der Luft des neuen Turms und auf den Flurwegen , wo sie der Herrin tägliche Begleiterin geworden . Die Nachbarschaft erwartete in Bälde den Akt einer Adoption , dem die Adelsbestätigung nicht fehlen werde . Man zählte zum voraus die Reihe der ritterlichen Jünglinge , die ohne Scheu das Erbe der Reckenburg aus der Hand der Marketenderinnentochter empfangen würden . Und diese Reihe war lang . Aber nichts von dem Erwarteten geschah . Fräulein Hardine tat keinen Schritt , um die kleine Plebejerin zu ihrem eigenen Range zu erheben . Sie machte nicht einmal ihr Testament . Ihre Pflegebefohlene blieb nach wie vor Hardine Müller . Auch wurde sie keineswegs herangebildet , wie es einer Erbin von Reckenburg geziemt haben würde : keiner vornehmen Kostanstalt , keinem gelehrten Hofmeister , keinen fremdländischen Gouvernanten übergeben . Der erste Lehrer des Kindes , Pastor Nordheim , blieb auch der letzte , und von allen Kunstfertigkeiten der Mode war es späterhin nur die Musik , welche ein tüchtiger Meister der Nachbarstadt in dem talentvollen Mädchen pflegte . Im übrigen fügte sich dasselbe bald in das Getriebe des inneren Haushaltes , und schien sich in demselben mit gleicher Neigung zu bewegen , wie ihre Beschützerin in der äußeren Verwaltung Diese Erziehung deutete allerdings nicht auf hochfliegende Pläne für das geheimnisvolle Waisenkind . Wer hätte jedoch behaupten mögen , daß Fräulein Hardine , welche in so vielen Stücken gegen den Strom zu steuern wagte , einer eigenen Tochter oder Enkelin eine vielseitigere Bildung bewilligt haben würde ? Daß das Maß des eigenen Wissens und Könnens ihr nicht das Genügende schien , um einen großen Besitz und ein bedeutendes Amt zu verwalten ? Zu diesen wohl gerechtfertigten Zweifeln gesellte sich die Wahrnehmung eines allmählichen Umwandelns des Reckenburgschen Lebenszuschnittes nach der häuslichen Seite hin . - Der Verlauf war natürlich und folgerecht für eine , die nichts halb tat , wie unser Fräulein Hardine . Denn ein Mensch zieht den andern nach sich und keiner mehrere als ein Kind . Die kleine Waise bedurfte der Wartung , des Unterrichts und Umgangs ; sie bedurfte des Raumes zur Pflege , zum Spiel , zur Aufnahme nachbarlicher Genossinnen und deren erwachsener Sippschaft , die nicht spröde auf sich warten ließ . Ein freundliches Gelaß mußte mit den Tändeleien einer Kinder- , später einer Mädchenstube ausgefüllt , Gastzimmer und wohnliche Versammlungsräume mußten eingerichtet werden . Der neue Turm war zu eng und einfach für mehr als eine ; die anstoßenden Säle waren zu weit und prunkvoll für weniger als eine Galaversammlung . Da gab es denn Abteilungen und Zwischenwände ; wärmende Öfen traten an die Seite der unzulänglichen Marmorkamine ; weiche Teppiche bedeckten die kältende Mosaik des Bodens ; bequeme Polstermöbel nahmen die Stelle der harten , goldverzierten Sessel ein , duftende Blumengruppen die der modernden Potpourris und wackelnden Chinesen auf den Konsolen . Musik und Gesang ertönten in dem lange stillen Palast , und ein modern gefälliges Gerät bedeckte statt der barocken Silber-und Porzellangefäße die wohlbesetzte Tafel . Und wie das Haus so die Gartenpracht . Die gesamte tote Götterwelt , vor welcher die kleine Hardine sich gefürchtet hatte , fiel ohne Gnade ; die drei- und viereckigen lebendigen Gestalten , über welche sie gelacht , als man sie Bäume nannte , machten unbeschnittenen Strauch- und Baumgruppen Platz ; die steifen Hecken , die glasgesäumten Schnörkelbeete , welche den Tummelplatz der Kinderwelt beengten , verschwanden und weite Rasenplätze rundeten sich an ihrer Stelle zu beiden Seiten der stattlichen Avenue . Junge Mädchen lieben Blumen , und so entfaltete sich weiterhin bis zum Waldesrande ein üppiger Flor ; rings um den Gutshof aber dehnten sich Gemüse- und Obstpflanzungen , Glashäuser und Winterbeete , denn das gastliche Haus bedurfte der Leckerbissen , welche die einsame Herrin vordem nicht vermißt hatte . Anmutige Sitzplätze luden allerorten zur Ruhe ein , eine einzige große Fontäne inmitten der Terrasse spendete kühlend die Wassermenge , welche die Ungetüme des Lustgartens in zahllosen Fädchen ausgetröpfelt hatten , und die Singvögel des Waldes flatterten bis an den Rand des Bassins , wo freundliche Kinderhände ihnen Futter streuten . Alles in allem : unsere Reckenburg , ohne ihren herrschaftlichen Ursprung zu verleugnen , hat sich in ein Heimwesen mit zeitgemäßem , bürgerlichem Behagen umgewandelt , und wie hätte fortan ein Bedürftiger ohne Labe und Pflege von ihrer Schwelle gewiesen werden sollen , wenn die kleine Hardine für ihn » bitte , bitte « sprach ? Gutgeartete Kinder geben ja so gern , und die kleine Hardine war ein gutgeartetes Kind . Als in den ersten dreißiger Jahren die Cholera rings im Lande viele Opfer forderte und mit einem ihrer Katzensprünge nur unsere Reckenburg verschonte , da errichtete das Fräulein ein stattliches Waisenhaus , und an dem Einsegnungstage ihrer Pflegetochter wurden fünfzig vater- und mutterlose Mädchen darin eingeführt . So ist die kleine Hardine nun ein erwachsenes Dämchen geworden ; und ein wechselnder Verkehr mit Stadt und Land hat sich angebahnt und ausgedehnt auch über Kreise , die sonst nicht zu der Tafelrunde der Reckenburg gezählt worden waren ; innerhalb dieser Kreise werden bei dem seit den Julitagen angeregteren Zeitwesen denn auch wohl Stimmungen laut geworden sein , welchen die große Hardine in früheren Tagen schwerlich Gehör geschenkt haben dürfte . Kurzum wohin wir blicken , da ist seit dem Eintritt des kleinen Bettlerkindes in der vertrauten Umhegung allmählich das Alte neu , das Verlebte jung geworden . Und so sehen wir denn auch nicht mehr die goldene Kutsche mit dem altersschwachen Schimmelzug , sondern ein leichtes Gefährt mit raschem Zweigespann die Herrschaft und ihre Gäste zueinander führen , und nicht mehr die gepuderten Heiducken , sondern ein flinkes , jugendliches Völkchen versieht den Dienst in dem erneuten Haus . Die periodischen Galafeste haben aufgehört , aber im Schloß wie im Dorf singt und springt die Jugend unter dem Maienbaum und Erntekranz ; die Schenke streckt einladend ihren Arm in die Luft , die Kegel rollen , die Krüge klappen , wenn auch mit Maß ; wir sind noch