leiden zu sehen , und fast wohl , da man das Eigene dabei wieder ein wenig vergessen kann . Es ist doch ein Trost , wenn auch ein schwacher , sich mit so vielen leidend zu denken . Man lernt den anderen vieles vergeben , und Gott wird hoffentlich noch barmherziger sein , als man selber ist . « » Wenn man sich nur nichts vorzuwerfen hat . « » Wer ist so gut ? « fragte Dorothee . » Oh , viele sind nicht schuld an ihrem Unglück . « » Das wollt ' ich sonst nie glauben . « » Und nun ? « » Hab ' ich es erfahren und empfunden . Jetzt aber möcht ' ich wissen , was denn Gott tut . « » Er hat die Menschen einander gegeben , daß sie sich lieben und sich helfen nach seinen Geboten , nicht so sich bekriegen , wie du es da draußen und überall hörst . Tun sie das nicht , so folgt die Strafe von selbst . Den Reichen kann sein Überfluß tiefer hinabdrücken als den Armen seine Not . Oder um wieviel ist der Krämer besser , seit er einer der Reichsten wurde ? Er hat nur noch mehr Gewalt für seinen bösen Willen . Ja , Mädchen , mir hat der Pfarrer genug erzählt . Wer im Beichtstuhl redet , daß man ihn nicht lobt , gilt mir mehr als die , welche sich dann , sei es aus Dummheit oder Lieblosigkeit , über ihn hermachen , als ob kein guter Faden mehr an ihm wär ' . Das sag ' ich unverhohlen . Wenn der Krämer mit seinem Anhang dich noch um den Dienst bringt und du dann als ehrliche , unverdorbene Magd zu mir kommen kannst und magst , so will ich dir mit Freuden die Tür auftun , es mag dann Tag oder Nacht sein . « » Das ist guter Bescheid und großen Dank wert « , antwortete Dorothee gerührt . » Glück , Gunst , Neigung , alles ist übernächtig auf der Welt . Man kann immer nur sagen , was gewesen ist , nie , wie es noch kommen wird . Aber nicht bloß darum , schon als Beweis des Vertrauens tut mir der Antrag recht im Herzen wohl , wenn ich auch nicht glaub ' , daß ich so schnell werde daraus Ernst machen müssen . Der Hans gibt um solche Redereien nicht viel . « » Aber heut ' haben sie ihm schon auch warm und kalt gemacht . « » Meint Ihr ? « » Ich weiß es . Heut ' , als er nach dem Gottesdienst seinen Enzianer trank , ging es gehörig über ihn her . « » Was haben sie gesagt ? « » Sei nur froh , wenn du es niemals hören mußt . Des Kaplans Predigt und deine Beicht ' nimmt man zusammen und glaubt , entweder mit Hansen oder dem Jos müsse nicht alles in Ordnung sein . Man beginnt schon , den reichen Bauern so halb und halb aus der Sache zu wickeln . « » So ! « rief Dorothee mit einer Lebhaftigkeit , welche die Wirtin zuerst fast erschreckte , » der Jos ist also jetzt auch noch mit hineingekommen ! Das laß ich mir gefallen . Er kann sich nun um so eher denken , daß an dem ganzen Gerede kein wahres Wort sei . « Die Wirtin blickte Dorotheen erstaunt an und sagte nicht ohne Strenge : » Was Hans denkt , ist jetzt für seine Magd am wichtigsten . « » Hans steht auf sich selbst und tut , was er will . « » Du kennst die Welt noch schlecht , wenn du glaubst , daß nur wir Weiber uns nach dem Winde drehen . Ja , dann ist ' s zum Teil gut , daß Gott dich schon jetzt etwas erfahren läßt . « Die Wirtin wurde wieder in die Stube gerufen . Auch Dorothee stand auf , dankte für den Wein und noch mehr für das , was dabei ihr Herz erleichtert hatte . Die freundliche Frau war anfangs bemüht , Dorotheen , die ihr noch sehr aufgeregt schien , zurückzuhalten , da ja das Glas noch nicht einmal zur Hälfte geleert sei . Dorothee sagte jedoch , sie wäre soviel derlei Getränk gar nicht gewöhnt , wenig aber mache ihr leicht und wohl . Zudem sei es ihr immer , als ob es nicht recht wäre , so in einem fremden Hause vom Brotherrn zu reden , während es daheim vielleicht dies und jenes zu tun gäbe . Sie sehnte sich wirklich zurück zu den stillen häuslichen Verrichtungen , die ihr die Stigerin seit längerer Zeit fast ganz allein überließ . Da vergaß sie alles andere , konnte den Zusammenhang leicht übersehen und war ganz in ihrer Welt . Das Reden und Tun der Menschen aber tat ihr weh und drückte ihr Herz wie eine Last , unter der sie sich nicht mehr frei regen konnte , wie gern sie auch eingegriffen und etwas getan hätte . Ja , sie kannte die Welt noch nicht , da hatte die Wirtin ganz recht ; aber sie wußte doch schon zuviel von ihr , als daß ihr das Plaudern der Leute in der Gaststube und das Klingen der Gläser noch ein Vergnügen machen konnte . Das schönste war für sie und das beste , treulich ihre Pflicht zu tun , daß kein Mensch einen Grund zum Tadeln hatte . Dann konnte sie das Gerede vorüberschwirren lassen wie einen Herbststurm , vor dem sich kein Mensch fürchtet , wenn er nur sein Schindeldach gehörig mit Steinen überlegt und festgedrückt hat und auch sich selbst nicht auf der weiten Gasse befindet . Wäre sie heute wie sonst ordentlich zu Hause geblieben , statt sich großtun zu wollen mit ihrem Gelde , dann hätte sie gewiß nicht so Schlimmes erlebt . Mit solchen Gedanken kam sie vor den Stighof , den sie