öftern in ihm aufstieg , und jene finsteren Gestalten mit einem freundlichen Lichte beleuchtete . Wenn wir einmal ins Zweifeln gekommen sind , so hält kein Glaube mehr fest , und die stärksten Menschen , welche sich auf eigene und neue Wege des Lebens gewagt haben , erschrecken vor ihrer Kühnheit . Sie beneiden dann einen Augenblick die große Masse der Alltagsmenschen , die im hergebrachten Schlendrian einherziehen , dergleichen Zweifel und Sorgen nicht kennen , und in Trübsal immer links und rechts Stützen finden , weil sie nie von der allgemein betretenen Heerstraße gewichen sind . Die Männer neuer Lebensgedanken und einer neuen Zeit werden auch immer die Märtyrer derselben , selbst wenn ihnen die alte störrige Außenwelt keine Kerker öffnet , keine Schafotte errichtet . Ihr Gewissen , das unter den alten Gedanken aufgewachsen ist , hält sie unter einer immerwährenden Tortur , und es ist um so peinlicher als das der andern Menschen , weil es die Verpflichtungen gegen die Gesellschaft tiefer empfindet . Die immerwährende Prüfung hat es spitzer und feiner gemacht . Und der stärkste Mensch mißtraut seinen Kräften , der edelste Reformator fragt sich in stillen Stunden : Bringst du nicht auch Unglück mit deinen neuen Gedanken ? Beruht das Herkommen nicht auf der Weisheit vieler Generationen ? Ist deine und der Gleichgesinnten Meinung nicht vielleicht unreif , unvollkommen , grün und dreist neben den alten viel geprüften Formen ? Ertappt er sich nun auf einen Irrtum , auf einer Schwäche , sie mögen noch so fern liegen von dem Hauptgange seiner Gedanken , dann ist die allgemeine Unsicherheit da . So ging es auch Valerius . In all seinen Überzeugungen war er schwankend geworden . Nichts war ihm früher klarer und abgemachter erschienen , als das Verhältnis zwischen den verschiedenen Geschlechtern , seine Ansicht über Ehe und Treue . Der Gedanke an die Fürstin weckte dies alles wieder auf , und der quälende Zweifel seiner Seele brachte jetzt alle die Gesichter seiner Ideen über diese Gegenstände bleich und mit verzerrten Zügen vor seine Augen . Die Dämmerung lag bereits in seinem Zimmer , und noch ging er brütend , prüfend , anklagend , verteidigend , verwerfend in demselben auf und ab . Einem fremden Zuschauer hätte er unheimlich erscheinen müssen , wie er halblaut sprechend mit unsichtbaren Geistern zu verkehren schien . Alle die verschiedenen Meinungen , mit denen er rang , schienen in den Winkeln des Gemachs zu stehen , bald rastete er vor diesem , bald vor jenem , und sprach mit ihnen , und antwortete statt ihrer : » Wenn ich die gewöhnliche Treue tadle , rede ich nicht der jämmerlichen Liederlichkeit das Wort , die in grauenvollem Egoismus nur ihren Lüsten nachjagt , mag aus den Opfern derselben werden , was da will ! Löse ich nicht den Bestand aller Dinge auf , wenn ich den zuverlässigen Glauben auf ihre unwandelbare Stetigkeit hinwegreiße ? Sind denn so viele Jahrhunderte im Irrtume gewesen , welche die Treue zu einer Tugend erhoben haben ? « » Aber war nicht die rohe Tapferkeit , der grausame blutdürstige Fanatismus einst auch eine Tugend ? Kann die Welt von der Stelle rücken , wenn sich die Gesellschaft fortwährend in denselben Gedanken herumbewegt ? Ist es nicht eine förmliche Mordanstalt , jene schwindsüchtige Treue , welche über ihren eigenen Tod hinaus zu bestehen trachtet ? Das Interesse , der Reiz , die leiseste Hoffnung von Glück ist oft verschwunden , wenn die Leute ein altes Versprechen einlösen ; beide Teile fühlen es , beide wagen es nicht zu äußern , um den Popanz der Treue nicht zu verletzen , beide stürzen sich mit offenen Augen ins Verderben . Das täglich wechselnde Leben , der Reiz , welcher fröhlich vor ihre Augen tritt , predigt stürmend das Gegenteil , aber sie verstocken sich , um ihr Gespenst nicht zu verletzen , sie sündigen gegen die Herrlichkeit der Natur , die sich ihnen in den Schoß wirft , um ein Wort zu halten , das ihnen vielleicht ein Augenblick des Rausches entlockt hat . « » Sind denn nicht aber wirklich die schönsten Gefühle von tieferer Dauer , von stetem Bestande ? Heißt es nicht das Herz verflachen , wenn man die Treue von dannen weist ? Verurteilen wir uns nicht selbst dadurch zu jener vorüberfliegenden Unbedeutendheit , die alle Verbindung mit ewigen Zuständen aufgibt ? « » O , erfindet , ihr widersprechenden Geister , ein neues Wort , verdrängt eure tödlichen Bezeichnungen für unwandelbare , unverrückte Zustände , sie sind unserem Blute und unserem Streben fremd , sie sind unnatürlich und erzeugen das Unglück - keine Untreue , nein , sie ist des Herzens unwürdig , aber auch nicht jene Treue , jenes tote , stehende Gewässer . « » Ich sehe dich , Kamilla , du zürnst mir nicht , wenn ich ein anderes Weib küsse - deine Seele lebt im Grunde meines Herzens , solange ein Tropfen Blutes darin rollt . Und soll ich nicht mehr atmen , wenn es nicht deine Luft ist ? - Ohne Weiber ist das Leben arm , arm , sehr arm . « » Du zürnst mir nicht , aber unglücklich wirst du doch , wenn du ' s erfährst . Und würdest du einen andern küssen ? Hab ' ich mehr Recht ? - Wahrhaftig , ich habe mehr Recht , und das ist kein törichter Männerstolz , ich werde dir ' s erklären , aber ein andermal . Jetzt hab ' ich genug regiert , genug gearbeitet an der Einrichtung der Welt , ich muß Weiber sehen ! « So hatte er sich endlich in eine humoristische Laune hineingesprochen . Es war selten , daß sie ihn von seinen Gedanken erlöste , aber er nahm sie immer fröhlich auf , wenn sie kam , und tröstete sich dann , wenn die Fragen ungelöst blieben mit Hamlet oder richtiger gegen Hamlet : Die Welt ist zwar aus den Fugen , und ich soll sie einrenken ,