Hofnungen . Ich nahm Theil daran , aber nur oberflächlich . Andre Gedanken bewegten sich zu mächtig in mir . Man widerrieth mir nach Hamburg zu gehen : da wären die Franzosen , aber keine Schiffe für England . Ich ging nach Lübeck in der Hofnung eine Ueberfahrt nach Kopenhagen zu finden , und mir dort weiter zu helfen . In Lübeck las ich am Tage meiner Ankunft in den Zeitungsanzeigen , in Holstein auf dem Lande werde ein Musiklehrer gesucht ; wer dazu Neigung habe solle sich melden bei dem Cantor der Marienkirche . Das kam mir vor wie eine Weisung ruhigere Zeiten abzuwarten . Ich meldete mich - - und so kam ich hieher . « Mit fieberhafter Bewegung , bald abgebrochen , bald bei einzelnen Momenten verweilend , hatte Fidelis gesprochen ; Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn und seine Lippen zitterten ; der Doppelausdruck seines Gesichts , die geistige Kraft und die Macht der Leidenschaft , war noch nie so lebendig mir entgegen getreten . Hinter seiner äußern Ruhe und schüchternen Zurückgezogenheit mogte es , wie hinter dem Nonnenschleier seiner schönen zärtlichschwärmerischen Mutter , nicht so gelassen zugegangen sein , als man es nach der ewigen Selbstbeherrschung glauben durfte , mit der er sich selbst im Zügel zu halten gewohnt war . Wol hatte ich ihn in der letzten Zeit von jenen Orkanen des Gefühls durchstürmt gesehen unter denen das Herz wie der Frühling nach Wiedergeburt ringt . Doch so wie heute sah ich ihn nie ! Er lag am Boden , der Titane war gefesselt , überwunden und zerbrochen . Meine elende Seele erschrack vor ihm und vor seiner fürchterlichen Liebe , die gleichsam mit Gott um seine Seele rang . Also auch er , dieser Mensch von Stahl und Gold , war nicht unerschütterlich , harrte nicht aus bei dem Einen , kämpfte nur so lange es eben ging - und ergab sich dann ! - Und wem ? - Mir ! - Einem Weibe das die Verwirklichung einer Chimäre suchte , und gänzlich unfähig war seine Liebe in gleichem Maß zu erwidern . Er schwieg und ich schwieg auch . Ich dachte an meine Verblendung neben ihm in Venedig ein Bild meiner Phantasie , einen Otbert zu lieben ! - ich dachte daran wie mein Herz seitdem so morsch , so hohl in diesen Enttäuschungen geworden sei , daß es wol noch sich nach Liebe sehnen , aber nicht mehr sie empfinden , ja nicht einmal die seine begreifen könne . Ich hielt in diesen wenigen Secunden Gericht über mich - aber in dem Augenblick wo ich den Stab hätte brechen sollen warf ich mich in Todesangst in die aufschwellende Flut des Gefühls und dachte : Vielleicht trägt sie mich dennoch an ein lieblicheres Gestade ! leiden ist nichts ; - lieben ist Alles ! - » Nun weiter , Fidelis ! « sprach ich sanft und nahm seine Hand . » Es giebt nichts weiter , entgegnete er . Jezt wäre nur noch von den Resultaten meiner jugendlichen Entschlüsse und Bestrebungen zu reden , und die sind dürftig genug . Ich bin allerdings ein ziemlich tüchtiger Musiker , aber sehr fern von der früher geträumten Größe . Und was die Freiheit betrift von der ich mein höchstes Heil erwartete : so habe ich erkannt , daß ich derselben nicht fähig war . Eine Liebe - die unsinnigste und zugleich die göttlichste , hat mich unfrei gemacht ! Sie war verboten .... aber zugleich durch eine solche Kluft von Unmöglichkeiten von mir getrennt , daß diese mich sicher machten . Wie auf den schwindelnden Brückenstegen des Hochgebirges fühlte ich mich : Hält dich der wankende Steg über dem Abgrund - wolan ! so zeugt das von Muth , Macht und Glück ; trägt er dich nicht , so geht deine Schuld vielleicht in dem Sturz unter ! - Aber weil ich mich von dieser Liebe umstrickt fühlte , so hatte ich keine feste Zuversicht zu mir selbst . Ich mißtraute mir und meinen Leistungen . Ich glaubte in ihnen allen die Fessel wahrzunehmen , die mich zu Zeiten dermaßen band , daß Kunst und Genie mir Puppenspiel und Fratze schienen , und ein Wort , ein Blick der Liebe - Wahrheit und Heil ! Ich glaubte sie trügen den eisernen Reif , der sich zu Zeiten um meine Stirn und Brust schmiedete und sie unzugänglich für den labenden Anhauch aus einer höheren Welt , unempfindlich für die frischen Lüfte aus geistigen Regionen machte . Die stolze Jugendfreude an mir selbst , an der Welt und dem Leben ging mir unter , und ohne diese Freudigkeit - welche den tiefen Melancholien jeder schöpferischen Richtung die Waage halten muß - ist es schwer , wol gar unmöglich Ausgezeichnetes zu leisten . Meine Liebe machte mich schüchtern , und der Genius will auf einem sichern Boden die Grundlage seines Tempels gründen . In ein Meer von Verworrenheit und Wirrsal , von Anziehungs- und Abstoßungskraft , von Selbstbeherrschung und Erschlaffung , von Feigheit und Tollkühnheit bin ich durch sie gerathen , und tausendmal hab ' ich gedacht : Wer doch den Rath seiner Mutter befolgt und sich aus diesem Wellenstrudel zu dem Crucifix auf der Felsenklippe gerettet hätte ! - Aber nichts da ! Unüberwindlich lockte mich die Lorelei .... nur sie ! Dieselbe Allmacht welche bewirkte daß sie mich unangetastet in ihrer Zauberwelt hielt , machte auch daß ich mich von ihr nicht losreißen konnte . Durch lange Jahre der Trennung herrschte sie ! in den bittersten Erkenntnißschmerzen meiner Thorheit und Nichtigkeit herrschte sie ! über meinem künstlerischen Thun und Treiben herrschte sie ! über meine Entschlüsse , meine Richtung , meine Gedanken , meine Seele herrscht sie dermaßen , daß keine Vernunft , noch Kraft , noch Uebung stark genug waren - um ihr in meinem Herzen stumm zu huldigen und sie stumm darin zu begraben . Dies ist das » Weiter « wonach Sie fragen . « Immer wenn Fidelis schwieg erschrack ich . Jezt