gehört , daß bedeutende Summen und Vermächtnisse für die Gründung einer solchen Einrichtung seit vielen Jahren vorhanden sind , daß aber deren Ausführung an einer gegengefaßten Meinung noch immer gescheitert ist . Man glaubt in der Gründung des Findelhauses eine Beförderung der Unmoralität zu sehen , die einer christlichen Regierung nicht geziemt . Es ist dies ein tiefer und hoher Grund , und wir verkennen keineswegs seine religiöse Bedeutung , wie seine materielle Wahrheit . Die Leichtigkeit , sich der Last des Kindes zu entledigen , wird Viele dazu führen , sich der heiligen Pflicht zu entziehen . Aber ist bei solchen Müttern das Findelhaus für die Neugebornen nicht die Rettung ? Giebt es nicht das Gewissen ? Giebt es nicht die öffentliche Meinung , die selbst in ihrer Ausartung , in der Klatschsucht , den Nächsten und seine Handlungen bewacht ? Man hat sich zu etwas weit weniger Gerechtfertigtem , weit Unmoralischerem , Unchristlicherem entschließen müssen . Man hat dem Thierischen in der menschlichen Natur die Concession gemacht , die Bordelle wieder zu eröffnen . Nach unserer Meinung sind diese in ihrer jetzigen Einrichtung nur Beförderungsmittel der Liederlichkeit und der Vergeudung und stiften keineswegs den sanitätlichen Nutzen , den man von ihnen erwartet und rühmt . Der bessere Gesundheitszustand der Hauptstadt , die Beschränkung der Syphilis ist durch die zugleich eingetretene schärfere Aufsicht der Behörde auf gewisse Zustände der bürgerlichen Gesellschaft , durch die Aufhebung der Kneipenmamsells , der zuchtlosesten Prostitution , durch die Beschränkung der vagabondirenden Liederlichkeit , keinesweges durch die Bordelle herbeigeführt , über deren Verwerflichkeit wir mit den stärksten Eiferern vollkommen einverstanden sind . Welche Aehnlichkeit aber hat das Findelhaus mit diesen Oertern der Schande , die man doch geglaubt hat , den Uebelständen einer großen Stadt schuldig zu sein ? Das Findelhaus ist eine Anstalt der Barmherzigkeit , die die Schuldlosen vor den Folgen der Schuld rettet . Sollte man deswegen die Rettungseinrichtungen gegen Feuersgefahr nicht schaffen und vervollkommnen , Versicherungsanstalten nicht gründen , weil man fürchtet , die Leute werden nun weit weniger vorsichtig mit Feuer und Licht umgehen , indem sie wissen , daß bei einem Unglück sie doch nicht so leicht verloren sind ? Die hundert wohlthätigen und barmherzigen Anstalten der Versorgung von Kranken , Schwachen , Greisen und Armen , die Waisenhäuser und Erziehungsinstitute für die der Eltern Beraubten - sind sie etwas Anderes als Findelhäuser für die Unglücklichen und Hilfsbedürftigen ? Das Findelhaus ist die Waisenanstalt der Säuglinge ! Wir wollen die endliche Einrichtung nicht im Interesse der Mütter für ein gutes erhabenes Werk empfehlen - obschon auch hier die Schwäche der menschlichen Natur viel Berechtigung hätte , obschon gar manche Rettung damit vollbracht , gar manches Verbrechen verhindert würde ; nein - wir mahnen daran im Interesse der unschuldigen hilflosen Kinder , für die keine andere noch so sorgsame Einrichtung diese Anstalt der Barmherzigkeit und des Schutzes ersetzen kann . In Paris , Wien , London , fast in allen großen Städten bestehen längst solche Anstalten und haben sich überall als segensreich und gut bewährt . Auch Berlin zählt seit Kurzem eine ähnliche , private , und die Unterstützung der Behörden , deren sie sich zu erfreuen hat , zeigt , wie sehr man die Zweckmäßigkeit derselben anerkennt . Aber sie ist eben nur für die Fehler der Wohlhabenden und kann nicht den erhabenen Charakter tragen , den ein öffentliches Institut der Barmherzigkeit haben würde . - Berlin besitzt gegenwärtig an der Spitze der entsprechenden Behörde einen Mann von scharfer durchdringender Einsicht für gesellschaftliche Uebelstände und einem Organisationstalent , wie uns kein zweites je bekannt geworden . Energie vereint sich in ihm mit Eifer und Hingebung , und er besitzt die Macht in dem höchsten Vertrauen , das ihm geworden . Berlin und der Staat verdanken ihm bereite Einrichtungen , die seinem Wirken dauernde Anerkennung sichern werden , welche Hindernisse auch Unverstand und philiströser Schlendrian seinem Schaffen entgegenstellen . Das Gute und Zweckmäßige bricht sich noch immer seine Bahn . Sollte der hohe Beamte , den wir meinen , nicht auch seinen scharfen Blick , seine Thatkraft auf diese Einrichtung wenden wollen ? Indem er die Gründung eines solchen Hauses der Barmherzigkeit gegen die seit langen Jahren ihm entgegenstehenden Hindernisse durchsetzte , würde er sich ein Denkmal schaffen , das seinem Namen hundertfachen Segen gebeugter Herzen und jener Hilflosen sichern würde , von denen Christus gesagt hat : Lasset sie zu mir kommen , denn ihrer ist das Himmelreich ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Dame hob behutsam das schlafende Kind aus dem Bettchen und preßte es an ihre Brust . » Sehen Sie nur , Gnädige , was der Kleine für Bäckschen hat , roth wie Aepfelchen . Ja , ja , die Kinder haben ' s bei der Müllerdorfern gut . Schöne Nahrung und Reinlichkeit . Ick sage Ihnen , es geht Nichts über die Reinlichkeit . « Sie hätschelte mit widerlicher Freundlichkeit das Kind , obschon die Mutter , die sich damit auf einen Stuhl gesetzt , sich ekelnd vor dem Branntweinodem abwandte , den das Weib ausströmte . Davon erwachte das Kind , schlug die Augen auf und fing an zu schreien . Nach wenigen Minuten antworteten im Chor die andern , die unter den Lumpen des allgemeinen Bettes zusammengepackt lagen . » Werdet Ihr still sein , Ihr Bälger ! Wart ' , das ist der Schreihals , die Mine - das Ding ist drei Jahr und wie ein Einjähriges . Na wart ' , laßt mich hinkommen . - Entschuldigen Sie , Gnädige , es sind nur gewöhnlicher Leute Kinder und eene Magistrats-Waisenkrabbe . Ick werde sie aber gleich zur Ruhe bringen . « Damit nahm sie vom Tisch eine große Saugflasche , die mit Milch gefüllt schien , und hielt sie den jüngsten Kindern vor , die begierig daran sogen und sogleich wieder in tiefen Schlaf verfielen .