Bedürfniß und zu gelegener Stunde einzuholen . Diesen sehr gesunden national-ökonomischen Gedanken , den die Noth erzeugt und die Abenteuerlust des Mannes freudig empfangen , hatte er mit der Kühnheit , der Umsicht , der Energie , die ihn in so hohem Grade auszeichneten , in ' s Werk gesetzt . Die einsame Lage seines Gutes auf dem lang hin sich streckenden Vorgebirge - auf der einen Seite die offene See , auf der andern Seite das Binnenwasser - war für seine Zwecke wie gemacht . Wenn es sich früher um Bootsladungen gehandelt hatte , wurden jetzt ganze Schiffsladungen auf einmal oder an ein paar Abenden hinter einander gelöscht , in den Kellern seines Schlosses geborgen und nach und nach an die Abnehmer - die Gutsbesitzer der Nachbarschaft , die Kaufleute in den Landstädtchen der Insel , in den Hafenstädten des Festlandes - weitergegeben . Und hier war es vor Allem Schmied Pinnow , in dessen Händen sich der zweite Theil des Geschäftes befand . Schmied Pinnow war als Schmuggler längst bekannt , mehr als einmal in Untersuchung gewesen , wiederholt bestraft worden , als er plötzlich in Gefahr gerieth , zu erblinden , eine große blaue Brille tragen mußte und höchstens noch bei sehr schönem Wetter und mit Hilfe seines taubstummen Lehrburschen die Badegäste von Uselin auf seinem Kutter eine Stunde oder so spazieren fahren konnte . Dieses Unglück hatte den braven Mann zur selben Zeit getroffen , als der große Schmuggler-Capitän von der Insel , den man auf einen so ausgezeichneten Helfershelfer aufmerksam gemacht , eines Nachts in seiner Strandhütte erschien und ihn gewissermaßen in Sold und Pflicht nahm . Von da an hatten die Beiden zusammen gearbeitet und der Schmied im Laufe der vier Jahre so viel Geld verdient , daß er nun und nimmermehr seinen Chef verrathen haben würde , wenn die Eifersucht dem alten Sünder nicht einen dummen Streich gespielt hätte . » Wenn Sie das Mädchen nicht zufrieden lassen , schieße ich Sie über den Haufen , wie einen Hund , « hatte der Wilde gesagt , und Schmied Pinnow war nicht der Mann , eine solche Drohung , von der er nur zu gut wußte , wie ernst sie gemeint war , ruhig hinzunehmen . Und von dieser Stunde an verbreitete sich , man wußte nicht , woher es kam , das Gerücht in der Stadt , besonders in den Bureaux des Steueramtes , daß der wilde Zehren auf Zehrendorf die Seele des ganzen Schmuggelhandels sei , der Meilen hinauf und hinab die Küste entlang so äußerst schwunghaft betrieben wurde . Man wollte dem Gerücht keinen Glauben schenken . Freilich war der wilde Zehren ein Mann , mit dem man in Uselin die Kinder in ' s Bett jagte ; freilich wußte man oder wollte man von ihm Dinge wissen , die man sich kaum heimlich in ' s Ohr zu flüstern wagte : daß er seinen Schwager erstochen , daß er seine Frau entsetzlich behandelt und dann im See im Walde ertränkt habe und dergleichen mehr ; aber das waren Dinge , wie sie dem wilden Zehren wohl passiren konnten , während der Schmuggel - nein , es war unmöglich ! ein Mann vom ältesten Adel und dessen Bruder noch dazu der erste Steuerbeamte des Regierungsbezirkes war ! Dies war die allgemeine Meinung . Zwischendurch ließen sich einzelne Stimmen , allerdings nur sehr leise , vernehmen , die da meinten : wie verschieden die beiden Brüder auch sonst an Gesinnung , Lebensstellung , ja selbst in ihrer äußeren Erscheinung seien , darin ähnelten sie einander doch , daß jeder von ihnen mehr Schulden habe , als er bezahlen könne , und ähnliche Ursachen könnten ja auch wohl ähnliche Wirkungen hervorbringen . Wenn die Unternehmungen des Wilden alle die Jahre hindurch von so außerordentlichem Glücke begleitet gewesen seien , so sei der Grund vielleicht der , daß die Steuer-Officianten freilich nicht wüßten , wo und wann der Wilde sein Wesen treibe , der Wilde dagegen desto besser unterrichtet wäre , wo und wann er den Steuer-Officianten nicht begegnen würde . Diese Für und Wider hätten noch lange in der Stille debattirt werden können , wenn ein unglücklicher Zufall dem Verrath Pinnow ' s nicht in der sonderbarsten Weise zu Hilfe gekommen wäre . In derselben Nacht nämlich , als Pinnow mit Hilfe Jochen Swart ' s , den lediglich sein schlechtes Herz zum Verräther an seinem Herrn werden ließ , bei dem Steuer-Revisor Braun die Anzeige machte , war der Provinzial-Steuerdirector aus der Hauptstadt der Provinz in Uselin angekommen . Der Steuer-Revisor , welcher zur Partei derer gehörte , die ihrem Chef mißtrauten , begab sich nicht zu diesem , der die Denunciation jedenfalls unschädlich gemacht hätte , sondern sofort zum Steuerdirector , welcher alsbald mit größter Energie seine Dispositionen traf , einen großen Schlag gegen die Schmuggler zu führen , einen Schlag , der nur zu gut traf . War der Steuerrath schuldig ? Directe Beweise lagen nicht vor . Der Steuerrath hatte stets gesagt , daß er längst allen persönlichen Verkehr mit seinem Bruder aufgegeben habe , da dessen Thun und Treiben - obgleich er sich za sehr gebessert - dennoch immer dazu angethan sei , einen loyalen Beamten , wie ihn , zu compromittiren . In der That war der Wilde während der letzten Jahre nie bei seinem Bruder , ja nicht einmal in der Stadt , gesehen worden . Hatte nichtsdestoweniger ein persönlicher Verkehr stattgefunden , so waren jedenfalls die Zusammenkünfte so heimlich wie möglich gewesen . Etwaige Briefe des Bruders hatte der Steuerrath ohne Zweifel sofort vernichtet , und wenn der Wilde nicht ebenso vorsichtig gewesen war , so war er jetzt todt , sein Schloß bis auf den Grund abgebrannt - wer oder was konnte gegen den Steuerrath zeugen ? Ich war der Einzige , der es gekonnt hätte . Ich erinnerte mich sehr wohl der Ausdrücke , in welchen Herr von Zehren stets über den Bruder gesprochen ; ich wußte , daß er die letzte Expedition