das krüppelhafte Kind , und immer in den himmelhohen , einsamen Zimmern , um die der Wind heult und von denen man meilenweit in die Welt hinaussieht , in die Welt , in der es Arbeit , Lust und Kampf und , mit einem Worte , Leben giebt ! Und hier festgeschmiedet sitzen als Nichtsthuer , bewußter Nichtsthuer , denn er weiß ja was diese Stellung bedeutet , und dazu Geist im Kopfe und Blut in den Adern ! Na , jetzt ist ’ s zu spät , jetzt rappelt er sich nicht mehr allein heraus , und eine Hand , die ihm helfen könnte , hat er nicht . Neulich sagte ich ihm ’ mal : „ Zum Donnerwetter , Herr , werfen Sie doch dem Durchlauchtigsten seinen ’ Schloßhauptmann ’ vor die Füße , scheren Sie sich ins Leben hinaus , meinetwegen als Eisenbahnschaffner , und suchen Sie andere Eindrücke , sonst gehen Sie zu Grunde ! ’ Was meinen Sie , was er antwortete ? Nichts antwortete er , sieht nur an mir vorüber auf das Kinderbett , als ob das unglückliche Kerlchen nicht irgendwo in einer Familie untergebracht werden könnte , zum Beispiel bei der verheirateten Schwester . Aber darin ist er so unvernünftig wie eine herzkranke Mutter . Na , mich hat er ja nicht konsultiert für seine Person , und ich trage keine Verantwortung ! Und nun lassen wir das Thema , Fräulein Aenne , es paßt nicht hinein in diese Gemütlichkeit ! – Sehen Sie doch nur , wie der Mond durch die Birnbaumzweige guckt und durchs Fenster glustert , so daß der Storm ein Gedicht ’ darüber machen könnte , wenn er noch lebte ! Und dann hier – wir beide am Eßtisch – so haben gewiß Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter zusammengesessen in dieser Stube , als sie jung verheiratet waren . Es ist einfach rührend , famos , und ich – “ In diesem Augenblick kam Frau Rat mit einer Glasschüssel , in welcher etwas Hellgelbes bibberte und zitterte , und hinter ihr Tante Emilie mit einem Kännchen voll Himbeersaft zurück , und Frau Rat entschuldigte sich mit riesigem Wortschwall wegen ihrer langen Abwesenheit ; das erzdumme Mädchen habe vorwitzigerweise den Flammeri stürzen wollen , und natürlich sei er zusammengefallen . Sie sah dabei verstohlen vom Doktor , dessen Augen glänzten , zu Aenne hinüber , die stumm und blaß auf ihrem Stuhle saß . Jedenfalls – die Präliminarien einer Liebeserklärung waren erfolgt . Herrgott , wenn ’ s doch zum Abschluß käme , aber bald – bald ! Nach dem Essen ging man ein wenig im Garten umher . Frau Rat prüfte die kleinen grünen Früchte der Stachelbeersträucher und dachte , daß sie nächstens ein Kompott davon geben könne , mit Omelette , und der Doktor hielt sich neben Aenne und knüpfte allerlei drollige Betrachtungen an über die verwehten weißen Blütenblättchen der Obstbäume , die wie frisch gefallener Schnee auf den Wegen und dem Rasengrund lagen ; Aenne hörte es kaum , sie sah nur immer Heinz vor sich . Frau Rat machte sich weit entfernt von ihnen im Garten etwas zu schaffen und ärgerte sich wütend über Tante Emilie , die den beiden jungen Leuten nachging und weder das Husten noch das Rufen der Rätin zu hören schien . „ Dummheit ist doch ’ ne Gottesgabe , “ murmelte sie erbost , „ sie stört möglicherweise gerad ’ den Augenblick , wo das Kind sagen will : ’ Sprechen Sie mit meiner Mutter ! ’ Sieht ’ s nicht gerade so aus ? Er , der wie ein Buch redet , und sie mit gesenktem Kopf ! O , du lieber Himmel , nun ist sie schon ganz in ihrer Nähe . – Emilie ! Emilie ! “ schrie sie mit voller Kraft , „ komm ’ doch ’ mal eben her , ich sitze hier fest – mein Kleid sitzt fest an den Stachelbeeren ! Aber natürlich , ihr ging heute alles überquer – anstatt der alten Tante Emilie , die ja doch nicht mehr so laufen konnte , kam Aenne eilends daher , das Rot des Erschreckens auf dem Gesicht . „ Was ist denn , Mütterchen ? “ „ Bin schon losgekommen , “ brummte die schwer enttäuschte Frau , „ kannst wieder gehen . “ „ Mutter , “ sagte das schöne Mädchen und preßte die Hand gegen ihre Schläfe , „ unterhalte du deinen Freund ein wenig , ich habe Kopfweh und möchte hinaufgehen . “ Frau Rat wollte schon eine schmetternde Rede loslassen , des Inhalts , daß man sich beherrschen müsse , da sah sie das bleiche , leidende Antlitz der Tochter , das völlig verändert erschien . „ Na ja , das kommt vom Umherrennen draußen , hast dich wahrscheinlich nach deiner Gewohnheit stundenlang auf den feuchten Boden gesetzt . Geh ’ nur , wenn ’ s schlimmer werden sollte – der Doktor ist ja im Hause ! “ Tante Emilie und der Doktor , die eben den Gang herauf kamen , sahen die schlanke , dunkle Gestalt Aennes gerade noch im Hausflur verschwinden . Nun hätte Frau Rat den Doktor gern ein wenig allein gesprochen , und Tante Emilie wegzubringen , war ja so leicht . „ Sieh ’ doch nach , Emilie , “ bat sie , „ ob sie ’ s etwa im Halse hat ? “ Und dann fragte sie den jungen Arzt , ob er schon das neue Riesenvergißmeinnicht gesehen habe . – „ Nein ? O , das müssen Sie sehen , bei dem Mondschein ist ’ s hell genug . “ Er war bis oben vollgefüllt von Hoffnungen , Wünschen , Zukunftsplänen – ein Funke , und die Bombe mußte platzen , und da Frau Rat diesen Funken schlug , prasselte das Bekenntnis des kleinen , dicken Doktors mit einer Leidenschaft empor , die selbst Frau Rat überraschte . Seine Beteuerungen , daß er Aenne geradezu „ wahnsinnig “ liebe ,