nicht an das meines Freundes schließen . Anna ! schrie Otto auf , ist das dein Ernst , wagst du schon jetzt dich zu entscheiden ? Und warum nicht jetzt ? Heute , morgen , über ' s Jahr , ist das ein Anderes ? Er wird auch jetzt mich verstehen . Otto , wer im Augenblicke des Zweikampfs den Muth hatte , mit dem Mörder des Geliebten fortleben zu wollen , um der Kinder willen , hat auch den , eine Trennung zu tragen , die nur eine äußere ist , nie eine innere werden kann ! Otto seufzte schwer . Du bist so jung und das Leben ist so entsetzlich lang ! Sie aber schüttelte den schönen Kopf und legte die Hand auf ihr bang schlagendes Herz . Und doch , traue mir ! Vom Nebenzimmer herüber tönte Leontinens leise Stimme , sie sang ein Lied , das Otto liebte . Einen Augenblick horchte er wehmüthig ihren Tönen , dann ging er hinein , auf lange Abschied von ihr zu nehmen . Lied . O nur kein Wort , kaum ein Gedanke ! Es spielt im Rosenkelch die Luft , Es träumt der Schmetterling im Duft , Der Abendhauch im matten Glanze ; Es winkt verschwiegen dir die Ranke , Lockt in den Zauber dich hinein - O nur kein Wort , kaum ein Gedanke ! - Da bricht ein Strahl die Wunderstille ! Wie all-lebendig Wald und Welt ! Nun spricht dein Herz , nun ruft das Feld ; Es schwirrt und summt um jede Pflanze ; Der Glutmoment warf ab die Hülle , Aufblitzt der grelle Sonnenschein ! - Wo blieben Zauber , Traum und Stille ? In Basel waren die Ferien zu Ende . Vrenely hatte zehn Mal die Nachbarn getäuscht mit der Versicherung : es gehe ihrem Manne gar wohl , er sei auf dem Rückwege . Aber nun ward ihr das Herz allzuschwer , so schwer , als zöge es sie unter die Erde . Hatte sie den lauten Tag zur Ruhe gebracht , so kam die Nacht mit ihren noch lautern Träumen , das Elend schrie sie gewaltsam wach - und dann war er nicht da . Sie lief an ' s Fenster , riß es auf , gewiß , er mußte unten sein , sie hatte wol im Schlaf das Rollen des Wagens überhört , aber - da war nichts als Dunkel , und Herbstwinde sausten über die Baumwipfel und krachten , und schüttelten an Thür und Laden . Die Nacht schaute mit tausend schwarzen Augen durch die geöffneten Fenster in das schwach erhellte Zimmer , in dem sie schlafend und wachend immerfort wartete auf ihn . Es hatten schon viele Studenten angefragt , ob der Professor nichts habe hören lassen ; die Collegia waren angeschlagen , die andern Vorlesungen begonnen . Manchmal war ihr , als rückten all die fernen Berge ganz eng zusammen , als würfen sie alle ihre rollenden , stürzenden Bergwasser , all ihre Lavinen und ihre Stürme ihr auf ' s Herz , als wanke der Fels unter ihrem Fuß , ja als könne ihr armer Kopf wol ganz irre werden , wenn ihr der eine Gedanke einfalle , den sie noch nicht dachte , nur ahnte , und den sie immer fortschob mit Gewalt , wenn er ihr näher treten wollte . Und nah lag er ihr , das fühlte sie wohl , entsetzlich nahe ! Nicht einmal beten konnte sie mehr , die Angst verwirrte sie und zerstreute sie ; sie faltete dem kleinen Mädchen die noch willen- und bewußtlos herumgreifenden Händchen und blickte gen Himmel . Es war eben so gut wie ein Gebet . Endlich hatte sie beschlossen , ihm nachzureisen ; denn sonst sterbe ich , sagte sie traurig vor sich hin , wenn ich nicht weiß von ihm , und das ist doch das Allerschlimmste . Sie rüstete sich , packte ein ; es war nun Abend ; der Herbstsonnenschein lag roth und brennend auf der altergrauen Stadt , sie sah ganz jung und rosig davon aus , das machte Vrenely Muth . Sie setzte sich mit dem Kinde auf das schon fertig gepackte Köfferchen und blickte über die Wiege weg in den wieder Tag und Leben verheißenden Strahl - da umfaßten sie plötzlich von hinten zwei kräftige Arme und drückten sie an ein warmes , treues Herz . Gott im Himmel ! er war ' s und hatte sie überschlichen . Bleich , verkümmert , mager war er . Sie fragte nichts , schalt nicht , warf ihm nichts vor ; sie zog ihn an den Tisch auf ' s Sopha , daß er bequem ausruhe , dann lief sie , Alles herbeizuholen , was den Ermüdeten erquicken konnte . Die letzten Stunden hatte er zu Fuß gemacht , um auf Richtwegen früher anzukommen . Bei jedem , was sie brachte , fiel sie ihm um den Hals , drückte ihn an ' s Herz und eilte , noch mehr zu bringen . Zuletzt rückte sie ihm die Wiege noch bequem zurecht , daß er die Kleine immer sehen könne , und setzte sich still zu seinen Füßen auf einen Schemel . Er nahm das schlafende Kind und küßte es wach . Du siehst aus , wie der heilige Joseph ! sagte sie lachend ; all ' ihre Munterkeit war erwacht . Erst als er lange geruht , gegessen , getrunken hatte , legte sie ihr Köpfchen auf seine Schulter , sah ihn mit den glänzenden schwarzen Augen innig zärtlich an und sagte : Du hast wol viel gelitten ? Ueber sich sagte sie gar nichts . Otto spielte mit ihren langen Flechten und erzählte . Sie schreckte zurück auf dem Schemel , faltete entsetzt die Hände ; so halb zurückgelehnt , starrte sie ihn an und lauschte ihm jedes Wort von den Lippen . Gott , das war ' s ! ächzte sie und ihre Thränen ließen ihr kein Wort weiter . Als er geendet , weinte sie