mit Amy Eshton . Louisa sang und spielte mit einem der jungen Herren Lynn , und Mary Ingram horchte gelangweilt auf die zierlichen , wohlgesetzten Redensarten des andern . Und zuweilen gaben diese alle , wie auf Verabredung , ihr Zwischenspiel auf , um den Hauptträgern der Handlung zuzuhören und sie zu beobachten ; denn trotz allem waren Mr. Rochester und Miß Ingram – diese nur , weil sie ihm so nahe stand – die Seele und das Leben der Gesellschaft . Wenn er sich auch nur für eine Stunde aus dem Gesellschaftszimmer entfernte , so schien eine sehr bemerkbare Verstimmung und Gelangweiltheit sich seiner Gäste zu bemächtigen ; und sein Wiedereintritt gab der Unterhaltung augenblicklich einen lebhaften Impuls wieder . Das Fehlen seines belebenden Einflusses schien sich ganz besonders eines Tages bemerkbar zu machen , als er sich in dringenden Geschäftsangelegenheiten hatte nach Millcote begeben müssen und erst spät am Abend zurückerwartet wurde . Der Nachmittag war regnerisch gewesen ; ein Spaziergang , welchen die Gesellschaft nach einem Zigeunerlager , das auf einer Wiese jenseits Hay aufgeschlagen war , geplant hatte , mußte infolge des Regens aufgegeben werden . Einige der Herren hatten sich in die Ställe begeben ; die Jüngeren spielten mit den jungen Damen im Billardzimmer Billard . Die verwitweten Damen Lynn und Ingram suchten Trost in einem ruhigen Spielchen . Nachdem Blanche Ingram durch ihre mürrische Schweigsamkeit einige Versuche zurückgeschlagen hatte , welche Mrs. Dent und Mrs. Eshton gemacht , um sie in die Konversation zu ziehen , hatte sie anfangs einige sentimentale Lieder und Melodien zur Klavierbegleitung gesummt ; dann war sie plötzlich aufgesprungen , hatte einen Roman aus ihrem Zimmer geholt , und jetzt lag sie in hochmütiger Gleichgültigleit auf einem Sofa hingestreckt und versuchte sich die langsam hinschleichenden Stunden seiner Abwesenheit mit jenem Romane zu vertreiben . Im Zimmer und im ganzen Hause herrschte Ruhe . Nur zuweilen drang ein fröhliches Lachen aus dem Billardzimmer bis zu uns herunter . Es begann schon zu dämmern , die Glocke hatte bereits das Zeichen zum Ankleiden für die Dinerstunde gegeben , als die kleine Adele , welche neben mir auf einem Sitze in der Fenstervertiefung kniete , plötzlich fröhlich ausrief : » Voilà , Monsieur Rochester qui revient ! « Ich wandte mich um und sah , wie Miß Ingram mit der größten Eilfertigkeit von ihrem Sofa aufsprang . Auch die Übrigen blickten von ihren verschiedenen Beschäftigungen auf , denn im selben Augenblick wurde ein Knirschen von Rädern und platschende Huftritte draußen auf dem durchweichten Kieswege vor dem Hause hörbar . Eine Postchaise fuhr vor . » Was mag ihm nur eingefallen sein , auf diese Weise nach Hause zu kommen ! « sagte Miß Ingram . » Er ritt Mesrour , den Rappen , nicht wahr ? Und Pilot war doch bei ihm , als er fortritt ? Was kann er mit den Tieren angefangen haben ? « Indem sie dies sagte , kam sie mit ihrer hohen Gestalt und ihrer ungeheuren Kleiderfülle dem Fenster so nahe , daß ich mich weit zurücklehnen mußte , und fast das Rückgrat gebrochen hätte . In ihrer Aufgeregtheit bemerkte sie mich im ersten Augenblick fast gar nicht , und als ihr Blick denn doch auf mich fiel , verzog sie die Lippen höhnisch und wandte sich einem andern Fenster zu . Die Postchaise hielt an . Der Kutscher zog die Glocke zur großen Eingangsthür und ein Herr in Reisekleidern entstieg dem Gefährt . Aber es war nicht Mr. Rochester , sondern ein großer , schlanker , elegant aussehender Mann , ein Fremder . » Wie ärgerlich ! « rief Blanche Ingram aus , » du langweiliger , kleiner Affe ! « ( dies galt der armen , kleinen Adele ) » wer hat dich dort in das Fenster gesetzt , damit du falschen Allarm bläst ? « und bei diesen Worten warf sie mir einen zornsprühenden Blick zu , als wäre ich die Schuldige gewesen . Jetzt wurde draußen in der Halle ein kurzes Gespräch hörbar , und gleich darauf trat der Fremde ein . Er verbeugte sich tief vor Lady Ingram , die er wahrscheinlich für die älteste der anwesenden Damen hielt . » Es scheint , Madame , daß ich zu sehr ungelegener Zeit komme , « sagte er , » denn mein Freund Rochester ist nicht zu Hause . Aber ich komme von einer sehr langen und ermüdenden Reise , und daher darf ich wohl die Rechte einer sehr alten und intimen Freundschaft geltend machen und mich hier bis zu der Rückkehr meines Freundes installieren . « Er war von ausgesuchter Höflichkeit ; sein Accent schien mir indessen etwas fremdartig – nicht gerade ausländisch aber auch nicht entschieden englisch . Er mochte ungefähr so alt sein wie Mr. Rochester , zwischen dreißig und vierzig ; seine Gesichtsfarbe war seltsam fahl ; sonst war er ein schöner Mann , besonders auf den ersten Blick . Bei näherer Prüfung entdeckte man in seinem Gesicht allerdings etwas , das abstieß , oder vielmehr etwas , das nicht gerade gefiel . Seine Züge waren regelmäßig , aber zu schlaff ; sein Auge war groß und schön geschnitten , aber man las darin , daß er ein nutzloses , leeres , unbedeutendes Leben geführt , – wenigstens erschien es mir so . Der Ton der Ankleideglocke zerstreute die Gesellschaft . Erst nach dem Diner sah ich den Fremden wieder . Um diese Zeit schien er sich bereits ganz heimisch zu fühlen . Aber jetzt gefiel mir seine Physiognomie noch weniger als zuvor ; sie war zugleich unruhig und doch leblos . Seine Blicke wanderten umher , aber man fühlte , daß sie nichts suchten ; das gab ihm einen seltsamen Ausdruck , wie ich noch niemals einen in dem Gesicht eines Menschen beobachtet . Für einen schönen und nicht unliebenswürdigen Mann war er außergewöhnlich abstoßend . Dies glatte , oval geformte Antlitz übte keine Macht aus ; in jener schmalen , gebogenen Nase , in dem kleinen Kirschenmund lag