den Strapazen der Reise , das heißt , ich lief zuerst allein und dann unter dem Schutz einiger angenehmer Leute vom Regiment Erzherzog Rainer bis spät nach Mitternacht umher ; denn wer sich in einer fremden Stadt nächtlicherweile ordentlich orientiert hat , der weiß sich nachher auch bei Tage zurechtzufinden . Sehen Sie , Herr von Glaubigern , das gnädige Fräulein meint immer , ich hätte keine Maximen ; aber wenn das keine Maxime ist , so weiß ich nicht , was eine ist . Wien ist wirklich eine recht hübsche Stadt und macht den Wienern alle Ehre ; aber die Donau , welche ich bis jetzt kennenlernte , ist nicht weit her , doch existieren zwei , und die andere ist die rechte . Herr Leutnant , Sie kennen Goslar , und ich kenne es auch , und da muß ich sagen , daß es mir stets sonderbar vorgekommen ist , wie man einst hat glauben können , Rom und den Erdball von Goslar aus regieren zu können . Warten Sie nur , ich breche nicht aus der Bahn ; denn trotzdem daß Wien eine prachtvolle Stadt ist , hat es in einer Hinsicht doch eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Goslar ; nämlich trotz allem und allem ist es meine feste Meinung , daß man Krodebeck und den Lauenhof nicht von Wien aus regieren kann ; die Infanterie versteht kein Deutsch , und es wird zwar deutsch kommandiert , aber geflucht muß italienisch , polackisch und böhmisch werden . Donnerwetter , wenn das Goslarer Kontingent vor achthundert Jahren italienisch gesprochen hätte , würde die Weltgeschichte ganz anders aussehen ; aber das sind nur so meine dummen Gedanken , und weil ich vor Verwirrung und Betrübnis nicht weiß , was ich eigentlich schreibe . O lieber Herr von Glaubigern , am folgenden Morgen , als wie heute morgen , war ich bei unserer Tonie , und da habe ich mit blutendem Herzen erfahren , daß wir nach Belieben sitzen und politisieren mögen , es geht doch alles seinen gewiesenen Gang . Ach , Herr Leutnant , wir haben auch den Lauf der Welt nicht von Krodebeck aus regieren können , das wissen Sie ja ; aber so schlimm hatte ich ' s mir nicht vorgestellt ! Was ich Ihnen jetzo auch geschrieben haben mag , ich kann mit der Hand auf dem Herzen versichern , daß ich mich auf der Reise bis jetzt auf nichts mehr gefreut habe als auf das Kind ; aber die Freude ist mir vollständig ins Wasser gefallen . Und es ließ sich alles so gut an ! Sie erinnern sich , Herr Leutnant , was uns der Herr von Häußler während seines Besuchs auf dem Hofe vorräsonierte von Mantua , Peschiera und Verona ; und so dumm bin ich nicht , daß ich nicht bei jetziger Zeitlage die stille Hoffnung hegte , er würde sich augenblicklich wieder dort aufhalten . Diese Hoffnung hat mich nicht getäuscht ; der Herr Dietrich Häußler verproviantiert Verona , und Tonie , unsere Tonie war allein zu Hause ! Den ganzen Tag heute hab ich bei ihr gesessen , und wir haben von Krodebeck wie von einem himmlischen Paradiese gesprochen , was es doch nicht ist , wie Sie ebensogut als ich wissen . Es kommt alles darauf an , wie man ein Ding ansieht , und seit heute morgen sehe ich den Lauenhof in einem viel bessern Lichte als gestern abend , allwo ich wie ein Narr auf der Wolke ritt . Jetzt haben wir ' ne Lerche geschossen , und ich suche mühselig meine Gliedmaßen wieder zusammen . Kreuzlahm bin ich nach Haus gehinkt und sitze hier und schreibe , ich weiß nicht was ! Die Tonie ist krank , Herr Leutnant , und hat uns schon lange erbärmlich mit ihren fröhlichen und vergnügten Briefen hinter das Licht geführt ; und seit ich sie gesehen habe , ist es mir zumute geworden , als habe diese ganze große Stadt Wien mit einem Male Trauer angelegt - selbst die Luft kommt mir seit heute morgen ganz anders vor ; und wie kann da noch von großem Spaß die Rede sein , wo jede Glocke klingt , als ob sie zum Begräbnis läute ? Ich habe dem Mädchen schön die Wahrheit gesagt - auch in Ihrem Namen , Herr von Glaubigern ; - allein was hilft das ? Sie lächelt und meint : es habe nichts zu bedeuten , sie habe es sehr gut , alles gehe nach ihrem Willen , und der Großpapa Häußler suche ihr jeden Wunsch aus den Augen abzulesen . In der letztern Hinsicht ist es mir durchaus nicht lieb , daß sich der Herr von Haußenbleib in Italien befindet , dem möchte ich ebenfalls verschiedenes aus den Augen ablesen , ehe ich der Tonie wieder traue , und etwas Ähnliches habe ich dem Kind zu verstehen gegeben ; allein es hat wieder nur gelächelt - doch nicht so , wie es in Krodebeck lachte . So wütend und betrübt zugleich bin ich noch nie in meinem Leben gewesen , und in einer merkwürdig tollen Stimmung bin ich heute abend in die Taborstraße zurückgekehrt . Wäre ich betrunken gewesen , hätte kein vernünftiger Mensch an meinem Zustande was aussetzen können , so aber bin ich mir fast selber zum Ekel geworden und finde meinen einzigen Trost nur in diesem Schreiben an Sie , lieber Herr von Glaubigern , denn ich weiß , daß Ihnen dabei womöglich noch übler werden wird ; denn Sie haben in jener Nacht , als Sie wie ein Geist umgingen und an mein Bett kamen , vollständig recht gehabt , woran ich übrigens schon damals nicht zweifelte . Der Edle Dietrich Häußler wohnt hier in einer ganz schönen Gegend in der Vorstadt Mariahilf in einem sehr schönen Hause . Und da sitzt denn auch unsere Antonie , und ich habe heute neben ihr gesessen , das Herz voll von Tränen , wie die Mamsell Molkemeyer , wenn ihr ein Unglück mit der Butter