und desgleichen vor der Kostümfrage . Wohl war er sich , ob er nun seine rote Landstandsuniform oder seinen hochkragigen schwarzen Frack anlegte , seiner eignen altmodischen Erscheinung voll bewußt , aber nebenher , was seine Person anging , doch auch wieder einer gewissen Patriarchalität . Einen gleichen Trost konnt er dem äußern Menschen seiner Schwester Adelheid nicht entnehmen . Er wußte genau , wie sie kommen würde : schwarzes Seidenkleid , Rüsche mit kleinen Knöpfelchen oben und die Sieben-Kurfürsten-Brosche . Was ihn aber am meisten ängstigte , war der Moment nach Tisch , wo sie , wenn sie sich einigermaßen behaglich zu fühlen anfing , ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das Kamingitter zu stellen und die Wärme von unten her einzusaugen pflegte . Gleich nach sieben trafen Woldemar und die Barbyschen Damen auf dem Granseer Bahnhof ein und fanden Martin und den Stechlinschen Schlitten vor , letzterer insoweit ein Prachtstück , als er ein richtiges Bärenfell hatte , während andrerseits Geläut und Schneedecken und fast auch die Pferde mehr oder weniger zu wünschen übrigließen . Aber Melusine sah nichts davon und Armgard noch weniger . Es war eine reizende Fahrt ; die Luft stand , und am stahlblauen Himmel oben blinkten die Sterne . So ging es zwischen den eingeschneiten Feldern hin , und wenn ihre Kappen und Hüte hier und dort die herniederhängenden Zweige streiften , fielen die Flocken in ihren Schlitten . In den Dörfern war überall noch Leben , und das Anschlagen der Hunde , das vom nächsten Dorf her beantwortet wurde , klang übers Feld . Alle drei Schlitteninsassen waren glücklich , und ohne daß sie viel gesprochen hätten , bogen sie zuletzt , eine weite Kurve machend , in die Kastanienallee ein , die sie nun rasch , über Dorfplatz und Brücke fort , bis auf die Rampe von Schloß Stechlin führte . Dubslav und Engelke standen hier schon im Portal und waren den Damen beim Aussteigen behilflich . Beim Eintritt in den großen Flur war für diese das erste , was sie sahen , ein mächtiger , von der Decke herabhängender Mistelbusch ; zugleich schlug die Treppenuhr , deren Hippenmann wie verwundert und beinah verdrießlich auf die fremden Gäste herniedersah . Viele Lichter brannten , aber es wirkte trotzdem alles wie dunkel . Woldemar war ein wenig befangen , Dubslav auch . Und nun wollte Armgard dem Alten die Hand küssen . Aber das gab diesem seinen Ton und seine gute Laune wieder . » Umgekehrt wird ein Schuh draus . « » Und zuletzt ein Pantoffel « , lachte Melusine . Siebenundzwanzigstes Kapitel » Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu « , sagte sich Dubslav still in seinem alten Herzen , als er jetzt Melusine den Arm bot , um sie vom Flur her in den Salon zu führen . » So müssen Weiber sein . « Auch Adelheid mühte sich , Entgegenkommen zu zeigen , aber sie war wie gelähmt . Das Leichte , das Heitre , das Sprunghafte , das die junge Gräfin in jedem Wort zeigte , das alles war ihr eine fremde Welt , und daß ihr eine innere Stimme dabei beständig zuraunte : » Ja , dies Leichte , das du nicht hast , das ist das Leben , und das Schwere , das du hast , das ist eben das Gegenteil davon « - das verdroß sie . Denn trotzdem sie beständig Demut predigte , hatte sie doch nicht gelernt , sich in Demut zu überwinden . So war denn alles , was über ihre Lippen kam , mehr oder weniger verzerrt , ein Versuch zu Freundlichkeiten , die schließlich in Herbigkeiten ausliefen . Lorenzen , der erschienen war , half nach Möglichkeit aus , aber er war kein Damenmann , noch weniger ein Causeur , und so kam es denn , daß Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem Oberförster ausblickte , trotzdem er doch seit Mittag wußte , daß er nicht kommen würde . Das jüngste Töchterchen war nämlich gestorben und sollte den andern Tag schon auf einem kleinen , von Weihnachtsbäumen umstellten Privatfriedhofe , den sich Katzler zwischen Garten und Wald angelegt hatte , begraben werden . Es war das vierte Töchterchen in der Reihe ; jede lag in einer Art Gartenbeet und hatte , wie ein Samenkorn , dessen Aufgehen man erwartet , ein Holztäfelchen neben sich , drauf der Name stand . Als Dubslavs Einladung eingetroffen war , war Ermyntrud , wie gewöhnlich , in Katzler gedrungen , der Einladung zu folgen . » Ich wünsche nicht , daß du dich deinen gesellschaftlichen Pflichten entziehst , auch heute nicht , trotz des Ernstes der Stunde . Gesellschaftlichkeiten sind auch Pflichten . Und die Barbyschen Damen - ich erinnere mich der Familie - werden gerade wegen der Trauer , in der wir stehn , in deinem Erscheinen eine besondre Freundlichkeit sehn . Und das ist genau das , was ich wünsche . Denn die Comtesse wird über kurz oder lang unsre nächste Nachbarin sein . « Aber Katzler war festgeblieben und hatte betont , daß es Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten und daß er durchaus wünsche , daß dies gezeigt werde . Der Prinzessin Auge hatte während dieser Worte hoheitsvoll auf Katzler geruht , mit einem Ausdruck , der sagen zu wollen schien : » Ich weiß , daß ich meine Hand keinem Unwürdigen gereicht habe . « Katzler also fehlte . Doch auch Koseleger , trotz seiner Zusage , war noch nicht da , so daß Dubslav in die sonderbare Lage kam , sich den Quaden-Hennersdorfer , aus dem er sich eigentlich nichts machte , herbeizuwünschen . Endlich aber fuhr Koseleger vor , sein etwas verspätetes Kommen mit Dienstlichkeiten entschuldigend . Unmittelbar danach ging man zu Tisch , und ein Gespräch leitete sich ein . Zunächst wurde von der Nordbahn gesprochen , die , seit der neuen Kopenhagener Linie , den ihr von früher her anhaftenden Schreckensnamen siegreich überwunden habe . Jetzt heiße sie die » Apfelsinenbahn « , was doch