» So weit , bis ich bei dir bin , « war die rasche Antwort . Eine Brücke zeigte sich in undeutlichem Umriß , lautlos floß das Wasser unter ihr . Der Pfad schimmerte gelblich , der Himmel war ohne Sterne . Plötzlich schien der Weg zu enden , Bäume standen da und rückten immer näher aneinander , aus der Dunkelheit wurde Finsternis , die Füße stockten . » Wir haben einander alles gesagt , « sprach Daniel , » in Worten sind wir einander nichts mehr schuldig . Genug geschwatzt , genug gezaudert , Schmerz genug und Irrtum genug ; wir können nicht mehr anders , deshalb dürfen wir nicht mehr anders . « » Sei still , « flüsterte Lenore , » ich mag dein Hadern nicht , es ist so friedlos und böse , was du redest . Gestern hab ich geträumt , du lägest auf den Knien und hättest die Hände emporgefaltet . Da liebt ich dich sehr . « » Brauchst du Träume , um mich zu lieben , Mädchen ? Ich nicht . Ich brauche dich , so wie du bist . Dreißig werd ' ich jetzt , Lenore ; mit dreißig wird der Mann erst wach , da gewinnt er erst die Welt . Du weißt , was in mir ruht , du ahnst es . Du weißt auch , wie ich dich brauche , du fühlst es . Du bist mein Inwendiges , bist aus meiner Musik erschaffen , ohne dich bin ich eine leere Hülse , Stückwerk , eine Geige ohne Saiten . « » Ach Daniel , ich glaub dir ' s ja , und doch ist alles nicht wahr , « erwiderte Lenore und ihm dünkte , als könne er in der Finsternis ihr spöttisch-melancholisches Lächeln sehen ; » irgendwo , fast möcht ich sagen in Gott , ist es nicht wahr . Und wenn wir bessere Menschen wären , Gottesmenschen , dann müßten wir verzichten . Dann wär es schön zu leben ; wie über den Wolken wohnte man , froh und rein . « » Sprichst du das aus deinem Herzen ? Spricht so dein Herz , Lenore ? « » Liebster , ach Liebster ! Mein Herz ist so wie deins verdunkelt und verzaubert . Ich kann ja nicht mehr von dir lassen . Ich hab mich abgefunden mit allem . Ich bin mir der ganzen Schuld in meiner Seele bewußt . Ich weiß , was ich tue und nehm es auf mich . Es nützt ja kein Sträuben mehr , über uns schlagen die Wasser zusammen . Ich meine nur , du sollst dir kein Wahnbild vorgaukeln , als ob wir damit emporgestiegen wären über andere , als ob wir uns einen Dank des Schicksals verdient hätten . Nein , Daniel , was wir tun , tun alle , die sich verlieren , tun alle , die hinuntersteigen . Laß mich bei dir sein , Liebster , küß mich , küß mich zu Tode . « 5 Philippine hatte Lenore versprochen , am Sonntag nach dem Inspektor zu sehen und sich um Gertrud zu kümmern . Als sie über den Fünferplatz ging , trat sie in den Kolonialwarenladen und verlangte für drei Pfennige Heftpflaster . Sie hatte sich zu Hause an einem Nagel die Haut blutig gerissen . Der Gehilfe schnitt das Pflaster ab und fragte , was es Neues gebe . » No , Sie Lamabaz , wollen S ' das Allerneueste wissen ? « schnarrte Philippine mit selbstgefälligem Grinsen . » Je neuer , je besser , « versetzte der Gehilfe lüstern . Philippine beugte sich über den Ladentisch und raunte : » Heut machen sie zusammen die Hochzeitsreis ' . « Sie lachte scheppernd , der Gehilfe riß die Augen auf . Zwei Stunden später lief das Wort durch die Mäuler aller Weiber des Viertels . Gertrud lag im Bett . Das Aushilfsweib , das in der Küche kochte , gab Philippine einen Teller , auf dem sich das Mittagessen für den alten Jordan befand , Fleisch , Gemüse und ein paar saure Pflaumen . Auf der Stiege naschte Philippine zwei von den Pflaumen und leckte ihre Finger ab . Den ganzen Nachmittag hindurch stöberte sie in Lenores Kammer . Sie durchsuchte die Schränke , die Schubladen und die Taschen der Kleider . Als es dämmerte , stand plötzlich , in Hut und Mantel , der Inspektor vor ihr und schaute stumm , mit vergrämtem Gesicht , der unerklärlichen Geschäftigkeit des Mädchens zu . Philippine griff nach dem Besen , der in der Ecke lehnte , und fing an zu kehren . Dabei sang sie , falsch , frech und wild : » Kein Feuer , keine Kohle kann brennen so heiß , als heimliche Liebe , von der niemand nichts weiß . « Jordan ging fort , ohne etwas zu sagen . Er hatte vergessen , sein Zimmer abzusperren . Kaum gewahrte Philippine , daß der Schlüssel steckte , so öffnete sie die Tür und trat in die Kammer . Mit abergläubischen , feigen Blicken spähte sie um sich her . Sie hatte Angst vor dem Inspektor wie vor einem überlegenen alten Zauberer . Für solche Fälle hatte sie gewisse Beschwörungsformeln parat ; sie murmelte : » Tu Erden hinein , machs Büchslein zu , den Daumen drauf , bespuck den Schuh . « Und sie spuckte auf ihren Schuh . Hernach hantierte sie am Schrank herum , weil sie darin die Geheimnisse des Inspektors vermutete . Aber das Schloß trotzte ihren Bemühungen , und so setzte sie sich mißmutig an den Schreibtisch . Dort standen in einfachen Holzrähmchen die Photographien Gertruds und Lenores . Sie lief hinaus , holte eine Stopfnadel und stach diese in Lenores Bild , gerade zwischen die Augen . Dann griff sie nach dem Bild Gertruds , und als sie es eine Weile in Händen gehalten und düster betrachtet hatte , gewahrte sie , daß es blutbefleckt war . Das Pflaster hatte sich von ihrem Finger