Emanzipation des Fleisches . Am Abend dieses verhängnisvollen Tages trat Professor Herbert , bevor er in das Kränzchen ging , in ein prachtvolles Boudoir einer am Ende der Stadt gelegenen Villa . Das ganze Zimmer bildete ein Zelt von rotem golddurchwirkten Damast , dessen ungeheure Falten sich in der Mitte des Plafonds vereinigten und eine Rosette bildeten . An den Wänden rings umher waren niedere türkische Diwans von demselben Stoff . Rote Plüscheteppiche , so weich und lang ­ haarig wie ein üppiger Rasen , bedeckten den Boden . An den Wänden hingen türkische Pfeifen und kostbare Waffen aller Art : Schilder , Schwerter , Pistolen und Dolche . Im Hintergrunde des Zimmers wölbte sich ein besonderes von schlanken Säulchen getragenes Zelt über einem Ruhebett , vor welches ein Löwenfell mit ausgestopftem Kopfe gebreitet war . Neben demselben stand auf dem Boden ein kostbarer Apparat zum Opiumrauchen . Auf einem niederen Tischchen von Bronze und Malachit lag eine Reitgerte mit Diamant ­ knopf . Ein Tabouret neben dem Diwan trug eine chinesische Schale mit Zigarren . Auf einem geschliffenen Marmorsokel erhob sich in der Mitte des Zimmers ein Bronzeguß des Farnesischen Stiers , rechts und links von dem Zelte des Ruhebetts auf den gleichen Piedestalen die Abgüsse der Rossebändiger des Monte Cavallo zu Rom.47 Die reiche Drapierung der Wände wurde durch Armleuchter mit Ampeln von Milchglas gehalten . Der Dampf einer feinen Zigarre durchzog in blauen Ringen das Gemach , das weit eher einem türkischen Pascha als einer Dame angehören konnte und dennoch wurde es von einer Dame bewohnt und ihre Zigarre war es , deren Wolken den so eben ein ­ tretenden Herbert umhüllten . Herbert sah vorerst nur zwei schöne Frauenfüße in perlengestickten russischen Pantoffeln auf dem Rücken des Löwen liegen , die Vorhänge des Zeltes verhüllten ihm noch die Gestalt . Zwei Schritte weiter und da dehnte sich in behaglichster Ruhe auf den schwellenden Kissen vor ihm ein Weib , neben welchem alle andern Werke der Natur zur Pfuscherei wurden , — eines der Weiber , die nur zuweilen erscheinen , um lachend Alles zu verdunkeln , was Menschen bis da ­ hin für schön gehalten hatten . — Herbert stand , wie jedesmal , geblendet und verwirrt vor diesem Bilde . Er hatte den neuen Frack an , hielt einen funkelneuen Zylinder in den Glacés , die ihm seine Frau diesen Morgen geflickt hatte — und doch , was war er mit all dieser Eleganz , was half ihm der neue Frack dieser Frau gegenüber ? Stumm stand er da „ in seines Nichts durchbohrendem Gefühle “ — was konnte er ihr sein und geben ? Sie war das Urweib — sie forderte den Urmann , wie die letzte Riesin in den Nibelungen nur den letzten Riesen lieben mochte . War er in seinem Fracke jener Urmann — jener Sieg ­ fried , der diese Brunhild bezwingen konnte ? 48 Ach , er fühlte es zu wohl , er war nichts — als ein arm ­ seliger Schwächling , dessen einzige Kraft die der Be ­ gierde war . „ Ah , sieh da , unser kleiner Philister “ , sagte gähnend die schöne Brunhild in gebrochenem Deutsch und reichte ihm ihre weiche Hand , mit der sie ihn wie ein Kind neben sich auf den Diwan herabzog . Herbert sank so tief in die üppigen Polster , daß sie fast wie Wogen über ihm zusammenschlugen . Zu seiner steifen Hal ­ tung und Toilette paßte aber dieser Platz auf ebener Erde gar schlecht — er hatte nicht die Geschmeidig ­ keit der reichen Aristokraten , die gewöhnt sind , sich in seidene Kissen zu schmiegen und die Beine von sich zu strecken . Solch ein Sitz taugte nur für den , der sich unbekümmert und behaglich , die Opiumpfeife im Munde , neben der rauchenden Genossin ausdehnen und ge ­ legentlich seinen Kopf zum Schlummern in ihren Schoß legen durfte . — Der arme Herbert gehörte nicht zu diesen Begünstigten des Glückes . Hölzern und ängst ­ lich saß er da , wie eine zusammengeknickte Glieder ­ puppe und seine spitzen Knie ragten trostlos über das Niveau seines Sitzes empor , während sich von der allzustarken Krümmung seine knappen Kleidungsstücke verschoben . Er stellte schüchtern seinen Hut neben sich auf das weit höhere Tabouret und beneidete ihn um den vorteilhafteren Platz . „ Nun , mein gelehrter Herr “ , begann die Dame wieder „ so stumm ? Wo fehlt es denn ? Was drückt Sie , häusliches Elend ? Pardon — ich wollte sagen : eheliches Glück . “ „ Das drückt mich ja immer , meine teure Gräfin ! “ erwiderte Herbert . „ Diesen Staub schüttle ich bei Ihnen von den Flügeln . Es ist heute etwas Anderes , was mich bekümmert — meine Penthesilea — “ Die Gräfin lachte laut auf und blies eine starke Wolke Tabak zur Decke empor . „ Da haben wir ’ s ! — Entweder es ist seine Frau — oder seine Penthesilea , die ihn quält — ich wünsche der Einen wie der An ­ deren sobald als möglich die ewige Ruhe , denn ein unglücklicher Ehemann und ein Trauerspiel passen so wenig in die Atmosphäre dieses Boudoirs , wie der Duft von Eau de Cologne und Kamillentee , diese schauer ­ lichen Attribute eines Krankenzimmers . “ „ Und doch waren Sie es , Gräfin , deren Helden ­ gestalt mich zur poetischen Verherrlichung jener kühnen Amazone des Altertums begeisterte . “ „ Das mag wohl sein , doch — Bester — glauben Sie nur , daß Penthesilea selbst es sicher als eine schwere Strafe betrachtet hätte , ihren Ruhm in einer deutschen Tragödie lesen zu müssen ! Nun , nur nicht gleich wieder verletzt ! Schnell eine Zigarre ! Wollen Sie Feuer haben ? Da , ich will Ihnen mehr geben , als Sie nur brauchen “ , und dabei bog sie sich mutwillig lachend zu ihm hin und zündete mit ihrer Zigarre