. Aber der Ausdruck des Schmerzes in ihren Zügen nahm ihm alle Herrschaft über sich . Er schlang seine Arme um sie , und fragte , das Schicksal anklagend : Muß sie , muß dieser Engel weinen ? - Das war mehr , als sie ertragen konnte , denn es sprach sympathetisch ihre eigenen Gedanken aus . Sie ließ ihr Haupt auf seine Schulter niedersinken und weinte an seinem Herzen heißer , schmerzlicher , als sie je zuvor geweint . Er hielt sie umfangen , er wußte selber nicht , wie ihm geschah . Er fühlte sich wie berauscht , aber er wagte es nicht , den Kuß auf ihr Haupt zu drücken , das seine Lippen berührten , ihr Unglück machte sie ihm heilig ! Als sie sich endlich emporrichtete , war sie erschöpft und bleich . Die Sonne war nun völlig untergesunken , die Dämmerung spannte leise webend ihre duftigen Schleier über die Gegend aus . Langsam begann die Mondessichel , die im Nebel des Abends schwamm , aus ihm heraufzusteigen , sich aus dem Purpur seiner Dünste zu erheben und zum reinen , hellen Lichte zu verklären . Kein Laut regte sich , kein Vogel sang , selbst das leise Zittern und Flüstern des Laubes hatte aufgehört . Die Einsamkeit , die Stille waren vollkommen , es ward dem jungen Manne märchenhaft zu Muthe . Unten im Schlosse zündete man die Lichter in den Sälen an . Dorthin gehörte sie , dorthin mußte sie wiederkehren , dorthin mußte er sie geleiten , dorthin mußte sie gehen . Sie hielt sich das vor , aber sie sagte sich innerlich : Hier auf dieser Stelle lasse ich meine Seele zurück ! Hier , wo sie zum ersten Male aufgelodert in dem Feuer einer Liebe , die eine Sünde für mich ist ! Sie hatten beide keine Worte mehr , sie standen fern von einander und hätten doch ewig hier weilen mögen , hätten vergessen mögen , daß es noch eine Welt und Menschen gäbe außer dieser Stelle und außer ihnen Beiden . Keiner fühlte den Muth , das Wort zu sprechen , das sie von diesem Platze scheiden hieß . Endlich machte Angelika sich auf den Weg und Herbert folgte ihr . Ihre Glieder , ihre Bewegungen waren kraftlos ; er bot ihr schweigend seinen Arm , und schweigend nahm sie ihn wieder an . So ging sie neben ihm her in stiller , glücklich-unglückseliger Feier , voll Schmerz und ohne Hoffnung , und doch eine Flamme , eine Gluth in ihrem Herzen , die sie erwärmte , die sie vertröstete und sie in die Ferne , in die Zukunft hinauszuweisen schien , damit sie den Augenblick nur überstände . Als sie hinunterkamen in den Park , wo das Unterholz und die Gebüsche dicht belaubt waren , schlang Herbert seinen Arm wieder um den Leib Angelika ' s , und sie wehrte es ihm nicht . Ihr Auge hing an seinen Blicken , sie sah im Mondlichte wie verklärt aus . In den Hecken schlugen die Nachtigallen ; der süße , flötende Ton löste ihnen die Seelen auf ; er nahm ihre Hand und küßte sie wieder und wieder . Wie schön ist die Welt , wie schön die Nacht ! sagte er endlich . Ja , für die Glücklichen ! fügte sie seufzend hinzu - aber sie ist lang , lang und finster , wenn man sie durchweint ! So kamen sie vor das Schloß . Sie werden doch nicht in den Saal gehen ? fragte er , und es war ihm eine süße Empfindung , daß er für sie sorgte und ihr rieth , daß er ein Geheimniß mit ihr hatte . Nein , ich kann nicht ! antwortete sie ; sagen Sie , die Abendkühle habe mich unwohl gemacht ! Die Diener hatten sie kommen sehen und öffneten die Thüre . Angelika reichte Herbert die Hand . Er küßte sie ihr , wie Abschied nehmend , und da er sich vor ihr neigte , sprach sie , nur ihm hörbar : Da oben dürfen wir keine Capelle bauen ! Fünftes Capitel Margarethe , sagte der Marquis , als er an dem Abende , an welchem Herbert und die Baronin auf dem Hügel jenseit des Parkes gewesen waren , sich in den Zimmern seiner Schwester mit ihr allein zusammen fand , Margarethe , was hat denn dieser Baumeister heute gehabt , daß er so gesprächig und so witzig war ? Die Herzogin lag schon halb entkleidet in ihren Pudermantel gehüllt auf ihrer Bergère . Sie ließ sich von Mademoiselle Lise die Puffen und das Chignon ihres Haarbaues auflösen und für die Nachtruhe ordnen , während sie den Orangenblüthen-Thee trank , der die Nerven beruhigen und dem Teint seine Frische erhalten sollte . Sie gab dem Bruder keine Antwort ; er schien ihrer auch nicht zu bedürfen , denn er lächelte , nahm das emaillirte Pudermesser , welches auf dem Tische lag , trat damit an den Spiegel , dessen Lichter angezündet waren , und sagte , indem er sich behutsam die Schläfen säuberte : Und Madame , die sich zurückzieht ! Sie ist sehr belustigend , diese verrätherische Unschuld ! Weil ich sie kenne , diese Deutschen , meinte die Herzogin , rieth ich Dir , auf Deiner Hut zu sein . Ihre Poeten haben sie verdorben , sie sind schwerfällig und empfindsam , selbst in ihrer Freude , und sie verstehen das Genießen nicht ! Eine so schöne Schülerin verdiente aber , daß man sie des Besseren belehrte ! rief der Marquis , der sich der Schwester gegenüber in einen Sessel niedergeworfen hatte . Ein flüchtiger Blick , den die Herzogin nach ihrer Dienerin richtete , legte dem Bruder Schweigen auf , aber das Lächeln , welches um seine Lippen spielte , konnte er nicht unterdrücken , und während er mit der feinen Hand die Nadel in seinem Halstuche anders zu stecken versuchte , sagte er : Nur unter seines Gleichen kann man fröhlich leben ,