ich war doch ein feiges , hilfloses Geschöpf , dem Unglück und den Schrecken nicht gewachsen , in welche ich mich da begeben hatte ... Warum war ich nicht zu Hause geblieben ? Dennoch , wenn ich Friedrich wiederfände ? Wer weiß , ob er nicht in diesen dunklen Räumen lag , die wir eben verließen ? Ich rief - während des Hinausgehens - öfter seinen Namen , aber das gehoffte und gefürchtete » Hier bin ich , Martha ! « ward mir nicht zurückgerufen . Wir traten wieder ins Freie . Der Wagen stand noch auf derselben Stelle . Doktor Bresser entschied , daß ich wieder aufsteigen solle . » Frau Simon und ich gehen indessen im Dorfe Hilfe suchen , « sagte er , » und Sie bleiben hier . « Ich fügte mich gern , denn meine Füße konnten mich kaum tragen . Der Doktor half mir aufsteigen und richtete mir mit dem umliegenden Stroh einen Sitz zurecht . Zwei Soldaten blieben bei dem Wagen zurück . Die übrigen wurden von Frau Simon und dem Doktor mitgenommen . Nach einer halben Stunde ungefähr kam die ganze Expedition zurück . Erfolglos . Der Pfarrhof zerstört , wie alles Andere , und leer ; sämtliche Häuser Ruinen ; nirgends ein Licht aufzutreiben gewesen : - es blieb jetzt nichts Anderes übrig , als den Anbruch des Tages abzuwarten . Wie viele von den Unglücklichen , denen unser Kommen schon Hoffnung erweckt hatte und welche unsere Hilfe jetzt noch hätte retten können , würden in dieser Nacht wohl sterben ? War das eine lange , bange Nacht ! Obwohl thatsächlich nur noch drei bis vier Stunden bis zu Sonnenaufgang vergingen , wie endlos mußten uns diese Stunden scheinen , deren Verlauf - statt durch die Pendelschläge einer Uhr - durch die ohnmächtigen Hilferufe leidender Mitmenschen markiert war . Endlich dämmerte der Morgen . Jetzt konnte gehandelt werden . Frau Simon und Doktor Bresser machten sich neuerdings auf den Weg , um vielleicht doch noch einige der versteckten Dorfbewohner aufzustöbern . Es gelang . Aus den Trümmern krochen hier und da ein paar Bauern hervor - zuerst störrisch und mißtrauisch ; als jedoch Doktor Bresser sie in ihrer Muttersprache anredete und Frau Simon mit ihrer sanften Stimme ihnen zusetzte , ließen sie sich herbei , ihre Dienste zu leihen . Es hieß vor Allem , noch sämtliche anderen versteckten Einwohner auftreiben , damit sie bei der Arbeit behilflich seien : die umherliegenden Toten begraben , die Brunnen in Stand setzen , um für die Lebenden Wasser zu schöpfen ; die auf den Wegen zerstreuten Feldkessel zusammensuchen , um Geschirre zu schaffen ; die Tornister der Gestorbenen und Gefallenen ausleeren und die darin befindliche Wäsche für die Verwundeten verwenden . Jetzt kam auch ein preußischer Stabsarzt mit Leuten und Hilfsmitteln an - und so konnte endlich mit einigem Erfolg daran gegangen werden , den Unglücklichen Hilfe zu bringen . Nun war auch für mich der Augenblick gekommen , da ich vielleicht Denjenigen finden würde , auf dessen vermeintlichen Ruf ich die unselige Fahrt unternommen ; dieser Gedanke peitschte meine gebrochenen Kräfte wieder einigermaßen auf . Frau Simon begab sich in Begleitung des preußischen Stabsarztes vorerst in das Schloß , wo die meisten Verwundeten lagen . Doktor Bresser wollte die übrigen Räume des Dorfes durchsuchen . Ich zog es vor , mich dem Freunde anzuschließen und ging mit diesem . Daß Friedrich in dem Schlosse nicht lag , hatte der Doktor bereits auf einem früheren Rundgang konstatiert . Wir hatten kaum hundert Schritte gemacht , als laute Klagerufe an unser Ohr schlugen . Dieselben drangen aus dem offenen Thor der kleinen Dorfkirche . Wir traten ein . Über hundert Menschen lagen auf dem harten Steinboden - schwerverwundet , verstümmelt . Fiebernden und irrenden Blickes schrien und jammerten sie nach Wasser . Schon an der Schwelle war mir zum Umsinken - ich schritt aber dennoch die Reihen durch : ich suchte ja Friedrich ... Er war nicht da . Bresser mit seinen Leuten machten sich bei den Armen zu schaffen ; ich stützte mich an ein Seitenaltar und blickte mit unnennbarem Schaudern auf das Jammerbild . Und das war der Tempel des Gottes der ewigen Liebe - das waren die wunderthätigen Heiligen , welche da in den Nischen und an den Wänden fromm die Hände falteten und ihre Köpfe unter dem goldstrahlenden Glorienschein emporhoben ? ... » O Mutter Gottes , heilige Mutter Gottes ... einen Tropfen Wasser ... erbarme dich ! « hörte ich einen armen Soldaten flehen . Das hatte er zu dem buntbemalten , tauben Bilde wohl schon tagelang vergebens gebetet . - O , ihr armen Menschen , ehe ihr nicht dem Gebot der Liebe gehorcht , das ein Gott in eure Herzen gelegt hat , werdet ihr immer vergebens die Liebe Gottes anrufen - so lange unter euch die Grausamkeit nicht überwunden ist , habt ihr von himmlischem Mitleid nichts zu hoffen ... * * * Was ich an diesem selben Tage noch Alles sehen und erfahren mußte ! Nicht wieder erzählen , das wäre freilich das Einfachste und Verlockendste . Man schließt die Augen und wendet den Kopf ab , wenn gar zu Grauenhaftes sich ereignet - auch das Gedächtnis hat die Fähigkeit zu solchem Augenschließen . Wenn doch nichts mehr zu helfen ist - was läßt sich an der starren Vergangenheit ändern ? - wozu sich und die Anderen mit dem Wühlen in dem Entsetzlichen quälen ? Wozu ? Das werde ich später sagen . So viel nur jetzt : ich muß . Mehr noch . Nicht nur mein eigenes Gedächtnis will ich anstrengen - meine Auffassungskraft reichte an die Wucht der Geschehnisse gar nicht heran - ; ich werde noch hinzufügen , was andere Zeugen jener Scenen - was Frau Simon , Doktor Brauer und der sächsische Feldhospital-Kommandant , Doktor Naundorff , ( man vergleiche des letztgenannten erschütterndes Buch » Unter dem roten Kreuz « ) berichtet haben . Wie in Horonewos , so hatte die