls ; sie blühte wie eine Rose . Die drei letzten Jahre hatten dieser reizenden Gestalt nichts von ihrer Anmuth genommen , aber sie hatten ihr den Ausdruck des Glückes gegeben , der ihr einst fehlte . „ Hast Du so früh schon Briefe erhalten ? “ fragte sie auf zwei geöffnete Schreiben deutend , die auf dem Tische lagen . Reinhold lächelte . „ Gewiß ! Sie wurden uns aus der Residenz nachgesendet , und den Absender dieses Briefes , “ – er nahm den einen empor , – „ erräthst Du sicher nicht . Eins wenigstens hat mir mein neuestes Werk eingetragen , das mir mehr werth ist , als all die Ovationen , mit denen man uns überschüttete – einen Brief von Cesario . Du weißt ja , wie tiefverletzt er sich damals von uns zurückzog , und mir jeden Annäherungs- und Versöhnungsversuch unmöglich machte . Er konnte es Dir nicht vergeben , daß Du so lange gegen ihn geschwiegen hattest , und mir nicht , daß ich seinem Glücke im Wege stand ; seit drei Jahren habe ich , wie Du weißt , kein Lebenszeichen von ihm erhalten . Die erste Aufführung meiner Oper in Italien hat endlich das Eis gebrochen ; er schreibt wieder ganz mit der alten Herzlichkeit und Begeisterung , beglückwünscht mich wegen des neuen Werkes , das er weit über sein Verdienst erhebt , und – zeigt mir zugleich seine bevorstehende Vermählung mit der Tochter des Principe Orvieto an . Sie wird in wenigen Wochen seine Gemahlin . “ Ella war an die Seite ihres Mannes getreten und las über seine Schulter hinweg den Brief , den er geöffnet in der Hand hielt und in dem ihrer auch nicht mit einem einzigen Worte Erwähnung geschah . „ Kennst Du die Braut ? “ fragte sie endlich . „ Nur wenig ! Ich sah sie ein einziges Mal im Hause ihres Vaters und erinnere mich ihrer nur als eines schönen , lebhaften Kindes . Sie wurde im Kloster erzogen und stattete damals einen flüchtigen Besuch bei den Eltern ab . Aber ich weiß , daß diese Verbindung schon in jenen Tagen ein