doch ! setzte der Wirth hinzu . Die Münzen da können gestern noch ganz neu gewesen sein ! Gestern noch ? rief Lucinde erstaunt . Gestern ! bestätigte der Wirth . Man drückt eine solche von dem Juden geschlagene Münze in einen Teig und nudelt damit die Gänse ! Was ? Wie ? Die Gänse ? Ich sage Ihnen , die Gänse ! Und heute früh können die Dinger da den Gänsen erst abgegangen sein ! So , wie sie jetzt da sind , kommen sie dann zum Vorschein ! Grün und rostig und halb zerschmolzen ! Der Wirth schilderte , ohne weitern Anstand den chemischen Proceß , nach welchem diese Münzen durch einen Gänsedarm hindurch binnen vierundzwanzig Stunden achtzehnhundert Jahre alt wurden . Lucinde war aber schon in ein solches Gelächter ausgebrochen , daß er eine noch ausführlichere Erklärung nicht nöthig hatte . Sie gab dem auf dem Sprunge stehenden Knaben ein Geschenk , nahm seine Münzen und rief : Das muß ja der Ahasverus selber sein , der in der Stadt da drüben so die Jahrhunderte machen kann ! Sie kennen doch die Sage von dem bösen Schuster , der einst dem Heiland die Erquickung des Ausruhens abschlug , als er sein Kreuz auf Golgatha tragen mußte ? War das ein Herren- oder Damenschuster , ich kann es nicht sagen ; aber in der Stadt da unten wohnt er jetzt und macht Münzen , die von gestern auf heute tausend Jahre alt sind ! Und mit Hülfe des Vogels der Dummheit ! Sehen Sie , wieder , wie schon einmal auf dem Capitol ! Die Gänse sollen leben ! Die Gänse ! Es ist nicht ohne , daß der Doctor Martin Luther an dem Tage geboren wurde , wo man die erste Gans auf den Tisch bringt ! Dem Wirthe mochte der Ausbruch dieses Humors unverständlich , ja an einer Dame , der sich auf der Brust , wie sich eben beim Lachen gezeigt hatte , ein großes goldenes Kreuz an einem Bande aus der Chemisette losnestelte , fast unheimlich erscheinen . Dennoch machte er keine auffallend betroffene oder etwa den Vermittlerinnen des chemischen Processes , wodurch Neuestes zu Aeltestem werden kann , verwandte Miene , sondern bemerkte , daß er selbst ein Freund alter Münzen wäre , eine schöne Sammlung echter hätte und sie der jungen Dame , wenn sie es wünschte , vorlegen könnte . Nein , nein , nein ! rief sie in ihrem alten , wie wir wissen , die Grenze überschreitenden Humor . Wer bürgt mir für die Unschuld Ihrer Gänse ? Sie nudeln sie auch mit Jahrhunderten ! Sie sind unecht ! Gewiß , gewiß ! Bitte ! bemerkte der Wirth ... Ich fand den größten Theil selbst . Man hat sie Ihnen hingelegt , frisch aus dem Gänsestall ! Ich fand sie an ganz unzugänglichen Orten ! Sie irren sich ! Was entscheidet denn an diesen fünf alten römischen Kupferdreiern , die ich hier in der Hand halte und mir zum Andenken in meine Tasche schließe , daß sie nicht echt sind ! Ihre Münzen , Herr Wirth , haben alle denselben Weg gemacht ! Ob der Rost von der Magensäure einer Gans kommt oder von den allerdings längern Gedärmen wirklicher Jahrhunderte , ist all eins ! Lassen Sie ' s nur so und - glauben wir ' s ! Jetzt setzte sie ihren Hut auf und band den Schleier darüber . Beim Bezahlen ihrer Zeche erscholl plötzlich aus der Ferne ein lieblicher Gesang . Sanfte Accorde wallten durch die sonnige Luft . Es war ein Kirchengesang von jener getragenen Einfachheit , die etwas Kindliches und in den kurzen , zwischen den Strophen liegenden Pausen etwas Ländliches hat , nach Art der Schifferlieder auf den italienischen Seen . Woher kommt denn das ? fragte Lucinde . Es sind die jungen Mädchen aus dem Englischen Fräuleinstift auf der Insel Lindenwerth drüben ! sagte der Wirth und zeigte auf einen weit über den Spiegel des Stroms hinweg aufragenden Kirchthurm . Die Englischen Fräulein , setzte er erklärend hinzu , halten das Stift seit ein paar Jahren . Sie kommen oft mit den Kindern herüber in die neue Kapelle oben ! Lucinde blickte auf den schönen Bau , erinnerte an ihren Einspänner und wollte gehen . Das Erbieten des , wie sie sah , nicht ungebildeten Wirthes , sie zu führen , lehnte sie mit der ihr wiederkehrenden Bestimmtheit ab . Der freundliche , von seinem Gaste , wie selten von einem solchen flüchtigen Ankömmling unterhaltene Mann hätte sie gern hätte gern , wie er selbst sagte , noch vom Sarg des alten Mevissen mit ihr gesprochen ; aber sie hatte gezahlt , übergab zur Verladung vorn auf das Gefährt ihren Koffer , sah sich noch um , ob sie nichts vergessen hatte , und verließ , ohne weitere gemüthliche Anknüpfung mit der neuen Bekanntschaft , den Garten . Sie begab sich zwischen einer Reihe kleiner Sträucher und dem mit ruhigem Sonnenglanz überwobenen , von berg- und thalwärts gehenden Schiffen belebten Strom auf den am Ende des Ortes liegenden Hügel zur Kapelle des heiligen Maximinus . Fast war ' s , als hätte der fromme Gesang sie gemahnt , ihrem bizarren und skeptischen Humor endlich Einhalt zu thun . Vor einem am Aufgang zur Kapelle am Kreuz hängenden Erlöser wollte sie sich auch in Andacht verneigen , sah aber auf der unter ihm befindlichen Bank den Gipsfigurenhändler und seinen Sohn sich ausruhen . Jener rief ihr freundlich winkend und die Stirn trocknend zu : Fa caldo ! Kommt Ihr nicht ins Land hinein ? fragte sie und zeigte über die Berge . Si , Signora ! Nach Kocher am Fall ? Si ! Si ! Kennt Ihr dort die Dechanei ? An der Kathedrale St.-Zeno ? Der Italiener schien aufs angenehmste an einen seiner besten Kunden erinnert , den Dechanten von Asselyn . Un compratore dei Santi ? fragte sie scherzend . Der Italiener schüttelte den Kopf und machte eine schlaue Miene , als