mehr zu erkennen ! Es tat mir weh , dieser Anblick , so anmutig das Bild auch war , und ich habe noch manche Träne geweint , ehe ich mich daran gewöhnte , das alte , freundliche Gesicht dort nicht mehr zu sehen . Während dieser schönen Frühlingstage wurde in einem heiteren Kreise unserer Freunde eine Landpartie beschlossen . Verschiedene hübsche Punkte der Umgegend wurden ins Auge gefaßt ; endlich schlug irgend jemand Weltzendorf vor , und zu meiner größten Freude ging dieser Vorschlag durch . An einem sonnigen , blauen Maitage rollten wir unter blühenden Obstbäumen dem Ziele unseres Ausfluges zu . Ich war still im Gegensatz zu der anderen Gesellschaft , ich dachte daran , daß ich den Ort sehen sollte , wo meine alte Freundin gelebt und geliebt und wo sie nun auch ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte . Im Wagenkasten lag ein Kranz von Frühlingsblumen , den ich auf ihr Grab legen wollte . Gespannt sah ich die grauen Mauern des stattlichen Schlosses aus dem lichten Grün der Linden und Kastanien auftauchen , das große Dorf lag wie begraben unter Blütenbäumen und der kleine Kirchturm ragte schlank darüber weg in den blauen Himmel hinein , wie ein Hirt , der seine Herde bewacht . – – Wir fuhren in das Dorf , stiegen am Wirtshause aus , und eine kleine , saubere Dirne zeigte uns den Weg zu dem Park , den der jetzige Besitzer ( vermutlich einer der hoffnungsvollen Armbrustschützen ) galanterweise uns zur Verfügung gestellt hatte . Auf dem Rasen standen Tische und Bänke , und in buntem Durcheinander wurde der landesübliche Kaffee mit Bergen von Kuchen vertilgt . Die Regimentsmusik spielte die lustigsten Weisen zum Ergötzen der ganzen Einwohnerschaft des Dorfes , die sich zahlreich jenseits des kleinen Flüßchens , der hier die natürliche Grenze des Parkes bildet , versammelt hatte . Ich allein war zerstreut , ich mußte ja immer an die denken , die hier einst gewohnt . Und wenn mein Auge in das Dunkel der prachtvollen Baumgruppen tauchte , dann war es mir immer , als müßte dort eine schlanke Mädchengestalt im blaßblauen Kleide mit den dunklen Flechten um den Kopf heraustreten . Oder es müßten ein paar Reiterinnen die Allee entlang brausen mit blitzenden Augen und dem Übermut der Freude auf den rosigen Gesichtchen , die schlanken Gestalten Eberhardts und Bergens ihnen zur Seite . – Dort auf dem kleinen Balkon , der so keck an dem Turm klebt , hatte sie wohl gestanden , die erste unverständliche Sehnsucht der Liebe im Herzen , und zu den Sternen aufgeschaut . Hier auf diesem Platze vielleicht hatte sie den ersten Brief gelesen , und an jener kleinen Brücke war es , wo sie in dunkler , stürmischer Nacht bewußtlos zusammensank , als ihr beinahe das Herz brach über seine Untreue . Gegen Abend schlich ich mich heimlich fort aus dem Kreise der Tanzenden , ließ mir den Blumenkranz aus dem Wagen reichen und suchte mir eine kleine Dirne , die mich nach dem Kirchhof geleiten sollte . Ich ging , mein leichtes Sommerkleid auf der staubigen Straße zusammenraffend , hinter dem kleinen Flachskopf her . – » Das ist das Pfarrhaus « , sagte das Kind nach einem Weilchen und wies auf ein leidlich schmuckes Häuschen , dessen Fenster mit wildem Wein fast zugewachsen waren . Die alte Linde stand noch in dem kleinen Vorgarten und beschattete eine Bank , auf der ein etwa zwölfjähriges Mädchen , eifrig im Gesangbuche lesend , saß , während die frischen Lippen sich leise bewegten , als lerne es auswendig . Ich war stehengeblieben . Als das Kind mich bemerkte , stand es rasch auf , machte einen verlegenen Knicks und lief schleunigst und dunkelrot mit seinem Buche in die geöffnete Haustür hinein . Nun wandte ich mich nach dem gegenüberliegenden Hause , das mußte ja ihr Vaterhaus sein – auch dies lag tief im Schatten zweier Linden , die zu beiden Seiten der alten Sandsteintreppe standen . Die Fenster waren weit geöffnet und ließen die milde Fruhlingsluft hinein . An einem derselben saß im Lehnstuhl ein alter Mann mit schneeweißem Haar und sah gespannt nach mir herüber . Dann erhob er sich und trat gleich darauf vor die Haustür . Ich ging hinüber und stand vor dem Greise , der sein schwarzes Käppchen vom Haupte nahm und mit freundlicher Stimme fragte : » Sie sind gewiß die junge Freundin von Fräulein Siegismund ? Ich habe Sie schon lange erwartet und will Sie gern zum Kirchhof begleiten . « Er reichte mir die Hand und schritt dann rüstig neben mir her , die hohe Gestalt noch ungebeugt , das Auge klar und mit einem forschenden Ausdruck auf mich gerichtet . » Ich bin noch gerade zur rechten Zeit gekommen , um meiner alten Freundin die Augen zuzudrücken « , fuhr er dann fort . » Sie hat mir viel Liebes und Gutes von Ihnen erzählt , und ich freue mich , daß sie noch spät ihr Herz jemandem erschlossen hat . – Ich habe sie dann mit hierhergenommen in ihre Heimat . Mag ihr die Ruhe hier sanft sein auf dem kleinen Kirchhof , wo sie als Kind schon gespielt hatte . – Hier ist das Grab « , fügte er hinzu und zeigte auf einen mit frischem Rasen belegten Hügel , » dort ruhen ihre Eltern , und dies hier ist Kathrins Ruhestätte . « Ich trat näher und legte meinen Kranz auf den weißen Marmor des einfachen Steines . » Margarete Siegismund « , las ich leise , » geboren den 30. Mai 1812 , gestorben den 25. März 1875 . Selig sind , die da Leid tragen ; denn sie sollen getröstet werden . « Mir liefen still die Tränen aus den Augen , ein unendlich wehmütiges Gefühl hatte mich ergriffen . Der alte Mann neben mir schaute stumm auf das Grab , dann sagte er leise : » Weinen Sie nur , mein liebes Kind , sie ist es wert